Walter's Weekly: Der Medienturmbau zu Babel
 

Walter's Weekly: Der Medienturmbau zu Babel

#

Diese Kolumne macht sich jede Woche auf die Suche nach aktuellen Nachrichten und Entwicklungen der Kommunikationsbranche im angloamerikanischen Raum

Rückkehr der Riesen

Seit Jahren hören wir das Mantra, in der Digitalwelt würden die Schnellen und Schlanken über die Mächtigen und Behäbigen gewinnen. Es stimmt zwar nicht im Falle von Google, Apple, Facebook und Amazon, aber Tausende neuer Apps in immer kürzeren Zeitabständen halten den Mythos aufrecht. Nun will aus heiterem Himmel Rupert Murdochs News Corp die alte Medienhochburg Time Warner abtragen und ins eigene Reich eingliedern. Sollte es zu einem Zusammenschluss kommen, läge der gemeinsame Umsatz bei 65 Milliarden Dollar – circa die Größe von Google.

Die Ursache ist klar: Die Riesen der Digitalwelt (zu denen auch die Telecoms gehören!) hämmern langsam aber sicher nicht bloß am werblichen, sondern auch am medialen Stammgeschäft der Alteingesessenen. So ist jüngst Yahoo dazu übergegangen, die eigenen Nachrichtenbemühungen gegenüber den Werbeauftraggebern prestigeträchtig als ‚Magazin’ anzupreisen.

Strategen sprechen von ‚Konsolidierung’, weniger prosaisch ‚Wettbewerbsreduzierung’. Die Musikbranche hat’s erlebt, dito Kabel- und Sat-TV, Buchverlage, und jetzt kommen die verbleibenden Filetstücke der alteingesessenen Unternehmen mit den guten Markennamen unter den Hammer.

Apropos Marke: „Forbes“ hat nach vier innovativen Jahren im Digitalbereich nun das Handtuch geworfen und einen Mehrheitsanteil an asiatische Investoren abgegeben. Der einst zugkräftige Name ist zu schwach geworden, um im Alleingang Medienburgen aufzubauen.

Klar scheint jedenfalls, dass 2014 abermals ein schwieriges Jahr für Print wird: Der US-Riesenverlag Gannett gab gerade eben bekannt, dass im 2. Quartal die Einnahmen aus national geschalteter Werbung um 16 Prozent eingebrochen sind. Im Digitalbereich gab es Zuwächse, aber die Gesamtwerbeeinnahmen wiesen immer noch ein Minus von 6 Prozent auf. Schlimmer noch, das operative Ergebnis bei Print waren 96 Millionen Dollar bei einem Umsatz von 1,7 Milliarden Dollar – gerade einmal 5 Prozent. Das operative Ergebnis im Rundfunkbereich war 3,5 Mal höher bei einem halb so großen Umsatz, also sieben Mal so gut.

Die Einstiegsbarrieren ins Mediengeschäft, die das Internet scheinbar niederriss, werden allmählich unüberwindbar, wenn eine kleine Zahl von Unternehmen fortwährend kapitalkräftiger und politisch einflussreicher wird ...

Quellen:

http://buzzmachine.com/2014/07/18/silver-bullets/

http://www.niemanlab.org/2014/07/the-newsonomics-of-the-new-quest-for-big-big-big/

http://www.telegraph.co.uk/finance/newsbysector/mediatechnologyandtelecoms/media/10978092/Medias-old-guard-fights-back-against-Amazon-and-Google.html

USA: Geändertes Fernsehverhalten

Amerikaner, ohnehin schon die Fernsehweltmeister, haben noch ein Schäuferl Bildschirmzeit zugelegt: Knapp 38 Stunden ist der durchschnittliche wöchentliche Glotzenkonsum in den USA. Die Art des Sehens ändert sich allerdings merklich. In den vergangenen Jahren ging der Konsum von Live-TV von 89 auf 80 Prozent zurück, während Fernsehen via Internet-Streaming zügig von 4 auf 11 Prozent anwuchs. Dramatisch zeigt sich diese Veränderung bei der Erfolgsserie „24“: Bei der Erstausstrahlung im Jahr 2001 waren 8,1 Millionen Seher am selben Tag dran; bei der jüngsten Stafel nur noch 1,5 Millionen live, aber bei Wiederholungen in den folgenden 7 Tagen plus Video-on-demand kamen insgesamt 10,4 Millionen Seher zusammen.

P.S. Bei einem Konferenzgespräch nach der jüngsten Quartalspräsentation wies Facebookgründer Mark Zuckerberg darauf hin, dass die Bewohner seines Landes täglich neun Stunden(!) mit digitalen Medien verbringen, aber weniger als eine Stunde auf FB. Eine „aufregende Wachstumsmöglichkeit“ (Zuckerberg) oder ein deprimierender Befund?

Quelle:

http://qz.com/237600/charts-how-we-watch-tv-now/

Amazon macht’s möglich

Beinahe jedes dritte auf Amazon verkaufte digitale Buch ist selbst verlegt. Das wäre nicht weiter bemerkenswert, wenn das Ergebnis eine große Anzahl unverkäuflicher Titel wäre. Die Eigenverleger verdienen aber fast 40 Prozent des Gesamtumsatzes bei E-books – das ist mehr, als die fünf größten Verlage in diesem Segment umsetzen. Diese Zahl ist insofern aussagekräftig, als Amazon mit seinem E-Reader Kindle den Markt für digitale Bücher beinahe im Alleingang aufgebaut hat und ihn heute zu 60 Prozent dominiert.

Besonders erfolgreich sind die selbstverlegten Autoren in den Genres Liebesroman und Fantasy. Dieser Vorstoß macht sich bemerkbar: Laut einer aktuellen Erhebung der britischen Authors' Licensing and Collecting Society (das Pendant zur Austro-Mechana) haben etablierten Verlagsautoren seit 2005 circa 30 Prozent ihres Einkommens eingebüßt.

Quelle:

http://authorearnings.com/july-2014-author-earnings-report/

http://www.telegraph.co.uk/technology/amazon/10980706/One-in-three-ebooks-sold-on-Amazon-are-self-published.html

Update: Online Werbebetrug

Hier wird sehr heiß gekocht, berücksichtigt man die wild divergierenden Zahlen. Das Problem ist, dass Behauptungen, Roboter würden Werbung in großem Stil anklicken, in der Regel von Anbietern von Sicherheitssoftware kommen. Auf der anderen Seite reden die Werbung-platzierenden Agenturen das Problem klein.

Testfall: Im Mai wartete die Sicherheitsfirma Telemetry mit der Schockmeldung auf, wonach 57 Prozent der Impressions bei einer Mercedes Benz-Kampagne keineswegs von Online-Nutzern stammten. Die betroffene Firma, Rocket Fuel, ließ daraufhin einen anderen Ausschnüffler von Werbebetrug die Daten analysieren, und der kam bloß auf 6 Prozent Roboter-generierte Impressions. Immerhin liegt das doch deutlich über der öffentlich zugegebenen Rate von 2 Prozent Schwindelfällen...

Quelle:

http://digiday.com/publishers/ad-frauds-chicken-little-problem/

Kunst statt Werbung

Im vergangenen Jahr brachte in Großbritannien eine Initiative unter dem Motto „Art Everywhere“ Kunst in den öffentlichen Raum, und zwar an Stellen, wo sonst Außenwerbung hängt. Die Idee geht auf Richard Reed zurück, einer der Gründer der Marke Innocent Drinks (die im vergangenen Jahr zu 90 Prozent von Coca Cola übernommen worden ist).

Aufgrund des Erfolgs wird die Kunstaustellung heuer wiederholt und auf über sechs Wochen verlängert. Es werden auf insgesamt 30.000 Anschlagstellen 25 Werke von bekannten Künstlern wie David Hockney, Marc Quinn und Antony Gormley zu sehen sein.

Dieselbe Idee wird heuer auch in den USA umgesetzt. Von April an konnte die Öffentlichkeit auswählen, welche von 100 vorgeschlagenen Werken ausgestellt werden sollten. Anfang August werden sie auf 50.000 sonst der Werbung vorbehaltenen Stellen zu sehen sein.

Links:

http://arteverywhere.org.uk/

http://arteverywhereus.org/

Geständnis der Woche:

In einem interessanten Interview schildert der Geschäftsführer von Hearst Magazines, die bekannte Titel wie „Cosmopolitan“, „Elle“, „Esquire“ und Harper’s Bazaar“ herausgeben, wie schwer es ihnen intellektuell gefallen ist, von Print auf Digital umzudenken. Früher wurden die Magazine in monatlichen Rhythmen konzipiert, jetzt werden die Online-Ausgaben in Tagesabschnitten redaktionell angedacht. Hier das „Guardian“-Gespräch mit Duncan Edwards:

http://www.theguardian.com/media/2014/jul/20/hearst-magazines-duncan-edwards-digital-rivalry

[Walter Braun]
stats