"Lebende Legende": Paul Lendvai: 'Wir zeichne...
 
"Lebende Legende"

Paul Lendvai: 'Wir zeichnen das Gesicht der Zeit'

ORF/Thomas Ramstorfer
Der gebürtige Ungar Lendvai ist Leiter der ORF-Diskussionssendung "Europastudio" und gilt als Kenner Ost- und Südosteuropas.
Der gebürtige Ungar Lendvai ist Leiter der ORF-Diskussionssendung "Europastudio" und gilt als Kenner Ost- und Südosteuropas.

Am Dienstag dieser Woche erhielt Paul Lendvai - neben Christa Zöchling und Martin Thür - als 'lebende Legende' den Concordia-Preis für sein Lebenswerk . Eine der wenigen Auszeichnungen, die dem 92-jährigen Publizisten bislang noch nicht zuteil wurde. Hier seine Dankesrede.

Wenn ich hier das Publikum überblicke, könnte ich viele Freunde begrüssen, die mich in verschiedenen Phasen meines Lebens begleitet haben. Ich möchte nur zwei Personen hervorheben: Fürst Karel Schwarzenberg, der in zwei Staaten, in Österreich und Tschechien, Wegbereiter für die freie Presse war und bis heute wachsam die politische Entwicklung verfolgt und rechtzeitig diverse Bundeskanzler und sonstige Machthaber ermahnt, und Oscar Bronner, der mehr als jeder andere für die Pressefreiheit in Österreich getan hat, indem er drei bis heute existierenden Blätter - Trend, profil, Standard - gegründet und mich 2003 eingeladen hat, Kolumnist zu werden bei einer rosaroten Zeitung, die meinem ehemaligen Arbeitsgeber, der FT, nicht nur in der Farbe ähnelt sondern auch darin, zwar wenig Honorar zu zahlen, aber maximale inhaltliche Freiheit für die Mitarbeiter zu gewähren. Ähnliches gilt für den ORF, wo man sich nie in die Auswahl der Teilnehmer beim Oststudio, jetzt Europastudio, eingemischt hat.


Journalisten sind nicht populär, meistens gescheiterte Existenzen mit abgebrochenem Studium, vor allem Ruhestörer. In unserem Land gelten sie, wenn sie  über 50 sind als Publizisten, und über 60 bereits oft als Legenden, bei Leuten über 70 wird hinzugefügt "lebende Legenden".

Journalismus sei der schönste, der schrecklichste aller Berufe mit der Lust am Wort, mit der Lust an der Beobachtung, mit dem Segen der unstillbaren Neugier. Journalismus sei die Chance viele Leben zu leben, schrieb einmal der bedeutende (vestorbene) Kollege Klaus Harpprecht.

Thomas Jefferson, dritter Präsident der USA, sagte: "Wenn ich zu wählen hätte zwischen einem Land mit einer Regierung, aber ohne Zeitung, und einem Land mit Zeitung, aber ohne Regierung, dann würde ich mich für das Land ohne Regierung entscheiden." Häufig zitiert, aber vergessen dass nach der Veröffentlichung über Jeffersons viele Kinder mit schwarzen Sklavuinnen, er sich für das Verbot der betreffenden Zeitung ausgesprochen hat. Selbst Bruno  Kreisky, mit dem engsten Verhältnis zwischen einem Politiker und den Journalisten, beschwerte sich bei der NZZ über die Berichterstattung des Wiener Korrespondenten.

Ich verspüre Freude, dass ich mit Christa Zöchling und Martin Thür, mit zwei mutigen jüngeren Journalisten, hier zusammen gewürdigt werde. In Ungarn, meiner ursprünglichen Heimat, erlebt man das stille Erwürgen der letzten Reste der freien Medien. In meiner neuen, zweiten Heimat, der meine uneingeschränkte Loyalität, in guten und schlechten Zeiten gilt, gibt es eine freie Presse und einen ORF mit freien Redakteuren und Korrespondenten. Zwei glückliche Zufälle haben zur Rettung der Medienfreiheit beigetragen, das Ibiza-Video und das konfiszierte Mobiltelefon von Thomas Schmid mit 334 000 Chat-Nachrichten. Dass aber diese zwei Ereignisse eine Breitenwirkung hatten, ist nicht nur der Justiz, sondern auch dem ORF und den österreichischen Zeitungen zu verdanken.

Joseph Roth war nicht nur der Autor von "Radetzkymarsch" und "Der Kapuzinegruft". Er war vor allem ein Journalist, der 24 Jahre lang für zirka 120 Zeitungen gearbeitet hat, er schrieb einmal an seinen Redakteur bei der Frankfurter Zeitung: "Ich mache keine witzigen Glossen, ich zeichne das 'Gesicht der Zeit'." Roth ist laut Karl-Markus Gauß der bedeutendste Journalist der österreichischen Literatur. Wir alle sind natürlich verglichen mit diesem Giganten kleine Schreiberlinge. Scribbler, ein Freund von mir bei der New York Times, sagte einmal sogar verbittert, "we newspapermen are not a profession but a trade". Ich war und bin mit ihm nicht einverstanden. Wir haben trotz allem einen großartigen Beruf. Wir Kommentatoren, Kolumnisten, Reporter, Redakteure, Moderatoren zeichnen auch das Gesicht der Zeit, ohne uns wäre die Gesellschaft blind und taub, eine leicht lenkbare Masse für jene, die mit "Zudeckungsjournalismus" die Zeit des "starken Mannes" vorbereiten wollen. Die Wahlergebnisse in Frankreich und Slowenien sind ermutigend, sie zeigen, dass die Bäume der Rechts- und Linkspopulisten und -Populistinnen nicht in den Himmel wachsen können. Arbeiten wir dafür, dass es bei den kommenden Wahlen auch in Österreich so geschehen möge. Ich als "lebende Legende" werde mein Bestes dafür tun. Danke.

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