(Politische) Medien: Journalismus mit Spin od...
 
(Politische) Medien

Journalismus mit Spin oder doch eine publizistische Agenda?

Brunnbauer/Wache
Claus Reitan, Gundula Geiginger, Michael Jungwirth und Eva Schütz (v.l.n.r.)
Claus Reitan, Gundula Geiginger, Michael Jungwirth und Eva Schütz (v.l.n.r.)

Neue digitale Nachrichtenportale mischen das bisherige mediale Angebot auf und verändern das polit-mediale Zusammenspiel und dessen Diskurs. Vor allem Parteiplattformen und parteinahe Medien setzen ihre eigenen inhaltlichen Duftmarken und fordern etablierte Medien heraus. 

Wie die Rolle der Neuen zu bewerten ist und sie Journalismus verändern, darüber diskutierten bei den österreichischen Medientagen 2021 unter der Leitung von Gundula Geiginger in zwei Panels VertreterInnen beider Seiten.

Das Video wird präsentiert mit Unterstützung der APA-Tech.

„Ich habe das Ende der Parteizeitungen erlebt und sehe jetzt das Revival im Online-Bereich. Das sind Blogs, die auf der Payroll von Parteien stehen und eine politische Agenda verfolgen. Das ist Journalismus mit Spin“, begann Michael Jungwirth, Stellvertretender Chefredakteur, Kleine Zeitung, die Diskussion gleich mit einer Breitseite gegen Parteimedien, und ging in die Offensive: „Eine Meldung der APA würde ich ungeschaut übernehmen, bei einem Beitrag von ZackZack, Zur Sache, Exxpress oder Kontrast bin ich vorsichtig.“

Claus Reitan von zur-sache.at widersprach heftig: „Wir haben keine politische Agenda, sondern eine publizistische Agenda. Wir haben keinen Spin, sondern eine grundlegende Richtung.“ Damit war die Diskussion über politisch gefärbte Medien auch schon eröffnet. Dass man Konsumenten mit Parteimedien Sand in die Augen streue, ließt Reitan auch nicht gelten: „Ich glaube nicht, weil es im Impressum offen gelegt ist. Dort, wo wir Sachverhalte wiedergeben, dann sind die Quellen dabei.“

Auch Eva Schütz, Herausgeberin von eXXpress, wollte die Parteinähe nicht für sich gelten lassen. „Das möchte ich explizit zurückweisen. Wir sind ein bürgerliches Medium und sind wirtschaftsfreundlich. Wir haben eine Weltanschauung, aber keine Parteinähe. Das Redaktionsstatut ist ein Leitfaden und ich bemühe mich, dass es zu keiner Parteinähe kommt.“

Einen bestimmten politischen Spin wollte sich Schütz ebenso nicht nachsagen lassen. „Wenn als Spin bezeichnet wird, dass wir bürgerlich sind, dann ja. Wir sind eine Online-Tageszeitung, auch mit Lifestyle und Sport, wir sind aber kein Blog. Wir sind die einzige Online-Tageszeitung, die nur online zu finden ist.“

„Keine Journalistin“

Schon etwas klarer fiel die Trennung zwischen Journalismus und Parteiblog im zweiten Panel. Patricia Huber, Chefredakteurin von kontrast.at, meinte dazu unmissverständlich: „Im weitesten Sinn bin ich eine politische Aktivistin, ich habe mich noch nie als Journalistin vorgestellt. Wir wollen das Ungleichgewicht, das es in den Medien gibt – es gibt einen bürgerlichen Überhang – ausgleichen. Kontrast hat diese Lücke gefüllt, es kamen dann andere kritische Medien dazu.“
Patricia Huber, Gundula Geiginger, Barbara Blaha und Corinna Milborn (v.l.n.r.)
Brunnbauer/Wache
Patricia Huber, Gundula Geiginger, Barbara Blaha und Corinna Milborn (v.l.n.r.)
Für Barbara Blaha, Gründerin von Momentum, ist die Sache auch relativ klar: „Wir stehen nicht auf der Payroll einer politischen Partei. Wir leben von Spenderinnen und Spendern. Die inhaltliche Stoßrichtung: Die Perspektive der ganz normalen Menschen ohne Eigentum und Aktiendepot wird in den Medien zu wenig gehört. In den Medien ist von Hoteliers und Gastronomen zu lesen, aber viel zu selten von den Menschen, die es dann auch betrifft.“

Nicht ganz so gut leben mit den Definitionen konnte Corinna Milborn, Info-Chefin von Puls4: „Ich stelle nicht in Abrede, dass es Parteimedien gibt. Aber es ist nicht gut, dass diese Medien aussehen, als wären es neutrale Medien. Bei Kontrast muss man da schon suchen.“ Wenn man in den sozialen Medien über einen Artikel stolpert, sehe man das noch weniger. Das sei nicht redlich, wenn das nicht offengelegt wird. Milborn: „Ich finde es bedenklich, wenn die Grenzen zwischen Parteimedium und Journalismus so verwischt wird.“

Huber entgegnete: „Unter jedem Artikel bei uns steht „Herausgeber SPÖ Parlamentsklub“. In anderen Medien steht jedoch nicht, wer gerade zu den Anzeigenkunden gehört. Kontrast erreicht viele Leute, aber im Verhältnis zu den großen Medien, wo man nicht weiß, wer dahinter steht, relativ wenig. Insofern kann ich diese Debatte nicht ganz verstehen.“

„Verschleiern ist ein Problem“

Blaha ging darauf ein und meinte: „Es gibt unterschiedliche Formen, wie sich Medien finanzieren: Von Parteien, Anzeigenkunden, Spenden, Eigentümern. Das Besondere in Österreich: Wenn es gut läuft gibt es viele Medien mit verschiedenen Abhängigkeiten. Es wäre ärger, wenn es nur Parteimedien oder Eigentümer-finanzierte Medien gebe.“ Aber: „Das absichtliche Verschleiern der Herkunft ist ein Problem. Das sehen wir vor allem bei rechten Medien. Wo aber die Grenze zu ziehen ist bzgl. Kennzeichnung, kann man diskutieren.“

Bei einem Thema waren sich nahezu alle DiskutantInnen einig: Die sozialen Medien üben einen Einfluss auf die Berichterstattung aus, da der Algorithmus gewisse Schlagzeilen und Formulierungen fördert. Milborn: „Es entsteht dadurch oft eine Stimmung, die in Wahrheit gar nicht so da ist. Man sollte versuchen, die Social-Media-Logik aus der eigenen Arbeit so gut es geht rauszunehmen.“

Huber stimmte inhaltlich zu, meinte aber auch: „Wir tragen nicht zur Polarisierung bei. Die Frage ist aber auch, ob die Interessen von drei Milliardären so schwer wiegen wie die Interessen von vier Millionen Arbeitnehmern.“

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