Eröffnungsrede : Keine Gesellschaft ohne Disk...
 
Eröffnungsrede

Keine Gesellschaft ohne Diskurs. Das ist unsere Aufgabe.

Johannes Brunnbauer

Die Welt ist komplexer und undurchsichtiger geworden, die Gesellschaft driftet auseinander. In diesem Kontext ist die Notwendigkeit von qualitativem Journalismus und seinen Medien enorm gestiegen, während auch die Bedrohungen weiter zunehmen. Was es nun braucht.

Sehr geehrte Damen und Herren, werte Gäste, das letzte Jahr stellte eine Zäsur dar, hat uns herausgefordert, hat Veränderung radikal erzwungen. Mit den Worten „Was war, wird nicht bleiben“ habe ich meine Eröffnungsrede an dieser Stelle im letzten Jahr geschlossen, und die Coronapandemie hat unbestritten tiefgreifenden Wandel mit sich gebracht: in der Gesellschaft, in unseren wirtschaftlichen Bemühungen, in unserem Denken, aber auch im Zusammenleben. Lassen Sie mich diesen Befund und die Konsequenzen daraus in einigen Punkten darlegen.

Das Video wird präsentiert mit Unterstützung der APA-Tech.

Erstens: Im Kontext der Pandemie und ihrer Bekämpfung ist die Bedrohung durch Halbwahrheiten, Desinformation und Verschwörungstheorien noch greifbarer geworden. Falsches geistert durch die Welt der sozialen Medien und stilisiert sich schnell zur breiten Empörung hoch. Algorithmen und Mechanismen bevorzugen Emotionales und befeuern den digitalen Krawall. Zweifelhaftes und nicht Belegbares bedrohen den soliden Kern des Journalismus und haben in Teilen auch klassische Medien bereits unterwandert. Digitale Filterblasen verfestigen und verstärken eigene Weltanschauungen und Meinungen, die sonst weder Zuspruch noch Nährboden gefunden hätten.

Zweitens: Institutionen und Medien sind in Bedrohung und unter Beschuss geraten, sie ringen um ihre Legitimation und ihr Selbstverständnis. Das Misstrauen ihnen gegenüber ist etwa unter jenen drastisch angestiegen, die sich als Impfverweigerer den anerkannten Methoden verwehren. Das Wort der Wissenschaft, der geistigen Eliten und auch jenes der Medien hat in vielen Schichten längst kein bedeutsames Gewicht mehr. Deutungshoheit und Agenda-Setting sind längst verflogen. Klassische Informationsmaßnahmen greifen bei einem beachtenswert hohen Anteil der Bevölkerung schlicht nicht mehr. Wir sehen uns mit einem fatalen Mix aus Uninformiertheit und Unerreichbarkeit konfrontiert.

Drittens: Die ohnehin schon vorherrschende Skepsis oder auch Ablehnung wurde nicht nur ignoriert, sondern durch mediale Zuspitzung teilweise sogar noch befeuert. Zu spät wurde versucht, die Gegenstimmen zu hinterfragen und entsprechend fundiert einzuordnen; sie wurden viel zu oft sich selbst überlassen. Krude Stimmen und ihre vom wissenschaftlichen Konsens abweichende Meinung finden sich unverhältnismäßig stark in der öffentlichen Debatte wieder. False Balancing schafft mediale Verzerrung und vermittelt Minderheiten breitere Zustimmung.

Wir sehen uns als Gesellschaft konfrontiert mit einem weiteren Auseinanderdriften von Positionen, einer Spaltung in vielen Fragen des täglichen Zusammenlebens. Inhalte abzuwägen, zu debattieren und folglich Konsens zu organisieren, was Demokratien ausmacht, wird immer schwieriger – nicht nur im Kontext der Pandemie. Im digitalen Informationsgewusel haben sich Lautstärke und Emotion längst über Einordnung und Ratio hinweggesetzt. Das große Bild, der Kontext, die gewichtete und wahre Information fehlen viel zu oft. Das Geschehene und das Gesehene werden immer schwerer einordenbar.

Die Coronapandemie hat neben der gesundheitlichen Verwundbarkeit auch die Schwächen der Medienlandschaft und des Journalismus schonungslos aufgedeckt. Die letzten 18 Monate haben aber zugleich auch gezeigt, dass Journalismus notwendiger ist als je zuvor – Journalismus, wie wir ihn definieren: ausgewogen, fundiert, unabhängig und tiefgründig, aber auch als Vermittler von Information, als austarierendes Element, als Brückenbauer über die entstandenen Gräben.

Versäumnisse und Missstände werden sich nicht mühelos ausmerzen lassen. Wir brauchen dafür ein ehrliches Bekenntnis zu qualitativem Journalismus und seiner Finanzierung, und kein Kaputtsparen von Redaktionen. Wir brauchen Medien als einen ernst zu nehmenden Gegenpart der politischen Entscheidungsträger und nicht als deren Mitspieler oder gar Gehilfen. Wir brauchen eine Medienpolitik, die Rahmenbedingungen im globalen Überlebenskampf mit zeitgemäßen Strukturen und Maßnahmen ermöglicht und nicht verhindert. Wir brauchen eine Werbewirtschaft, die sich der Kraft und der Qualität von journalistischen Medien bewusst ist. Wir brauchen aber auch nachhaltige und unwiderlegbare Argumente gegenüber unseren Leserinnen und Lesern, um den Wert unserer Leistung nachvollziehbar zu machen. Und dafür braucht es bei Medien eine Besinnung auf die eigenen Aufgaben, Ziele und Werte und das notwendige Maß an Selbstreflexion und Fehlerkultur.

Ohne Diskurs, ohne Information und ohne Medien lässt sich eine ­Gesellschaft weder organisieren noch ihr Zusammenleben realisieren. Das ist unsere Aufgabe. Lassen Sie uns die Debatte über diese Herausforderungen in der notwendigen Ehrlichkeit, Schärfe und Tiefgründigkeit führen – auch an den kommenden beiden Tagen.

Herzlich willkommen zu den Österreichischen Medientagen.

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