Pietro Supino: 'Wenn wir uns ehrlich sind, is...
 
Pietro Supino

'Wenn wir uns ehrlich sind, ist unsere Branche extrem konservativ'

Wache/Brunnbauer
Pietro Supino bei den Österreichischen Medientagen.
Pietro Supino bei den Österreichischen Medientagen.

Der Verleger der TX Group sprach mit Styria-Chef Markus Mair bei den Österreichischen Medientagen über die Zukunft der Branche.

Gerne sei er nach Österreich und Wien gekommen, sagte Pietro Supino, Keynote-Speaker am zweiten Tag der Österreichischen Medientage und Verwaltungspräsident der Schweizer TX Group (u.a.Tagesanzeiger, 20 minuten). Das liege nicht nur an den Beteiligungen (karriere.at, Heute/heute.at, Goldbach) seiner Gruppe, sondern auch daran, dass Wien ein "geschichtsträchtiger Ort der Inspiration" für ihn sei.

Das Video wird präsentiert mit Unterstützung der APA-Tech.

Die Zeit von den 1880er bis in die 1920er sei eine Zeit des Umbruchs in Wien gewesen, wo Welten aufeinander trafen. Zu sehen etwa am Michaelerplatz: Kaiserliche Hofburg auf der einen, modernes Loos-Haus auf der anderen Seite, aber beide in der gleichen Ära der Diversität erbaut. Das sei nicht nur inspirierend, sondern weise auch Parallelen zur heutigen Zeit auf. "Wenn wir die Zukunft gestalten, sollten wir das immer mit einem Bewusstsein für die Geschichte zu machen", sagte Supino, um gleich anzufügen: "Wichtiger als wo wir herkommen, ist, wo wir hinwollen. Wir sollten uns selber immer wieder in Frage stellen und Neues wagen." Insbesondere in der Medienbranche, die sich im Umbruch befindet.

Sein eigenes Unternehmen habe sich zu einer diversifizierten Mediengruppe entwickelt: "80 Prozent der Umsätze stammen aus Aktivitäten, die die letzten 20 Jahre hinzugekommen sind." Transformation sei "gewissermaßen die DNA unseres Unternehmens geworden." Journalismus ist dabei jedoch das Kerngeschäft geblieben "und dazu eine Herzensangelegenheit für uns." Dennoch sei man mit "riesigen Herausforderungen" konfrontiert: Ein Überangebot am Nutzer- und Werbemarkt habe zu einem enormen Preisdruck, bei gleichzeitig höheren Kosten geführt. In Print gehen die Auflagen und Volumen zurück. Hinzu komme eine Fragmentierung des Medienangebotes, in jedem neuem Geschäftsfeld trifft man "auf neue Konkurrenten". Die größte Herausforderung sei aber, dass man immer öfter in direkter Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Menschen stünde, etwa wenn Donald Trump unter Umgehung von Medien direkt mit seinen Followern kommuniziere. Aber, so Supino, "Klagen hilft nichts, wir müssen Lösungen entwickeln."

’Die gute alte Qualität’

Für ihn sei die journalistische Qualität Ausgangspunkt dafür. "Darunter verstehen wir zunächst die Regeln des journalistischen Handwerks.Die gute alte Qualität", sagte Supino. Daher führe man jährlich ein Qualitätsmonitoring bei allen Titeln durch. Besonders am Herzen liege ihm der investigative Journalismus, den man in der TX Group systematisch ausgebaut habe. Zunächst in der Ausbildung, aber auch beim Ausbau der Ressourcen. "Über investigativen Journalismus haben wir auch entdeckt, dass die technologische Entwicklung nicht nur zu Disruption führt, sondern auch neue Möglichkeiten bietet." Etwa beim Aufarbeiten von großen Datenmengen. Im Bereich der Technologie biete es sich auch an, branchenübergreifend und mit Universitäten zusammenzuarbeiten.

In der anschließenden Diskussion sprach sich auch Styria-Chef Markus Mair dafür aus, Wissensnetzwerke über die eigene Gruppe hinaus zu bauen. Es gäbe zwei Weltanschauungen: Einerseits, dass Journalismus nur teuer sei und Geld koste und andererseits, dass Journalismus ein großes Asset sei. Die Styria vertrete letztere Ansicht. Aber, so Mair, gesundes Betriebswirtschaften sei eine wesentliche Grundlage für journalistische Überlebensfähigkeit. Auch Supino staunt "immer über die Vorstellung, dass Qualität und Wirtschaftlichkeit im Widerspruch zueinander stehen."

Für betriebswirtschaftlichen Erfolg brauche es auch Innovation für die es, so Mair, wiederum "viel Veränderungsbereitschaft" brauche. Bei der Geschwindigkeit sieht er im eigenen Unternehmen Optimierungsbedarf, "weil wir auch gesehen haben, wie schnell sich die digitale Welt verändert." Man müsse auch von gewohnten Dingen abrücken: "Falls wir etwa immer noch glauben sollten, dass es digital notwendig ist, möglichst viele Artikel auf die Seite zu stellen. Das widerspricht eigentlich dem Qualitätsanspruch. Das in die Köpfe zu bringen, ist Aufgabe der Gegenwart und der Zukunft", sagte Mair.

Für Supino ist Diversität und eine liberale Grundhaltung "ein Element, das zu mehr Innovation führt. Im Kleinen müssen wir das in unseren Unternehmen tun und offen für Versuche sein und auch die Bereitschaft haben, dass etwas nicht funktioniert." Das sei gerade für Medienunternehmen oft nicht einfach, denn "wenn wir uns ehrlich sind, ist unsere Branche extrem konservativ."

Mair mahnte hingegen, Innovation auf ein Podium zu heben oder der Vorstellung nachzuhängen, sie müsse mit einem Forschungsprojekt beginnen. "Dass Medien etwa zunehmend zum Event-Veranstalter werden und das als eigenes Geschäftsfeld bearbeiten, ist für mich auch Innovation. Man muss es nur tun - und gut tun." Wenn es gelingt, so zeigten sich beide überzeugt, habe man eine Überlebenschance. Unumgänglich ist für Supino dabei, neue Umsatzquellen zu erschließen, denn "ein klassisches Medienunternehmen wird mit Umsatzverlusten von einem Drittel bis zur Hälfte konfrontiert sein. Dem kann man begegnen, in dem man Kostenstrukturen anpasst. Aber das alleine reicht nicht."

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