"2010 wird schwierig"
 

"2010 wird schwierig"

Wirtschaftsgipfel: Krise als Turbo für Veränderungen in der Kommunikation

„Ich werde mir 2010 einen Account im Social Web anlegen, mich aber von meinen Kindern dabei beraten lassen“, versprach Thomas Hintze, Chef der UPC Telekabel beim Wirtschaftsgipfel, der gleich nach der Eröffnung der 16. Medientage anberaumt war. Mit ihm hatten auch Armin Wolf als Moderator, Wolfgang Anzengruber (Vorstandschef Verbund), Peter Hanke (Geschäftsführer Wien Holding), Harald Himmer (Alcatel Lucent Central Europe), Herbert Paierl (Präsident Management Club Österreich, Magna), Regina Prehofer (Vorstand Bawag PSK), Walter Rothensteiner (Generaldirektor RZB) und Wolfgang Rosam (Gründer Change Communications) am Podium Platz genommen. Letzterer riet: „Tragen Sie nie einen Konflikt mit ihrer Frau über E-Mail aus.“ Dieser würde nämlich ungleich schrecklicher ausfallen, als einer übers Telefon geführter, da der Medienkanal E-Mail Konflikte nur verstärke.

Neben solchen launigen Ansagen ging es bei der knapp zweistündigen Diskussion auch um die Frage, wie die Wirtschaftskrise die Kommunikation verändert hat, ob Advertorials der richtige Kanal ist, um politische aber auch wirtschaftliche Themen zu transportieren, welche Geräte und Kanäle die Diskutanten persönlich am liebsten nutzen und was das Jahr 2010 gesamtwirtschaftlich so bringen wird. Anzengruber: „Wir müssen die Krise nicht schönreden, sondern managen.“  Ihm mache Sorgen, dass noch kaum Veränderungen (etwa neue Spielregeln für die Finanzwelt) statt gefunden hätten. Er denke, dass es erst 2011 zu einer Trendumkehr kommen wird. Auch der gelernte Optimist Rosam hält es für möglich, dass 2010 insbesondere für die Werbebranche ein recht schwieriges wird, da die Schaltpläne auf Basis des schwierigen heurigen Jahres gemacht würden. „Wichtig wäre jetzt, dass die Politik und die Wirtschaft optimistisch kommuniziert, damit man die Krise aus den Köpfen der Menschen heraus bekommt.“ Rothensteiner meinte, dass der Bankensektor heute wesentlich stabiler wäre, als noch vor einem Jahr. „Es wird keine weiteren Lehman Brothers mehr geben“, versprach er. Auch das gerade für den heimischen Bankensektor so wichtige Ostgeschäft würde allerdings ein wenig früher anspringen, als die heimische Wirtschaft. Rothensteiner: „Man sieht Licht am Ende des Tunnels – es ist aber eher eine Energiesparlampe und kein Halogenlicht.“ Und: „Man weiß auch nicht, ob das Licht nicht doch auch von einem entgegenkommenden Zug stammt.“  Paierl wiederum meinte: „Österreich ist wegen der vergleichsweise geringen Arbeitslosenzahlen besser dran, als viele andere Länder.“ Er höre aus den Unternehmen seit Juni dieses Jahres, dass der Boden nun erreicht sei. Hintze wiederum betonte, dass er mit UPC in einer antizyklischen Branche tätig sei, die gerade jetzt investieren müssen.

Krise veränderte Kommunikation
„Im B2B- Bereich wird kaum noch geflogen und vieles über Web-Konferenzen abgewickelt“, berichtete Paierl, wie sich die Krise auf die Kommunikation ausgewirkt habe. Die engen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hätten dazu geführt, dass man bei der Kommunikation mit dem Kunden kreativer sei. Rothensteiner: „Man ist gegenüber der Konkurrenz im eignen Land freundlicher geworden, weil es jetzt mehr um das Image der gesamten Branche geht.“ Auch wären gerade jetzt „die Rosams dieser Welt“ gefragt. „Banker haben jetzt das Image, das Politiker schon immer hatten“, so Rothensteiner. Und dies würde die Kommunikation der Banken vor ganz neuen Herausforderungen stellen. Auch sei die Öffentlichkeit viel interessierter am Tun der Banker. „Wir müssen viel mehr erklären als früher“, so Rothensteiner. Verbund-Boss-Anzengruber ortet ebenfalls ein verstärktes Interesse der Öffentlichkeit an der Energiewirtschaft. „Unsicherheit verlangt immer nach mehr Kommunikation.“ Aber auch die Gaskrise am Anfang des Jahres habe das Interesse der Öffentlichkeit am Thema Energie verstärkt. Bei Bauvorhaben (Kraftwerke oder Hochspannungsleitungen) würden seit jeher großes öffentliches Interesse hervorrufen. Eine neue Agentur zu engagieren reiche oft nicht. „Kommunikation ist oft Chefsache, die man nicht delegieren kann“, so Anzengruber. Für viele Themen wäre Werbung als einziges Kommunikationsmittel auch einfach zu wenig. Für Wien-Holding-Chef Hanke ist der Vorverkauf für Tanz der Vampire viel wichtiger als die Dachmarke „Wien Holding“. Er habe allerdings das eigene Kommunikationsbudget in den Jahren 2007, 2008 und 2009 nicht verändert.

Ausfall bringt Aufmerksamkeit
Für UPC-Boss Hintze war früher die Kommunikation „viel lustiger“. Warum? „Da haben wir das Arrows-Team in der Formel-Eins gesponsert und das ist ja sehr oft ausgefallen.“ Damit wäre das UPC-Logo sehr oft auch ins TV-Bild gekommen, da die Szenen vom Abtransport des Wagens gezeigt werden. Ob dahinter eine Kommunikationsstrategie steckt, ließ Hintze aber offen. Die verstärkte Investitionstätigkeit seines Unternehmens verlange aber auch eine verstärkte Kommunikation – und sei es nur gegenüber den Shareholdern.  Nahezu alle Diskutanten gaben an, dass sie ihre Investments in die Werbung nicht gekürzt haben. Laut Rothensteiner hätte man die Werbeausgaben sogar erhöht, zumal man erst kürzlich eine neue Werbestrategie hat. Paierl relativierte aber: „Wenn ein Unternehmen 20 bis 40 Prozent Umsatz verliert, dann geht es ums Überleben und dann kann man nur bei den variablen Kosten sparen, obgleich es viel gescheiter wäre, gerade jetzt zu investieren und zu werben.“ Bei der BAWAG hat man in den ersten Monaten laut Prehofer eher zurückhaltend agiert. Seit 1. Oktober sei man allerdings mit einer neuen großen Kampagne „Unternehmen Österreich“ on air. „Es ist aber auch wichtig, dass man den Kunden über redaktionelle Inhalte informiert“, betonte die Bawag-Chefin. Hier hakte PR-Profi Rosam ein, dem die Schwemme an Advertorials mit politischen Themen auf die Nerven geht. „Es ist der falsche Weg, wenn Politiker versuchen mithilfe von Advertorials ein Medium zu kaufen.“ Paierl: „Gute Medien kann man nicht kaufen und schlechte Medien sind ein schlechter Träger für die eigenen Informationen.“ Anzengruber wiederum ist überzeugt davon, dass gekaufte Artikel von den Lesern auch als solche identifiziert werden würden. „Man darf den Leser nicht für dumm verkaufen.“

Am Schluss der Diskussion wollte Moderator Armin Wolf dann auch noch wissen, wie sich das Kommunikationsverhalten der Diskutanten selbst verändert hätte. Der Blackberry entpuppte sich dabei als begehrtes Gerät, dem allerdings auch Hass entgegengebracht wird – allenfalls vom eigenen Ehepartner. RZB-Chef Rothensteiner empfindet den Blackberry als viel zu hektisch und nutzt einen Pocket-PC. Man war sich auch darüber einig, dass Reden trotz aller neuen Kommunikationsmittel wichtig und heute leider oft unterschätzt werde. Über einen Social-Web-Account verfügt indes kein Diskutant. Himmer: „Ich brauche keine neuen Brieffreunde.“ Allein Rosam ist auf Xing vertreten. Wenn UPC-Chef Hintze sein Versprechen wahr macht, dann hat Rosam möglicherweise einen neuen Buddy.

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