Haltung im Journalismus: 'Dürfen nicht die Go...
 
Haltung im Journalismus

'Dürfen nicht die Gouvernanten des Guten werden'

Brunnbauer/Wache
Katarzyna Mol-Wolf, Gerhard Valeskini, Wolfram Weimer und Anna-Maria Wallner an Tag zwei der Österreichischen Medientage (v.l.).
Katarzyna Mol-Wolf, Gerhard Valeskini, Wolfram Weimer und Anna-Maria Wallner an Tag zwei der Österreichischen Medientage (v.l.).

Katarzyna Mol-Wolf, Wolfram Weimer und Gerhard Valeskini debattierten bei den Österreichischen Medientagen über das Zuviel und Zuwenig an Haltung im Journalismus, 'verkappte Ideologien', die Übermacht von Google, die Anbiederung von Microsoft und deutsche Expansion nach Österreich.

Für Katarzyna Mol-Wolf, geschäftsführende Gesellschafterin von Inspiring Network, ist Haltung das, was ihr Team antreibe: „Deswegen bin ich Verlegerin geworden.“ Prinzipiell werde von einem Medium, je breiter es sei, umso mehr Objektivität erwartet. Je spitzer es sich positioniere, desto mehr könne Haltung gefragt sein.
Das Video wird präsentiert mit Unterstützung der APA-Tech.

„Haltungstexte“ würden ebenso guten Journalismus ausmachen, nicht zuletzt in Konkurrenz mit GAFA-Giganten. Sie seien eine Chance für Menschen, die etwas bewegen wollten, wie Frauenrechte, etwa in Afghanistan. In solchen Fällen brauche man überdies die sozialen Medien, um relevante Botschaften zu verbreiten, insbesondere wenn manche Themen vor einem großen Wahlkampf wie in Deutschland in großen Medien untergehen. Kritik übt sie an der oft mangelnden objektiven Berichterstattung, beispielsweise rund um Klimaschutz. „Da ist der Elektromotor hipp, der Rest wird gar nicht mehr hinterfragt.“ Mol-Wolf will vor allem das Thema der finanziellen Unabhängigkeit von Frauen vorantreiben sehen.

'Den Umsatz macht Google in einer Viertelstunde'

Wolfram Weimer, Verleger der Weimer Media Group, spricht sich klar für Haltung im Journalismus aus – „wenn man sie transparent macht.“ Sein Verlag selbst vertrete eine kulturelle Form der Haltung. Er bekrittelt allerdings, dass seit einigen Jahren Haltung den Journalismus oftmals überlagere. Nur Purpose-getriebenen Journalismus hält er für problematisch. „Eine verkappte Ideologie, egal ob rechte oder linke, sollte nicht legitimiert werden.“ Journalisten sollten „keine Gesinnungsethiker oder Erzieher sein, sondern Verantwortungsethiker. Wir dürfen nicht die Gouvernanten des Guten werden, egal worum es geht.“

Auch er bringt Konzerne wie Google und Microsoft zur Sprache, deren Haltung rein Profit-getrieben sei: „Diese Konzerne dominieren und deformieren.“ Vor kurzem etwa habe Bing, die Suchmaschine von Microsoft, das bekannte Bild über das Massaker am Platz des himmlischen Friedens in Peking aus dem Netz genommen – um China zufriedenzustellen. Der österreichische Gesamtwerbemarkt inklusive Digital sei fünf bis sechs Milliarden Euro schwer, „das macht Google in einer Woche“. Die alternative europäische Suchmaschine Qwant verbuche einen Jahresumsatz, „den Google in einer Viertelstunde macht.“

Interesse an Expansion in Österreich

Von Die Presse-Journalistin Anna-Maria Wallner auf „Expansionsgelüste” angesprochen, kündigte Weimer durchaus Interesse an Österreich an. „Wir lieben halt Österreich, und Wien sowieso“, so Weimar; die Verbindung sei schon aus familiären Gründen eine starke. Sein Verlag kaufe jährlich zwei bis drei Objekte, wie jüngst die Fachzeitschrift Markt und Mittelstand von der FAZ. Ein neues Magazin möchte er hingegen nicht aufziehen, sondern in Bestehendes, wie etwa im wirtschaftsjournalistischen Bereich, investieren, wo bereits die ersten Markterfolge vorhanden seien.

'Breiter Bogen Erfolgsrezept der Krone'

Laut Kronen Zeitung-Geschäftsführer Gerhard Valeskini wolle die Kronen Zeitung auch den „einfachen Menschen helfen, die Welt besser zu verstehen“. Wie bekannt, fahre sie dabei auch immer wieder Kampagnen, wie gegen Zwentendorf oder für die Hainburger Au, „das ist Legende“, nun engagiere man sich für das regionale Einkaufen. Angesprochen auf die oft sehr polarisierende und laut Wallner „oft grenzwertige Haltung“ des Krone-Kolumnisten Michael Jeannée, verweist Valeskini auf die „redaktionelle Unabhängigkeit und die im Redaktionsstatut verankerte Meinungsvielfalt“. Nicht nur eine Haltung zu vertreten, sondern einen „breiten Bogen aufzuspannen, ist sicher ein Erfolgsrezept der letzten Jahrzehnte.“
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