Ach, Alex...
 

Ach, Alex...

Editorial von Sebastian Loudon, Herausgeber (HORIZONT 41/2013)

Was war das für ein seltsamer Vormittag, da oben in der Sky Bar (siehe Seite 1 und 3). Es war die gefühlt zweieinhalbtausendste medienpolitische Diskussionsveranstaltung, und trotzdem war sie irgendwie anders. Vielleicht lag es an den vielen Kameras, an den hochrangigen Vertretern der einschlägigen Behörden im Publikum, vielleicht lag es an  Harald Fidlers Studenten, die einen vermuten ließen, hier geht es um etwas, das mehr interessieren könnte als einige Sendervertreter, Medienanwälte und journalistische Begleiter dieses ganzen Zirkus. Vielleicht lag es auch daran, dass sich Alexander Wrabetz dieser Diskussion stellte, oder daran, dass Josef Cap mit seiner zynischen „Eh ois supa“-Haltung endgültig den Bogen überspannt hatte. Irgendetwas war jedenfalls anders.

Es war, jetzt fällt es mir wieder ein, Walter Zinggl. Er meldete sich ziemlich am Ende der Diskussion zu Wort, obwohl er das nicht wollte. Er musstes es tun, und er begann sein Statement mit einem zart und irgendwie resigniert ins Mikrophon gehauchten: „Ach, Alex...“ Was war geschehen? Wie bei jeder medienpolitischen Veranstaltung war das Böse schlechthin ziemlich schnell identifiziert: Die Werbefenster. Sie schöpfen wertvolles Fernsehwerbegeld aus diesem wunderschönen Land ab und schieben es den turbokapitalistischen Heuschrecken in den Rachen, so geht die Legende. Sie sind der Grund allen Übels, quasi der Sauron der Medienszene – das gehört zum Allgemeinwissen jedes ORF-Mitarbeiters, ja sogar die Mitglieder des Stiftungsrates sind davon überzeugt. Ihre tatsächliche Rolle für den österreichischen Medienmarkt wird entweder verschwiegen oder ignoriert. Man kann es so sagen: Gäbe es die Werbefenster nicht, hätten wir keinen richtigen österreichischen TV-Werbemarkt mehr. Die Werbefenster verhindern nämlich – über weite Strecken – den so genannten „Overspill“, also, dass in Deutschland ausgespielte TV-Werbung auch dem österreichischen Publikum serviert wird. Würden wir auf RTL, ProSieben & Co deutsche Werbeblöcke sehen, Österreich wäre aus Sicht der großen Markenartikler und ihrer Mediaagenturen mit einem Schlag das 17.deutsche Bundesland. Man bräuchte hier keine Agentur mehr, ergo keine Vermarkter, keine Standorte, keine Steuern zahlen. Das alles sprach auch Markus Breitenecker zuvor am Podium offen an, aber Zinggls Wortmeldung verlieh der Diskussion eine andere Note – er war immerhin einmal Vermarktungschef des ORF und ist heute für die Werbefenster der RTL-Gruppe verantwortlich, kennt also beide Seiten.

Und wie reagierte Wrabetz? Nach einem ersten Moment der Verlegenheit, entschied er sich für Aufrichtigkeit und meinte, selbst, wenn es eine juristische Handhabe gegen die Werbefenster gäbe, wüsste er nicht, ob er diesen Weg gehen würde. Das würde er sogar bestimmt nicht tun, und vielleicht ist es an der Zeit, das auch einmal seinen Mitarbeitern und Stiftungsräten mitzuteilen.
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