Allianzen im Anflug
 
Matthias Buchwald
Links: Max Conze, Rechts: Markus Breitenecker
Links: Max Conze, Rechts: Markus Breitenecker

AdExchange-Plattformen, gemeinsame Sales-Aktivitäten und Content-Kooperationen: Die Privatsender-Manager Max Conze und Markus Breitenecker forcieren von Wien aus Allianzen – konkurrenzübergreifend und europaweit.

Dieses Interview ist zuerst in Ausgabe Nr. 12/2019 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Lange wurde über Allianzen und deren Notwendigkeit am Mediensektor gesprochen. Nun scharen die Privatsender-Vertreter Max Conze (ProSiebenSat.1 Deutschland) und Markus Breitenecker (ProSiebenSat1. Puls 4) die europäische Medien-Kollegenschaft Anfang April in Wien um sich, um bisher theoretische Überlegungen auch in konkrete Kooperationsmodelle zu gießen.

Die inhaltliche Bandbreite reicht dabei weit über politische Forderungen hinaus und umfasst Plattformen für die Abwicklung von Media-Inventar ebenso wie gemeinsame europaweite Sales-Aktivitäten, aber auch die Umsetzung gemeinsamer Content-Produktionen. All diese Ambitionen sollen nach den Vorstellungen der Initiatoren die europäische Medienlandschaft stärken, wie sie gegenüber HORIZONT exklusiv erläutern.

HORIZONT: Sie rufen mit dem Broadcaster-Gipfel zur Vereinigung der europäischer Privatsender. Was steckt hinter diesen Plänen?
MARKUS BREITENECKER:
Wir arbeiten in Österreich seit drei Jahren intensiv an der Vision einer Medien-Allianz, sowohl grenzübergreifend in Europa als auch zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern. Im Buch „Change the Game“ haben wir dazu bereits erste Vorschläge veröffentlicht. Mit dem neuen CEO der ProSiebenSat.1-Gruppe in Deutschland, Max ­Conze, setzen wir die Überlegungen in die Tat um und laden heuer CEOs europäischer Sender der European Media Alliance zum 4Gamechangers-Festival ein. Wir hosten das erste Gipfeltreffen  vieler europäischer Player erstmals in Wien.  Die Vision ist paneuropäische Kooperationen auf unterschiedlichen Ebenen, um  die Herausforderungen des europäischen Medienmarkts aktiv zu gestalten.

Was soll aus diesem Bestreben heraus an Forderungen an die Politik, aber auch konkreten Maßnahmen und Umsetzungen entstehen?
MAX CONZE:
Natürlich gibt es auch Forderungen an die Politik. Wir streben mit dieser Idee aber nicht primär eine Lobbying-Vereinigung an, sondern eine operative Plattform. So können wir tatsächlich in jenen Bereichen kooperieren, in denen die Politik bei der Umsetzung nicht mitspricht. Das könnte gemeinsame Lösungen im Tech-Bereich umfassen bis hin zu gemeinsamen Ad-Exchange-Techniken und -Plattformen. Der Kooperationsgedanke bezieht auch schon gemeinsame Sales-Aktivitäten bei paneuropäischen Kunden mit ein, zum Beispiel bei unserer European Broadcaster Exchange in London. Und wir denken auch an Content – also gemeinsame Produktionen, die lokale Farben bedienen und dabei ein europäisches Publikum ansprechen.

Das heißt, die Kooperation unter den Sendern im operativen Business steht im Vordergrund. Welche konkreten Projekte sind bereits in der Pipeline?
CONZE:
Wir betreiben derzeit vor allem im AdTech-Bereich konkrete Projekte. Wir leben allerdings noch nicht mit allen Partnern die gleiche Tiefe der Zusammenarbeit und hier möchten wir nachziehen. Das hängt auch von den Gegebenheiten und Größen der Märkte ab: Bei OTT-Plattformen ist Deutschland beispielsweise schon weiter als Italien, auch bei AdTech-Solutions sind wir in Österreich und Deutschland viel weiter als der Süden Europas.
BREITENECKER: Dazu sind viele weitere Projekte bereits in konkreter Vorbereitung.

Welche denn?
BREITENECKER: In Deutschland existiert bereits eine Partnerschaft von ZDF und der ProSiebenSat.1-Plattform 7TV. Dieser gute erste Schritt soll nun auch in Österreich folgen, um gemeinsame Streaminglösungen auch mit Öffentlich-Rechtlichen zu forcieren. Dieses Modell nehmen wir uns zum Vorbild – auch als Antwort auf die Angebote aus dem Silicon Valley.

Für die angesprochene Plattform 7TV wurden große Neuerungen für den Sommer angekündigt.
CONZE:
Wir zählen bereits über 30 Partner für dieses Projekt. 7TV wird im Sommer einen neuen Namen sowie einen kompletten Relaunch erhalten, sowohl in Deutschland als auch in Österreich – und wir denken über die deutschsprachigen Grenzen hinaus und kooperieren mit Discovery als wichtigstem Partner des Joint Ventures. Im Portfolio werden mehr als deutschsprachige Inhalte angeboten – von BBC bis Bloomberg.

Lange wurde über Allianzen gesprochen, die nun offensichtlich konkreter werden. Netflix und Co haben jedoch immer noch einen zeitlichen Vorsprung. Wie wollen Sie in naher Zukunft auch tatsächlich einen Gegenpol anbieten und diesen Playern die Stirn bieten?
CONZE:
Erstens ist Netflix eine Plattform, auf der man „binge-watched“, also mehrere Folgen am Stück schaut. Wir bieten eine Plattform, die sowohl linearen als auch On-Demand-Konsum über alle möglichen Kanäle hinweg ermöglicht. Zweitens sind wir kostenlos, Netflix nicht. Wir hatten letzten Sommer 2,5 Millionen aktive User im Monat und liegen jetzt bei 3,3 Millionen. Diese Zahl wird immens steigen, vor allem wenn wir unseren USP einsetzen, die Plattformen in unserem umfangreichen TV-Programm zu cross-promoten. Wir gehen davon aus, die Nutzerzahl innerhalb von zwei Jahren auf zehn Millionen monthly active User steigern zu können.



Ein Allianzgedanke ist ja ein grundsätzlich guter, trotzdem besteht die Gefahr, dass einzelne Sendermarken Schaden erleiden und nicht mehr so stark reüssieren.
BREITENECKER:
Das Risiko, dass einzelne lineare Sendermarken auf solchen Plattformen etwas in den Hintergrund rücken können, besteht natürlich – dafür treten aber Inhalte daneben. Wir betreten im digitalen Zeitalter eine Ära, in der qualitativer Content ganz entscheidend ist. Gleichzeitig bieten starke Sendermarken auch hier den Menschen Orientierung, die sie benötigen. Daher konzentrieren wir uns sehr stark auf die Produktion und ein umfassendes Angebot bester Inhalte. Das bedeutet einerseits, in Partnerschaften möglichst viel an Content zu generieren, aber auch selbst herzustellen, sowohl im News- als auch im Entertainmentsegment.

Im Endeffekt geht es trotzdem ums Geld verdienen. Auch mit dem Blick auf die letzte ProSiebenSat.1-Bilanz: Wie zuversichtlich sind Sie, dass das digitale Geschäft auch Umsätze und Erlöse bringt, um das Match gegen die Giganten tatsächlich bestreiten zu können?
BREITENECKER:
Für uns steht der Zuseher und der User an erster Stelle. Wir denken zunächst nicht primär daran, wie wir maximal kapitalisieren können. Dort, wo unsere Bewegtbildinhalte massenhaft begeistern, kommen Umsätze automatisch.

Im Rahmen der letzten Quartalszahlen ist zudem angekündigt worden, zusätzlich Geld für lokale TV-Inhalte und technologische Plattformen in die Hand zu nehmen. Wie investitionsintensiv wird dieses Match sein?
CONZE:
2019 wird die Transformation in unserer Gruppe noch schärfer vorangetrieben, auch bei Inhalten: Wir investieren 1,1 Milliarden Euro in unser Programm, ungefähr 600 Millionen Euro davon in lokalen Content. Allein für 7TV sind es 100 Millionen Euro, die wir mit Discovery in die Plattform investieren. Wenn man sich im Vergleich ansieht, was Netflix investiert, klingt das global gesehen extrem viel, heruntergebrochen auf einzelne Länder ist es dann doch nur ein Bruchteil unserer Investitionen.

Wird es diese Investitionen in Relation auch für den österreichischen Markt geben?
BREITENECKER:
Wir investieren massiv in eigene österreichische lokale Inhalte, um mit Puls 4, ATV und ATV II drei zusätzliche Österreich-Sender zu bespielen. Wir sehen bei ATV und Puls 4 so stark steigende Quoten, weil wir eben immer mehr lokale Inhalte anbieten.

Der lokale Fokus soll also auch im Kontext einer europäischen Allianz ganz klar gesetzt werden?
BREITENECKER:
Ja. Die Krönung wäre, eine paneuropäische Content-Allianz in den jeweiligen Märkten lokal umzusetzen. Dahinter steht die Frage, welche Shows und Formate man so aufsetzen kann, dass sie europaweit funktionieren, aber ihr Lokalkolorit behalten.

Soll diese Allianz in einer konkreten neuen Vereinigung münden, die in einer Rechtsform organisiert wird, oder bleiben das lose Zusammenschlüsse?
CONZE:
Wir haben vor über fünf Jahren das Netzwerk „European Media Alliance“ ins Leben gerufen, in dessen Rahmen wir bereits sehr gute Ergebnisse erzielt haben, auch ohne eigene Institutionen. Gleichzeitig gibt es Kooperationen wie EBX, bei denen das Joint Venture als Rechtsform einen Wettbewerbsvorteil bietet. Entscheidend ist doch das Ziel, das ich verfolge, der Weg dorthin ist dann nur Methode.

Der Broadcaster-Gipfel findet im Rahmen des 4Gamechangers-Festivals statt. Welche weiteren Impulse erhoffen Sie sich dadurch?
BREITENECKER:
Unser diesjähriges Motto „Europe meets Asia“ ist bewusst gewählt, da wir unseren Fokus auf den chinesischen Markt legen und in Europa gemeinsam mit den Asiaten den Silicon-Valley-Giganten etwas entgegensetzen wollen. Das soll auch die österreichischen Medien und Wirtschaft befruchten. Wir bringen Menschen zusammen, die die digitale Welt verändern, zusammenbringen und den Austausch schaffen – und das eben auch bewusst in Kooperation mit den Asiaten.

Dort lauern mit Alibaba und Co womöglich die viel größeren Konkurrenten.
BREITENECKER:
Amerika ist stark, Asien ist stark, Europa ist es noch nicht. Die Frage ist, wie wir uns in diesem globalen Medien- und Handelskrieg bewähren können. Ein ganz konkretes Beispiel demonstriert die Zusammenarbeit, nämlich jene mit der chinesischen Firma EHang und dem österreichischen Flugzeugteile-Hersteller FACC, mit denen wir als ProSiebenSat.1 Puls 4 ein Joint Venture eingegangen sind, um Flugtaxis in Europa zu launchen. Wir werden innerhalb der nächsten 24 Monate fliegende Transport-Taxis starten und flugtauglich bereits am Festival verfügbar haben. Jetzt braucht es als nächsten Schritt Lizenzen und Fluggenehmigungen. Wir werden 2025 in Wien zum Preis einer Taxifahrt unbemannt von einem Ort zum anderen fliegen können.

Sie verlassen damit als TV-Konzern bewusst ihr Kerngeschäft.
BREITENECKER:
Ja, wobei wir unsere Kernkompetenzen Kommunikation und Vermarktung einbringen, die Apps entwickeln und innerhalb der Taxis die Screens mit unseren Inhalten bespielen. Das passt wiederum sehr gut zu unserem Kerngeschäft. Und ja, wir müssen solche Breakout-Ideen entwickeln, weil es an der Zeit ist, größer zu denken.   

stats