Wirtschaftsstandort: Wege aus dem Dilemma: Es...
 
Wirtschaftsstandort

Wege aus dem Dilemma: Es ist nie zu spät

Johannes Brunnbauer
Unter der Leitung von Eva Weissenberger (vierte von links) diskutierten Peter Hanke, Amtsführender Stadtrat für Finanzen, Wirtschaft, Arbeit, Internationales und Wiener Stadtwerke, Marianne Heiß, CEO BBDO Group Germany, Walter Ruck, Präsident der Wirtschaftskammer Wien, Lisa-Marie Fassl, Co-Founder / CEO Female Founders, René Tritscher, Managing Director, Austrian Business Agency sowie Christian Helmenstein, Chefökonom Industriellenvereinigung.
Unter der Leitung von Eva Weissenberger (vierte von links) diskutierten Peter Hanke, Amtsführender Stadtrat für Finanzen, Wirtschaft, Arbeit, Internationales und Wiener Stadtwerke, Marianne Heiß, CEO BBDO Group Germany, Walter Ruck, Präsident der Wirtschaftskammer Wien, Lisa-Marie Fassl, Co-Founder / CEO Female Founders, René Tritscher, Managing Director, Austrian Business Agency sowie Christian Helmenstein, Chefökonom Industriellenvereinigung.

Die Wirtschaftsdaten zeigen ein zartes Wachstum, die Corona-Wellen werden flacher. Kann die österreichische Wirtschaft den Aufschwung nützen und wie kann der Rückstand auf Amazon, Netflix & Co aufgeholt werden? Darüber diskutierte eine hochkarätige Runde im Rahmen der österreichischen Medientage 2021.

Nach dem Herunterfahren des gesellschaftlichen Lebens ist gut ein Jahr nach Ausbrauch der Coronapandemie wieder zartes Wirtschaftswachstum zu verzeichnen – auch das Ökosystem aus Medien, Kommunikation und Werbung verspürt nach herben Dämpfern wieder Aufschwung. Neuer Innovationsgeist, Ideen und Mut zu Investitionen sind gefragt. Wie Wachstum gelingen kann und welche Impulse es dafür braucht.Zu diesem Thema diskutierten unter der Leitung von Eva Weissenberger Lisa-Marie Fassl, Co-Founder / CEO Female Founders, Peter Hanke, Amtsführender Stadtrat für Finanzen, Wirtschaft, Arbeit, Internationales und Wiener Stadtwerke, Marianne Heiß, CEO BBDO Group Germany, Christian Helmenstein, Chefökonom Industriellenvereinigung, Walter Ruck, Präsident der Wirtschaftskammer Wien sowie René Tritscher, Managing Director, Austrian Business Agency.

Das Video wird präsentiert mit Unterstützung der APA-Tech.

Wehrmutstropfen Aufschwung

Zu Beginn präzisierte Christian Helmenstein von der Industriellenvereinigung den Status Quo: „Wir erleben jetzt den stärksten Aufschwung seit 50 Jahren. Der Wehrmutstropfen ist, dass wir in Europa derzeit nur marginal antizipieren.“ Die Hälfte des Wachstums entfalle auf USA und China, die andere Hälfte auf alle anderen Länder. Nur jeder siebente Wachstums-Dollar komme aus Europa. Runtergebrochen auf den Standort Wien meinte dazu Walter Ruck: „Ich sehe das Glas eher halb voll als halb leer. Die Basis passt, das sieht man auch am Werbeklima-Index.“ Noch fraglich für Ruck sei, was die ökosoziale Steuerreform betrifft. „Hier stellt sich für mich die Frage, ob es nicht eher eine Tarifreform ist. Da fehlen mir noch die Daten, um beurteilen zu können, ob es einen wesentlichen Einfluss haben wird.“ Ruck will jedenfalls die Stärken von Wien – Stichwort Diversifizierung – vorantreiben. Aber auch: „Dort, wo wir Schwächen haben wie zum Beispiel beim Thema 5G, müssen wir noch aufholen.“

Digitalisierung verpasst?

Die Einschätzung, wonach der deutschsprachige Raum die Digitalisierung verschlafen habe, wie von Thomas Middelhoff in seiner Keynote zuvor angesprochen, teilte Stadtrat Hanke naturgemäß nicht: „Ich glaube nicht, es gibt einen großen Unterschied zwischen Deutschland und Österreich, speziell in Wien haben wir die Chancen genützt. Wir haben hier eine Investitionsunterstützung initiiert. In Summe haben wir vieles richtig gemacht, speziell wenn man die Zahlen der letzten Tage zieht.“

Marianne Heiß sieht die Chancen auch eher in der Zukunft liegen. „In der Tat haben wir in Deutschland die Konjunkturprognose reduzieren müssen. Das liegt an Lieferengpässen wie im Halbleiterbereich, was die Automobilindustrie betrifft. Für das kommende Jahr sehen wir ein Wachstum von fünf Prozent.“ Zu viel Selbstzufriedenheit ist aber ebenfalls fehl am Platz, wie Lisa-Marie Fassl im Rahmen der Diskussion ins Spiel brachte. „Das Gefühl ist derzeit ein bisschen so, dass man sich auf dem ausruht, was man erreicht hat. Das kann aber erst der Anfang gewesen sein. Die großen Startups haben gezeigt, dass die Arbeitsplätze und Wertschöpfung schaffen. Das sind keine Nischenthemen mehr, das hat Impact.“

Faktor Fachkräfte

Einige waren sich die Podiumsgäste, dass es für eine erfolgreiche Zukunft auch entsprechende Fachkräfte benötige. „Die Verfügbarkeit für Spitzenkräfte aus EU oder Drittstarten ist ein wesentlicher Wettbewerbsfaktor. Bei jeder zweiten Präsentation haben wir die Frage, wie man internationale Forscher an diesen Standort bekommt“, bestätigte René Tritscher, Managing Director, Austrian Business Agency. Nur drei Prozent der österreichische Unternehmen seien internationale Unternehmen – diese investieren aber 50 Prozent in Forschung und Entwicklung. „Wir brauchen diese internationalen Unternehmen in Österreich“, so das unmissverständliche Statement von Tritscher.

Heiß pflichtete bei: „Wir müssen agiler werden und Hierarchien abbauen. Hierarchien verhindern Kreation und Innovation. Wir haben in unserer Gruppe diese Hierarchien abgebaut.“ Zudem hat die BBDO in der zweiten Corona-Welle festgestellt, dass man mit den rund 5.000 Mitarbeitern gesund durch die Krise kommen müssen. „Damit meine ich auch mental gesund. Nur so können wir unsere Position im Markt ausbauen.“ Aus Sicht von Heiß ist klar, dass man in Bildung und Ausbildung investieren müsse. Und: „Wir brauchen auch mehr Coaching, weil man sich immer öfters mit dem Sinn beschäftigt. Man muss junge Menschen begleiten. Die Frage ist: Welche Kultur muss man schaffen, um Kreativität zu fördern und Gleichgültigkeit zu verhindern.“

Auch hier sei das Thema Chancengleichheit ein wichtiges Thema, wie Fassl betonte: „Gerade wenn es um Finanzierung geht, haben Frauen mit Nachteilen zu kämpfen. 91 Prozent des investierten Kapitals geht in rein männliche Teams. Ich verstehe, dass Frauen sagen: Das interessiert mich nicht. So geht viel wirtschaftliches Potenzial verloren.“

Im Kindergarten anfangen

Für Helmenstein kann man in Punkte neuer Fachrkäfte nicht früh genug anfangen. „Wir brauchen entsprechende Ausbildungsinitiativen, das fängt im Kindergarten an. Es braucht einen positiven Erfahrungshintergrund. Zuletzt hatten wir allerdings eine zu hohe Drop-Out-Quote in der Schule.“ Zudem stellte Helmenstein in Frage, ob man genug getan habe, um junge Menschen, die vor einem Studien stehen, zu betreuen. „Hier muss man noch stärker in Stipendien-Programme reingehen, um junge Menschen für naturwissenschaftliche Studien zu motivieren. Zudem brauchen wir eine hochqualifizierte Zuwanderungsstrategie, da müssen wir das Rad auch nicht neu erfinden.“ Mit einem Mythos wollte Helmenstein zudem aufräumen: „Es heißt immer, dass die Digitalisierung Jobs kostet. Jetzt zeigt sich: Jene Länder, die die Robotisierung nicht verfolgt haben, verlieren mehr Jobs als die anderen.“

Was wollen wir in zehn Jahren?

Am Ende der Diskussion galt der Blick der mittelbaren Zukunft. „Das ist ein Punkt, wo wir in Österreich noch enorm viel Potenzial liegen lassen. Wir müssen den Sinn für Realität schärfen, müssen ehrlicher zu uns selbst sein. Wir müssen die kritische Frage stellen, wie wir in zehn oder mehr Jahren leben wollen“, sagte Fassl.

Für Stadtrat Hanke braucht es dazu Investitionsanreize. „Wir müssen unsere Anstrengungen jedoch vervielfachen. Für Wien ist es eine historische Chance, viele neue Geschäftsbereiche anzustoßen. Wir müssen jährlich in Wien Photovoltaik auf der Fläche einer Größte von 100 Fußballfeldern ausstatten, um die Klimaziele zu erreichen. Als Stadt Wien müssen wir das befeuern, mit den Stadtwerken gehen wir hier zum Beispiel im Energiebereich neue Wege.“
Dazu wird Wien Geld in die Hand nehmen müssen. Entstehen dadurch neue Schuldenberge? „Wenn wir in Infrastruktur fördern, schaffen wir ja etwas und es entstehen nicht nur Schulden. Den Schulden stehen Werte gegenüber“, so Hanke. So werde auch der Investitionstopf für Wiener Medien in den kommenden drei Jahren fortgeführt.

Kann der Rückstand aufgeholt werden? Helmenstein: „Wir beklagen häufig, dass technologische Geschwindigkeit sich ständig steigere und wir nicht mitkommen. Wenn die Welt jeden Tag neu erfunden wird, kann Österreich oder die EU auch heute neu einsteigen. Wir müssen konsequent auf Technologie, Innovation und Ausbildung setzen.“

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