Philipp Blom: 'Es gibt viel mehr zu tun, als ...
 
Philipp Blom

'Es gibt viel mehr zu tun, als wir schaffen können, aber es ist besser anzufangen'

Wache
V.l.n.r: Ulrike Rabmer-Koller, Gerhard Christiner, Werner Kogler, Moderatorin Ingrid Thurnher, Valerie Hackl und Gerald Grünberger.
V.l.n.r: Ulrike Rabmer-Koller, Gerhard Christiner, Werner Kogler, Moderatorin Ingrid Thurnher, Valerie Hackl und Gerald Grünberger.

Erde und Menschheit retten, aber bloß wie? Das war Gegenstand einer Debatte bei den Österreichischen Medientagen.

"Jetzt ist es Zeit, an die Zukunft zu denken. Nur: Wir haben keine." Mit deutlichen Worten leitete der Autor und Historiker Philipp Blom seine Rede zur Debatte "Nachhaltig wirtschaften - nach Corona kommt das Klima" bei den Österreichischen Medientagen ein.

Das Video wird präsentiert mit Unterstützung der APA-Tech.

Wir seien Gesellschaften ohne Mut und Hoffnung geworden. Der Status quo sei angesichts der drohenden Klimakatastrophe nicht mehr zu erhalten: "Im Moment werden 30 Fußballfelder pro Minute gerodet, pro Minute sind auch eine Million Tonnen Eis in Grönland abgeschmolzen." Dass wir Gesellschaften ohne Zukunft geworden seien, liege auch daran, "dass dieser Weg nicht mehr weiter geht", sagte Blom.

"Wir ersticken an den Nebenwirkungen unseres historischen Erfolges", konstatierte der Schriftsteller. Das führe zu einem Gefühl der Lähmung in unseren Gesellschaften: "Wir haben eigentlich kein anderes Modell, wie es denn gehen könnte." Es gäbe keine Alternative zu einer Wirtschaft, "die immer wachsen muss und nicht schrumpfen darf." Dieses Narrativ und jenes der Beherrschung der Natur sei "an seinem Ende angelangt."

Aber, "bevor ich sie völlig deprimiert in den Abend entlasse”, präsentierte Blom dann noch eine mögliche Lösung. Der Gesellschaft fehle es an einem gemeinsamen Projekt: "Wie wäre es, wenn wir das Land bauen, in dem unsere Kinder noch leben können." Es führe kein We" daran vorbei, einen echten Green New Deal zu schaffen. Für ein kleines, wohlhabendes Land wie Österreich "wäre es möglich, innerhalb von 15 oder 20 Jahren das Land völlig zu dekarbonisieren. Es wäre für Österreich möglich, die Pioniernation zu werden."

Gesetze und Subventionen

In der anschließenden Diskussion vertrat Vizekanzler Werner Kogler die Meinung, dass es ohne starke staatliche Eingriffe nicht möglich sei, das Ruder herumzureißen. Es brauche Gesetze und Subventionen: "Es braucht die richtigen Preis- und Kostensignale und ökologische Kostenwahrheit." Angesprochen auf eine geplante ökosoziale Steuerreform hielt er sich bedeckt: "Es wird einen CO2-Preis geben. Mindestens so wichtig ist aber, wie die Einnahmen rückverteilt werden."


Die Unternehmerin Ulrike Rabmer-Koller sprach sich hingegen gegen strenge Regeln aus: "Was es braucht, sind Rahmenbedingungen. Ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn ich alles bis ins kleinste Detail regle." Vielmehr brauche es stärkere Anreizsystem, um Innovation, Investition und Information zu Klima- und Umweltschutz zu begünstigen: "Innovation ist die Triebfeder, mit Innovation können wir viele Themen schaffen, die wir heute nicht schaffen."

Auch Gerhard Christiner, Mitglied des Vorstandes Austrian Power Grid, ist der Meinung, dass es bessere Rahmenbedingungen braucht, um schneller ans Ziel zu kommen. Die Energiewirtschaft habe im wesentlichen den Wandel akzeptiert und vollzogen, aber es brauche noch gewaltige Schritte. Etwa die Frage wer bei Genehmigungen zuständig sei und Genehmigungszeiträume passen nicht mit den ambitionierten Zielen zur Klimaneutralität zusammen. Der grundsätzliche Wille sei zwar da, aber "wir sind als Gesellschaft zu saturiert, wir spüren den Druck noch nicht wirklich."

’Werden europäische Lösung brauchen’

Valerie Hackl, Geschäftsführerin der Austro Control, hatte an dem Abend als quasi Vertreterin der Luftfahrtbranche die unangenehmste Rolle. Dessen war sie sich bewusst: Vieles werde auf die Branche "draufprojiziert. Nicht ganz drei Prozent des CO2-Aufkommens ist dem Fliegen geschuldet. Dennoch haben wir Sorge zu tragen, dass es effizienter gelingt." In der Debatte plädiert sie für eine Versachlichung, auch und gerade in der Frage der oft kritisierten Kurzstreckenflüge etwa von Wien nach Graz. Dieser Point-to-Point-Verkehr könne zwar bei gut ausgebauten Verbindungen auch mit der Bahn getätigt werden, aber wenn es von Graz aus in die weite Welt gehen soll, sei die Problematik schon wieder komplizierter. Denn dann fliege man bei einem nationalen Verbot womöglich über München oder einen Hub im Nahen Osten: "Es reicht nicht, in einem Ökosystem in Österreich einig zu werden, sondern wir werden jedenfalls auf europäischer oder globaler Ebene eine Lösung brauchen."

Die Medien, so VÖZ-Geschäftsführer Gerald Grünberger würden ihrer Verantwortung in Sachen Klimaschutz nachkommen:"Seit den 80ern ist das Thema Klimawandel auf der Agenda der Medien. Heute stehen wir bei 13.000 Meldungen im Jahr in österreichischen Tageszeitungen, die sich nur mit dem Klimawandel beschäftigen." Und diese würden in ihrer Mehrheit auch ausgewogen berichten: Was man nicht brauche sei, §dass man Klimawandelleugner und Wissenschaftler gleichwertig darstellt.§


Schließlich ermutigte auch Philipp Blom noch alle Teilnehmer und Zuhörer: "Es gibt viel mehr zu tun, als wir schaffen können, aber es ist besser anzufangen."

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