Debatte Fake News: Alles Fake!!!111
 
Debatte Fake News

Alles Fake!!!111

Wache / Brunnbauer
Diskutierten über Fake News und die Medien: Isabel Russ, Christian Nusser, Moderatorin Corinna Milborn und - zugeschaltet - Katharina Nocun (v.l.)
Diskutierten über Fake News und die Medien: Isabel Russ, Christian Nusser, Moderatorin Corinna Milborn und - zugeschaltet - Katharina Nocun (v.l.)

Strategien gegen digitale Verschwörer und was die Medien gegen diese unternehmen können, war Thema einer von Corinna Milborn moderierten Debatte. Deren Social Media entlehnter Titel: 'Alles Fake!!!111'. Am Podium Christian Nusser, Chefredakteur der Gratis-Tageszeitung 'heute', Isabel Russ, Digital-Chefin des 'profil', und Katharina Nocun, Autorin und Online-Aktivistin. Plus: 'Profil' kündigt Faktenchecker-Unit 'Faktiv' für 1. Oktober an.

Auf die Eingangsfrage, inwieweit Verschwörungstheorien ein neues Phänomen seien, gab Nocun, die sich in mehreren Büchern mit Fake News beschäftigt hat, klare Antwort. Diese seien nicht erst durch Corona stärker im öffentlichen Bewusstsein, und schon gar kein neues Phänomen, sondern mindestens "seit dem Mittelalter, als die schwarze Pest ausgebrochen ist" in Anwendung.
Das Video wird präsentiert mit Unterstützung der APA-Tech.

In den vergangenen Jahren hätten dann vor allem rechte Parteien erfolgreich darauf gesetzt. Aber: "Jetzt gibt es mit Corona ein gemeinsames Narrativ." Christian Nusser dazu: "Corona ist eine Projektionsfläche geworden, ein Ankerpunkt, an dem sich viele Verschwörungsanhänger und Skeptiker versammeln." Man erreiche diese abgekapselten Menschen mit Medien nicht mehr, es handle sich um Blasen, die ihre News nicht mehr aus der "Tagessschau" beziehen würden. Seine doch überraschende Einschätzung: 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung seien davon betroffen. Laut Nocun sind sogar 30 Prozent der Menschen in Österreich und Deutschland offen für Verschwörungserzählungen, de facto daran glauben würde aber "eine viel kleinere Gruppe. Eine Spaltung der Gesellschaft ist ein zu drastisches Bild".

Faktenchecks

Inwieweit sollen Medien alternativen Fakten - etwa zum Thema Impfen - eine Plattform geben? Nusser gibt hier auch Fehler zu: "Medien haben sehr vorsichtig agiert und etwa Impfzwischenfälle zu wenig kommuniziert." Es sei notwendig, den Menschen die komplette Wahrheit zu präsentieren. Was Nocun so nicht stehen lassen will: "Die Kommunikation hat funktioniert - offene Fragen zu Medikamenten und Nebenwirkungen der Impfung wurden unglaublich gut abgebildet." Dennoch gebe es weiterhin das Verschwörungsnarrativ, nachdem es in Medien keine Möglichkeit gäbe, sich kritisch zu äußern. Und wie damit umgehen als Medium? Hier sind sich Russ und Nocun einig: Es sei schlicht Aufgabe der Medien die Fakten zu checken. Russ: "Wer Sicherheit braucht, bei dem funktionieren Fakten." Ab 1. Oktober werde es beim Nachrichtenmagazin mit "Faktiv" denn auch die angekündigte Faktenchecker-Unit geben, bestehend aus bis zu vier Redakteuren, die sich aber vorrangig Politikeraussagen zu diversen Themen widmen werden. "Faktiv" werde, so Russ, als eigene Marke laufen.

Die Rolle der Social Media-Plattformen sei jedenfalls, so Nocun, eine der Brandbeschleuniger. Die Empfehlungsalgorithmen würden die Menschen möglichst lange am Bildschirm halten wollen, sie so langsam zum Abdriften bringen. Nusser sieht deshalb insgesamt eine verstärkte Aggression in der Gesellschaft, es gäbe keinen kleinsten gemeisamen Nenner mehr.

Und was können Medien tun?

Gegen die selbst produzierten "Fake News" etwa sei die Zeit ein ganz wesentlicher Faktor, sagt Christian Nusser. Als Journalist sei man "oft in einer Jägersituation, manchmal können fünf Minuten Nachdenken entscheidend sein, um dem Druck der Breaking News zu entgehen". Russ sieht "falsche Incentives geschaltet in Verlagen. Viele Medien sind auf Reichweite angewiesen. Am nächsten und übernächsten Tag zahlst du dann den Preis dafür." Die Verifizierung von News werde folglich das Thema der nächsten Jahre sein. "Wer das anbietet, wird ein großes Geschäft machen", so Nusser.
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