Interview: Kathrin Zechner: 'Es ist nicht all...
 
Interview

Kathrin Zechner: 'Es ist nicht alles Gold was glänzt'

ORF / Roman Zach-Kiesling
Wie kann die heimische Filmwirtschaft am Streamingboom teilhaben? Welche Rolle kommt traditionellen TV-Sendern wie dem ORF zu? Programmdirektorin Kathrin Zechner hat Antworten.
Wie kann die heimische Filmwirtschaft am Streamingboom teilhaben? Welche Rolle kommt traditionellen TV-Sendern wie dem ORF zu? Programmdirektorin Kathrin Zechner hat Antworten.

Bei den morgen startenden 'Österreichischen Medientagen' diskutiert die Programmdirektorin des ORF über die aktuellen Herausforderungen der Filmwirtschaft. Im Interview mit dem HORIZONT spricht sie über die Trends nach Corona, Netflix und den Wert guter Geschichten.

HORIZONT: Ist die 'Goldgräberstimmung' in der Filmbranche, bedingt durch die Zunahme an Streamingdiensten und die steigenden Nachfrage nach Content, auch in Österreich spürbar?
Kathrin Zechner: Bei den Produktionsfirmen und Kreativen vor allem, bei mir als Herausforderung und gespannte Aufmerksamkeit. Und: Es ist nicht alles Gold was glänzt.

Wie sehr geraten öffentlich-rechtliche Sender unter Druck – finanziell durch steigende Produktionskosten und weil Kreativkraft eben durch Streamer gebunden ist?
Die Frage enthält schon Teile der Antwort. Der Wettbewerb gegen unvorstellbare Budgetvolumina sowie Algorithmen statt kreativer Schreigestaltung ist das eine, das gezielte Abschöpfen des Rahms bei den Kreativen, Autorenschaft und Regie und den besten und populärsten Darstellerinnen und Darstellern ist das andere. Das ist so, und es macht keinen Sinn, den guten alten Tagen nachzutrauern, als der ORF der verlässliche Auftraggeber war und seinen wichtigen Anteil an der Entwicklung von Talenten hatte und hat sowie die Früchte dieser partnerschaftlichen Entwicklungsarbeit auch solitär ernten durfte. Wir sind gefordert. Und das ist gut so. Wir gehen ganz bewusst in starke, kreative, künstlerische Allianzen - eine (selbst)bewusste marktrelevante Ergänzung.

Regionaler versus globaler Content: Tatsächlich ein Widerspruch?
Das ist kein entweder oder. Ein gelungener österreichischer Landkrimi ist globales Programm. Im Dorf werden menschliche Probleme verhandelt. Deswegen kaufen oder koproduzieren die Deutschen, bei ARTE funktionieren die Filme auf französisch. Natürlich sind Themen wie "The Queen", "West Wing", "Freud" oder "Vienna Blood" per se internationaler, aber zuallererst: "A gute Gschicht ist a gute Gschicht!" – eine kreative AutorInnenschaft wertvoller als KI, aus meinem Schaffensverständnis sogar unersetzbar. Und eine authentische regionale Farbe erleichtert den Einstieg für unser Publikum wie es auch die Farbe des Schaffens in Sprache, Bildern und Gesichtern, in Raffinesse der hiesigen Schauspielkunst oder Regieführung zeigt und zum Vergleich mit der Vielfalt europäischer, internationaler Stile einlädt!

„ORF dient nicht der Rendite, sondern der gesellschaftlichen Bereicherung.“

Wie müssen Sender wie der ORF auf die globale Herausforderung reagieren?
Durch beibehalten und verbessern der Qualität. Durch Aufspüren besonderer Inhalte und Talente. Durch selbstbewusstes Fördern unserer Eigenartigkeiten. Und durch Drängen auf bessere und zeitgemäße Zugänglichkeit der Inhalte. Das können die Sender leisten. Gefordert ist die Medienpolitik. Den Sendern die Verbreitung der Inhalte in bekannter Verlässlichkeit und Qualität auf allen Verbreitungsformen zu ermöglichen. Zum Unterschied kommerzieller Anbieter gehört der ORF nicht Investoren, Aktienbesitzern und Privatpersonen und dient nicht der Rendite, sondern der gesellschaftlichen Bereicherung.

Ein Szenario: Was spielt der ORF wo in zehn Jahren fiktional ab?
Das so lange geübte und durch den Kinofilm vor über 100 Jahren entstandene 90-Minuten Format wird bestehen bleiben, mit starken Inhalten und starkem Label. Der Allerwelts-90er, die liebliche Schmonzette, das wird aus dem eigenproduzierten Repertoire verschwinden und in die KI Welt der Kommerziellen übersiedeln. Die linear erzählte Serie, dass womit die Streamer punkten, wird noch stärker werden, selbst für den Preis, dass sie selten bis kaum wiederholbar ist und im linearen Fernsehen problematisch anzubieten. Die klassische Serie mit hohem Wiederholungspotenzial hat nur mit starken Themen, starken Typen und Milieus, mutiger Sprache und mehrschichtiger innerer Qualität eine Chance. Aber die ist dann umso besser und auffälliger!

Wie sehen Sie konkret die Zusammenarbeit mit Netflix: ein Erfolgsmodell, das fortgesetzt werden soll?
Wohlüberlegt und punktuell - kein Problem. Aber es gehören drei dazu, die Produktion und die beiden Anbieter mit unterschiedlichen Profilen und Interessen. Produzentin oder Produzent müssen diese Interessen und daraus resultierende Rechte-Ansprüche moderieren. Beiderseitiges Interesse und Erfolg sind wie gesagt punktuell möglich. Es ersetzt nicht die starke Achse der Eigenständigkeit und Unverwechselbarkeit.

Zur internationalen beziehungsweise deutschsprachigen TV-Filmproduktion: Gibt’s Konzentrationsprozesse oder eine neue Vielfalt?
Konzentration ist unaufhaltsam, schon allein wegen des erhöhten Kapitalbedarfs in der Entwicklung. Trotzdem werden immer wieder neue Player den Markt aufmischen. Das ist so in der Kreativwirtschaft.
„Ich setze hier auf die kritisch-heilsame Kraft der Komödie.“

Erkennen Sie thematische Trends nach Corona - wie in Erzählweise und Inhalt auf die Krise antworten?
Natürlich. Unsere Leben sind verändert. Nichts ist so wie vorher. Ich setze hier auf die kritisch-heilsame Kraft der Komödie. Das Drama könnte kühne Visionen auftun.

Wieviel Geld fließt im ORF aktuell in fiktionale Eigenproduktionen, wird wegen des Sparprogramms reduziert?
Der ORF ist vor drei Jahren eine Selbstverpflichtung über ein fixes Vergabevolumen eingegangen und wird auch 2021 sein Investitionsversprechen halten. Obwohl die Sparvorgaben herausfordernd sind, dürfen fiktionale Eigenproduktionen nicht reduziert werden, um Gesicht und Stimme des Erzählens nicht zu verlieren.

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