Gastkommentar: Twitter und TikTok sind das ne...
 
Gastkommentar

Twitter und TikTok sind das neue Amtsdeutsch

Henning Schacht

Wenn Behörden erfolgreich mit Bürgerinnen und Bürgern kommunizieren wollen, müssen sie den Medienwandel begreifen, meint Wolfgang Ainetter im HORIZONT-Gastkommentar.

Relativ oft hört man in Behörden: „Wenn wir noch Kapazitäten frei haben, können wir ja etwas twittern oder posten.“ Dieser Satz impliziert die Denke: Social Media ist „nice to have“ – kann man machen, muss man aber nicht. Doch Social Media ist in unserer digitalen Zeit nicht „nice to have“, sondern ein absolutes Must-Have!


Ein großer Teil der Österreicher und Deutschen – mittlerweile sind das zwei Generationen – informiert sich ausschließlich über Social Media. In der jüngeren Zielgruppe hat niemand mehr Lust auf bedrucktes Papier oder lineares Fernsehen. Die unter 40-Jährigen erreichen wir nicht mehr über die klassischen Medien, sondern nur noch über Twitter, Facebook, Instagram, YouTube oder TikTok.

Wenn Behörden erfolgreich mit Bürgerinnen und Bürgern kommunizieren wollen, müssen sie den Medienwandel begreifen. Die Gesamtauf-lage aller deutschen Tageszeitungen ist in den vergangenen zehn Jahren von 28 Millionen Exemplaren auf unter 15 Millionen geschrumpft. Gleichzeitig sind 43 Millionen Deutsche auf Social Media.

Wer auf Social Media nicht präsent ist, ist für Millionen Menschen nicht existent. Ohne die digitalen Plattformen verlieren die Behörden den Kontakt zu ihren Bürgern. Die Medienlandschaft hat sich radikal verändert. Deshalb muss sich auch die Behördenkommunikation radikal verändern! Twitter, Facebook und Co sind das neue Amtsdeutsch.

Erlauben Sie mir an dieser Stelle eine kleine Schleichwerbung: Mit der Berliner Social-Media-Unternehmerin Christiane Germann habe ich einen 423-Seiten-Ratgeber geschrieben. Darin zeigen wir mehr als 200 Beispiele von guten und schlechten Behörden-Tweets und Posts. Darüber hinaus stellen wir Social-Media-Vorzeigebehörden vor und analysieren, was man von den besten Ämtern lernen kann – etwa von Alexander Van der Bellens Social-Media-Team, das in der Ibiza-Affäre und der darauffolgenden Staatskrise souverän informierte. Lobend erwähnt werden auch die Pfleger und Ärzte der „Tirol Kliniken“, die mit der „Jerusalema“-Challenge einen viralen Hit landeten.

Und wenn ich Ihnen zum Schluss noch eines ans Herz legen darf: Machen Sie’s bitte niemals wie der deutsche Innenminister Horst Seehofer. Er ließ sich vor einer grauen Wand mit seinen acht Staatssekretären fotografieren – lauter Männer – und kassierte einen Mega-Shitstorm. Wer Twitter kennt, weiß, dass dort Fotos von Führungsriegen mit niedrigem Frauenanteil gnadenlos verrissen werden – zu Recht! Hätte Minister Seehofer doch nur auf sein Social-Media-Team gehört – dann wäre das Testosteron-Gruppenbild vermutlich nicht veröffentlicht worden. Also: Vertrauen Sie immer Ihren Social-Media-Managern.

Der Journalist Wolfgang Ainetter war zuletzt Sprecher des dt. Verkehrsministers Andreas Scheuer.
Dieser Tage erscheint sein Buch „Social Media für Behörden“.

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