Rückblick: Das war Tag eins der österreichisc...
 
Rückblick

Das war Tag eins der österreichischen Medientage

Johannes Brunnbauer
In entspannter Atmosphäre und mit Babyelefanten-Abstand diskutierte die Medienbranche über aktuelle Entwicklungen.
In entspannter Atmosphäre und mit Babyelefanten-Abstand diskutierte die Medienbranche über aktuelle Entwicklungen.

Nicht weniger als über die Zukunft der Branche wurde am ersten Tag der Österreichischen Medientage 2020 mit Speakern aus dem In- und Ausland diskutiert.

"Was war, wird nicht bleiben" - mit diesen Worten eröffnete HORIZONT-Chefredakteur Jürgen Hofer die Österreichischen Medientage 2020 am Mittwochmorgen. Unter dem Eindruck der Corona-Krise und strengen Sicherheitsvorkehrung sind am Erste Bank Campus das Who-is-Who der heimischen und internationalen Medienbranche zusammengekommen, um über die Zukunft zu diskutieren. "Was wir heute tun, kann morgen schon obsolet, was wir gestern geplant, übermorgen schon hinfällig sein. Dieses Jahr ist zur Existenzfrage verkommen – für Medien und die Gesellschaft", sagte Hofer in seinem Eingangsstatement. Die Corona-Krise habe in den letzten die Schwachstellen offenbart. Sie habe jedoch auch verborgene Stärken nach außen gekehrt: "Die Digitalisierung wurde in einem Maße beschleunigt und in neue Sphären gehoben, die viele vor einigen Monaten für nicht für möglich gehalten hätten." In solch turbulenten Zeiten seien Medien "Kompasse der Wahrheit." 

Die Digitalisierungs spielte auch in der Keynote von EU- und Verfassungsministerin Karoline Edtstadler eine zentrale Rolle: "Keine andere Branche wurde von diesen umfassenden Umbrüchen wie etwa der Digitalisierung so stark gezeichnet, musste sich umstellen wie die Medienbranche. Und es kommt dazu, dass auch Covid-19 die Medienbranche sehr hart getroffen hat."


Es gelte jetzt, sich auf diese neuen Herausforderung einzustellen und die rechtlichen Rahmenbedingungen zu adaptieren, damit diese Medienvielfalt und Unabhängigkeit auch in Zukunft gelebt werden könne, so Edtstadler. Ihr zentrales Anliegen sei es daher, neue, EU-weite Bestimmungen zur Verantwortung und Transparenz von großen Internetplattform zu schaffen: "Wir müssen als Europäische Union auch im Medienbereich ein weltweiter Vorreiter sein."

Ein "Test der Widerstandsfähigkeit für die Demokratie", sei die aktuelle Krise meinte Martin Selmayr, Vertreter der EU-Kommission in Österreich bei der ersten Diskussionsrunde des Tages. Diese Zeit sei ein wichtiger Moment für die Demokratie, die Gesellschaft transparent und zeitnah zu den Entwicklungen zu informieren." Es gehe darum, verantwortungsvolle Lösungen zu finden, um "diese Pandemie zu bekämpfen und zu versuchen, gemeinsam eine Verantwortung aufzubauen." Gemeinsam mit dem deutschen Botschafter Ralf Beste, dem Wiener Stadtrat für Finanzen, Wirtschaft, Digitalisierung und Internationales Peter Hanke, US-Botschafter Trevor Traina und dem britischen Botschafter Leigh Turner diskutierte er darüber, wie eine Welt nach Corona aussehen könnte. Traditionelle Medien befänden sich "in einem Todeskampf mit digitalen Medien", konstatierte Turner. Da Anzeigeneinnahmen zurückgehen, "kämpfen alle online, um noch mehr Klicks zu erhalten. Und diejenigen die am dramatischsten sind, erhalten die meisten Klicks.


Umfassendes Datenmaterial zur Bewegtbildnutzung in Österreich präsentierten RTR-Geschäftsführer Oliver Stribl und Thomas Gruber, Obmann der Arbeitsgemeinschaft TELETEST bei den Medientagen: 91,4 Prozent der Österreicher im Alter ab 14 Jahren nutzen laut der "Bewegtbildstudie 2020" täglich Bewegtbild in Form von klassischem Live-Fernsehen, auf Mediatheken oder als Videos der Online-Plattformen und auf Social Media. Im Jahr 2020 widmen die Nutzerinnen und Nutzer dem Bewegtbildkonsum sogar täglich 29 Minuten mehr Zeit, als noch im Vorjahr. Der klassische Fernsehempfang hat mit rund 69 Prozent weiterhin den mit Abstand größten Anteil am Bewegtbildkonsum, hinzu kommen gut vier Prozent aufgezeichnetes beziehungsweise zeitversetztes Live-TV.

Wie als öffentlich-rechtlicher Sender strategischen Fokus aufs junge Publikum legen, in Zeiten, in denen Streaming-Anbieter bei ganz jungen Usern rasant steigenden Bewegtbildkonsum verbuchen, war die Frage, die ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz mit, ZDF-Intendant Thomas Bellut und Gilles Marchand, Generaldirektor der SRG SSR bei den Medientagen erörterten. Bellut sieht sich hier in komfortabler Lage und "eine ernsthafte Chance, Online first zu machen". Marchand von der SRG erzählte von einem Projekt, bei dem junge Kreative die Produktionstechnik der Anstalt nutzen, um eigene Inhalte zu produzieren, die dann quasi geshared werde. Wrabetz wiederum sieht eine Zeitenwende in der Bewegtbildnutzung und drei Wege, über die er das junge Publikum künftig erreichen wolle: den klassischen Weg übers lineare TV, über die neue Plattform, den ORF-Player, und über Social Media. 

Für Überraschung sorgte das "Plädoyer eines Medienmachers", mit dem das Medientage-Programm eigentlich ProSiebenSat1Puls4-Geschäftsführer Markus ankündigte. Der überließ die Bühne aber seinen Mitarbeitern, um über über Ihre Erfahrungen mit Hass und Gewalt in allen Formen berichteten. Wettermoderatorin Verena Schneider berichtet von Hasskommentaren gegen ihre Person. George Wahid, der in seiner Heimat Irak bereits al Journalist arbeitete, betonte, dass Fleiß oft nicht ausreichen, sondern dass es Chancen brauche und Medien den Menschen, egal welchen Hintergrund sie haben, diese Chance geben müssen.

Die Politikjournalistin Alexandra Wachter betonte die Verantwortung der Medien in Berichterstattung über häusliche Gewalt. Opfer müssten in den Medien zu Wort kommen, meint Wachter, denn die mediale Berichterstattung präge das Bild, dass die Gesellschaft über Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, haben.

Zum Schluss übernahm Arabella Kiesbauer das Wort, Moderatorin und seit 20 Jahren Integrationsbotschafterin. Schon zu Beginn ihrer Karriere sei sie mit Rassismus und rassistisch motivierter Gewalt ausgesetzt.  Alltagsrassismus müsse weiter bekämpft werden. "Let´s make the right choice", mahnte sie.

Um die Gunst der Streaming-Zuseher ging es in einem hochkarätig besetzen Panel mit Henning Tewes, COO Programme Affairs & Multichannel bei Mediengruppe RTL Deutschland sowie Co-Geschäftsleiter TV Now, Christoph Schneider, Geschäftsführer Amazon Digital Germany und Andreas Briese, Direktor für Youtube Content Partnerships in Zentraleuropa. "Letztendlich wird man über Inhalte wahrgenommen", sagte Tewes, wobei TV Now bekanntlich stark auf lokal produzierte Formate setzt. Christoph Schneider, zeigte sich überzeugt, mit Amazon Prime das breiteste Angebot anzubieten. Zwar liege das Augenmerk stark auf Serien, Film sei jedoch ein ebenso wichtiger Bestandteil; und künftig werde man vermehrt auch etwa auf Sportdokumentationen setzen. Für Andreas Briese, Director YouTube Content Partnerships bei Central Europe YouTube, ist es das "Fenster zur Welt", und das nicht zur Lockdown-Zeit. Es sei ein Spiegel für das, was in der Welt passiere und zugleich eine Bühne. Man habe eine große Reichweite und große Wirkung, "die Kreativen verstehen das".


Einen "langen Atem" müsse man angesichts der aktuellen Herausforderung haben, sagte Stadtrat Peter Hanke im Talk mit WKW-Präsident Walter Ruck. Wenn es um die Unterstützung der Wirtschaft gehe, sei bedeutend, die Segmente zu unterstützen, die überlebensnotwendig sind. Wobei es auch schwierig sein, dabei scharfe Grenzen zu ziehen, gibt Hanke selbst zu bedenken.

Für Ruck steht fest, dass "Krisen Beschleuniger von Abläufen" sind und dass diese wirtschaftlichen Entwicklungen ohnehin passiert wären, nur eben ein paar Jahre später.



Als eine Perspektive, keine Rettung sieht Bild-Chefredakteur Julian Reichelt den Bewegtbildbereich für sein Blatt. Im Gespräch mit Medienmanager Hans Mahr und Blick-Chefredakteur Christian Dorer diskutierte er über den Vorstoß der Boulevardblätter in den Videomarkt. Für Dorer ist Video die "perfekte Ergänzung zu dem, was Blick bereits macht" - sowohl publizistisch als auch kommerziell. Auch für die Krone sei Bewegtbild "ein drittes Standbein neben Print und Digital" sagte krone.tv-Moderatorin Katia Wagner im Gespräch mit Jürgen Hofer. Deswegen plane man auch den Ausbau mit neuen Formaten.

Auch die Radiobranche befinde sich im Umbruch, lautete der Tenor eines Panels, das von Norbert Grill (ORS) moderiert wurde. Monika Eigensperger (ORF) und Corinna Drumm (VÖP) diskutierten über Stärken des ältesten elektronischen Massenmediums in Zeiten der Corona-Krise. Radio sei vor allem schnell, einfach und verlässlich.


Was Kulturschaffende brauchen und was sich die Kulturpolitik will: Darüber diskutierten Franz Patay (VBW), Alexander Wrabetz (ORF), Ani Gülgün-Mayr (ORF III), Andrea Mayer (Kunst- und Kulturstaatssekretärin), Bogdan Roščić (Wiener Staatsoper). Mayer verwies auf die besondere Bedeutung der Digitalisierung als Zusatzangebot für Kunst und Kultur. Erklärtes Ziel sei es, dass Kulturschaffende die Krise überstehen. "Es ist ganz wichtig, dass Kunst und Kultur stattfinden." Aus diesem Grund habe man 160 Millionen Euro zusätzlich zur Unterstützung der Branche in die Hand genommen.


Wie die heimische TV- und Filmwirtschaft mit Eigen- und Koproduktionen gegenüber Streaming-Plattformen mithalten kann, diskutierten Frank Holderied (Leiter strategische Programmplanung, Programmeinkauf, fiktionale Eigenproduktion bei ServusTV), ORF-Programmdirektorin Kathrin Zechner und Beta-Film-Geschäftsführer Jan Mojto. Zechner pochte mehrmals auf Optimismus für die heimische Film- und Kreativwirtschaft: "Bitte keine Goldgräberstimmung! This is not a funeral." Es brauche künftig mehr Eigenproduktionen und Kooperationen. Holderied hob bei der Diskussion um die heimische Filmwirtschaft bei den Österreichischen Medientagen etwa die Planungsunsicherheit hervor. UFA-Geschäftsführer Nico Hofmann meinte, dass öffentlich-rechtliche Sender sehr gute Koproduktionen hervorbringen würden, es gebe immer mehr Verzahnung mit Streaming.



Zum Abschluss des ersten Tages der Österreichischen Medientage diskutierten Gerhard Christiner, Vorstandsmitglied der Austrian Power Grid, Marc Elsberg, Schriftsteller, Siegfried Meryn, Arzt und Initiator der Health.DigitalCity.Wien, Günther Ofner, Vorstandsdirektor Flughafen Wien und Peter Umundum, Vorstand der Österreichischen Post über Pandemie-Pläne, die Rolle von Medien in der Pandemie und warum in Sachen Kommunikation an die Gesellschaft noch Luft nach oben ist.



stats