Interview: Breiteneckers Vision: 'Ein lokaler...
 
Interview

Breiteneckers Vision: 'Ein lokaler Champion'

Ernst Kainerstorfer
Kein "Klein-klein-Hickhack mehr" will Markus Breitenecker in der medienpolitischen Diskussion. Und: Es sei gut, "dass nach der Hektik vor dem Sommer nun eine Nachdenkpause eingelegt" werde beim ORF-Gesetz.
Kein "Klein-klein-Hickhack mehr" will Markus Breitenecker in der medienpolitischen Diskussion. Und: Es sei gut, "dass nach der Hektik vor dem Sommer nun eine Nachdenkpause eingelegt" werde beim ORF-Gesetz.

Markus Breitenecker, Geschäftsführer der ProSiebenSat.1-Puls-4-Gruppe, über Corona-Dellen im Werbegeschäft, die Stärken von Bewegtbild und seine Ideen, im 'Streaming War' zu bestehen: mit einem Austrian-Player aller Medienanbieter.

Dieses Interview erscheint in der Ausgabe 39/2020 des HORIZONT. Noch kein Abo? Hier klicken.

HORIZONT: Wir stecken mitten in der zweiten Welle der Pandemie. Hält Ihre TV-Gruppe den Betrieb problemlos aufrecht?
Markus Breitenecker: Wir haben das in Form eines Hybrid-Offices sehr gut gelöst. Wer zu Hause arbeiten kann, der tut das auch. Für die, die ins Puls-4-ATV-Center müssen – vor allem Produktion, Redaktionen, Sendetechnik und Abwicklung –, haben wir sehr strenge Schutzmaßnahmen eingeführt: Maskenpflicht, Abstände, Desinfektion, Plexiglaswände. Wir zählen zur systemkritischen Infrastruktur. Tägliche Livenews und alle Produktionen finden statt, aber eben mit erhöhten Hygiene- und Sicherheitsvorschriften.

Wie stark sind Puls 4 und Co als Unternehmen getroffen?
Hier gibt es zwei Aspekte. Bei den Quoten haben wir den Rebound von Fernsehen erlebt. Die Quoten sind hoch wie nie, die Fernsehnutzung ist stark gestiegen und auch geblieben. Jetzt während der zweiten Welle werden die Quoten nochmals zulegen. Wenn die Menschen nicht hinausgehen können, nützen sie die elektronischen Medien zu Hause. News und Unterhaltung werden dabei ganz stark nachgefragt. Das ist der positive Aspekt.
„Es gab eine massive Delle, wie ich es in meiner Zeit beim Fernsehen noch nicht erlebt habe.“

Und der negative ist die Werbe­vermarktung?
Dort gab es eine massive Delle, wie ich es in meiner Zeit beim Fernsehen noch nicht erlebt habe, mit zweistelligen Prozentsätzen im Minus. Aber seit August sind wir wieder zurück auf Vorjahresniveau. Die Werbung kommt zurück. Das ist auch logisch: Nach dem ersten Lockdown haben unsere Kunden die Erfahrung gemacht, dass die TV-Nutzung gestiegen ist. Die Fernsehunternehmen erhöhen die Preise aber nicht. Das heißt: Vom Preis-Leistungs-Verhältnis gesehen ist Fernsehen extrem günstig und anderen Gattungen überlegen, weil wir hohe Quoten, die höchsten Nettoreichweiten und niedrige Preise haben. Wir spüren insgesamt einen Budgetshift hin zu Fernsehen und Video.


Es gab keine Preisanpassungen?
Wir sind vom TKP her günstiger geworden. Einzige Ausnahme: Bei Puls 24 haben wir die Preise aufgrund der guten Reichweiten jetzt im September um 15 Prozent erhöht. Da kommen wir aber erst auf normale Flughöhe.

Stichwort Streaming: Werden die großen Verschiebungen am Markt bleiben?
Wir haben die vergangenen sechs Monate stark in Forschung und Entwicklung investiert, etwa im Ad-Tech-Bereich – Stichworte: Addressable TV, d-force und Hybridquote. Die neue Bewegtbildstudie der AGTT und RTR zeigt, dass Fernsehen in der gesamten Bewegtbildnutzung immer noch 80 Prozent ausmacht. 20 Prozent sind alle Netflix’, Amazons und YouTubes der Welt zusammengerechnet. Selbst bei den ganz Jungen ist Fernsehen mit 50 Prozent immer noch ganz stark. Allein die Mediatheken sind so stark wie YouTube.

Ein Jahr nach dem Start: Wie fällt Ihre Bilanz für Puls 24 aus?
250.000 Zuseher pro Tag, tageweise eine halbe Million, sind ein schöner Erfolg. In Österreich – und darauf sind wir sehr stolz – ist noch kein TV-Sender so schnell auf ein so hohes Reichweitenniveau gekommen, auch wenn wir zugegebenermaßen Rückenwind hatten durch die Newslage, von Ibiza über die Wahlen bis Corona. Wir haben mittlerweile 70 Prozent technische Reichweite. Bei den Werbekunden hat es natürlich gedauert, bis der Sender angenommen wurde, allerdings steigt die Nachfrage jetzt stark an.

„Wir sind die einzige Sendergruppe, die wirtschaftlich arbeiten muss“

Kann sich Puls 24 jemals für sich selbst rechnen?
Wir streben selbstverständlich den Break-even an – über unsere insgesamt vier Businesscenter. Das eine ist die klassische Werbung, das zweite der Digitalbereich mit der App und 750.000 Installationen bisher, wo wir das Augenmerk auf crossmediale Vermarktung legen. Der dritte Bereich ist die Produktion der News für die anderen Sender und der vierte Kooperationen und Formatentwicklung für die Wirtschaft, wo uns einige spannende Formate wie "4Gamechangers TV", "Klimaheldinnen" oder "4Lifechangers" gelungen sind.

Gibt es denn bei den anderen Sendern einen programmlichen Adaptierungsbedarf – vor allem mit Blick auf den Verlust von Sportrechten bei Puls 4?
Wir sind überzeugt, dass Sportrechte wichtig sind und setzen weiter darauf. Das zeigt unser neuer Sportsonntag auf Puls 24 mit der multinationalen Eishockey-Liga und der NFL. Aber es ist klar, dass wir – im Gegensatz zu anderen Sendern – nicht für Sportrechte bezahlen, wenn sich das nicht rechnet. Wir sind die einzige Sendergruppe in Österreich, die wirtschaftlich arbeiten muss. Der Vorteil ist, wir haben jetzt relativ viel Geld für Programminnovationen übrig, das wir in Entertainment und News investieren. Wir planen umfassende Bericht­erstattung über die Wiener und die US-Wahlen. Die Start-up-Show "2 Minuten 2 Millionen" wird ausgebaut. Außerdem planen wir in der neuen Staffel eine Art Wirtschaftshilfe, die durch Corona in Schieflage geratene Unternehmen unterstützt. Und wir testen Neuentwicklungen. Durch den Wegfall der Europa League haben wir im zweiten Halbjahr 2021 gut gefüllte Programmkassen.

Programmstrategisch ist man also auf Linie der deutschen Konzernmutter.
Ja, mit einer Erweiterung – nämlich den News. Was mich besonders freut: Die Newssendungen laufen so gut wie nie. Die "Puls 24 News" erreichen den weitesten Seherkreis aller Nachrichten im Privatfernsehen mit über einer Million Zuseherinnen und Zusehern pro Woche auf unseren Sendern. Das bedeutet, dass sich Investition in Qualität – mit unseren über 100 Journalistinnen und Journalisten – auszahlt. Information ist für uns eine sehr wichtige Säule, die wir in Österreich betonen.
„Nicht sinnvolle Alleingänge, die viel Gebührengeld vernichten“

Die Regierung arbeitet am neuen ORF-Gesetz, das nun erst 2021 kommt. Ein Knackpunkt ist der ORF-Player und was er 'dürfen' soll. Ihre Position?
Es ist gut, dass nach der Hektik vor dem Sommer nun eine Nachdenkpause eingelegt wird. Wenn wir im internationalen "Streaming War" am kleinen österreichischen Markt überleben wollen, dann brauchen wir einen starken lokalen Champion, der in Kooperation der heimischen Player organisiert wird. Das habe ich immer gesagt, dabei bleibe ich und dafür werde ich weiter kämpfen: Kooperation statt Konkurrenz.

Der ORF lädt Private auf seinen Player ein. Töchter deutscher Konzerne, wie ProSieben, sieht er dort nicht.
Auf das Klein-klein-Hickhack will ich nicht mehr eingehen. Meine Vision ist die, einen lokalen Streamingchampion zu bauen. Auch die nächste Generation an Medienmachern im Land sieht das so. Wenn es ein bisschen länger dauert, muss man eben noch Überzeugungsarbeit leisten. Es ist sicher nicht sinnvoll, dass einzelne Marktteilnehmer hier Alleingänge versuchen und viel Gebührengeld vernichten, für die Entwicklung von Einzelangeboten, die im "Streaming War" chancenlos sind.

Also doch eine neu zu gründende 'Österreich-Plattform'?
International geht der Trend in diese Richtung, im Endeffekt wird das das Ergebnis sein: eine Streamingkooperation der heimischen Medienanbieter, ein „Austria-Player“ aller Bewegtbildangebote. Ich freue mich, dass diese Vision wieder im Gespräch ist und die Politik jetzt stärker in diese Richtung denkt.

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