Gastkommentar: Massentauglich, landestypisch ...
 
Gastkommentar

Massentauglich, landestypisch und/oder #instagrammable?

Thomas Goiser

Österreich, Deutschland und die Schweiz gehen bei der Expo2020 in Dubai unterschiedliche Wege. Ein Lokalaugenschein von Thomas Goiser, Unternehmens- und PR-Berater in Böheimkirchen und Wien. 

Ein gelungener Auftritt bei einer Weltausstellung muss wohl einige Ziele gleichzeitig erreichen: Innovativ und auffällig sein, den Besucher:innen aus dem Gastland beziehungsweise der Region gefallen, das Heimatland würdig repräsentieren (es kommen auch besonders kritische Landsleute zum Pavillon), möglichst einzigartig sein und auch international medial beachtet werden. Auch die inhaltlichen Ziele und Schwerpunkte können unterschiedlich sein, sie reichen vom Verbreiten (gesellschafts-)politischer Vorstellungen, über das Anziehen von Investitionen, Tourist:innen, Arbeitskräften, oder Studierenden bis hin zur Exportförderung.

An der Expo2020, die noch bis Ende März läuft, nehmen insgesamt 192 Nationen teil. Das Areal ist entsprechend weitläufig und teilt sich in drei „Districts“: Opportunity, Sustainability und Mobility. Die Übersichtspläne informieren einen, dass an einem durchschnittlichen Besuchstag bis zu 20 Pavillons angesehen werden können. Dabei gehen sie allerdings nicht auf die manchmal mehrstündigen Wartezeiten ein. Hier nun einige Eindrücke zu den Auftritten Österreichs und seiner deutschsprachigen Nachbarn Schweiz und Deutschland (Liechtenstein nimmt nicht teil).

Schweiz und Österreich: Unterschiedliche Nachbarn

Man könnte vermuten, dass die Vergabe nach den Farben der Landesflaggen stattgefunden hat: Angesiedelt im „Opportunity“-District finden sich nebeneinander die Volksrepublik China, Österreich und die Schweiz.

Österreich bedient mit seinem Pavillon keine Klischees und verkauft auch nichts – no „Sound of Music“, „Sisi“, „Silent night“ etc. Der praktische und auffällige Pavillon ist nach dem Vorbild arabischer Windtürme gestaltet, die Konstruktion aus 38 glänzend weißen Kegeln einige internationale Preise gewonnen. „Austria makes sense“ lässt die Gästegruppen entspannt und ohne Zeitdruck ihre Sinne erleben, manchmal ist es in diesem recht analog wirkenden Gegenpol richtig kontemplativ. Eine Spiegelwand im Inneren sorgt für die unbedingt nötigen Selfies. In einem angeschlossenen iLab rotiert das Programm zwischen der Präsentation herausragender unternehmerischer Projekte und moderner Kunst. Für Mitte Februar wird übrigens gerade eine WKÖ-Unternehmensreise für Creative Industries geplant. Und, der Vollständigkeit halber: Das Café ist landestypisch und schnörkelfrei geraten.

Auch die benachbarte Schweiz schafft es unter dem Titel „Reflections“ ohne Heidi, aber nicht ohne Berge und Schokolade. Aber der Reihe nach: Nach einiger Wartezeit geht es bergauf – über einen roten Plastiktrasen, in den das Schweizer Kreuz eingelassen ist, mit beeindruckender Spiegelung beim Blick nach oben. Wer das geschafft hat, wandert durch kühlenden Nebel aufwärts und erlebt die animierte Schweiz. Anschließend geht es mit einer Schindler-Rolltreppe wieder bergab in einen Bereich voller Innovationen – inklusive einer Vorstellung des Ausbildungssystems und Erfolgsbeispielen, etwa aus Lehrberufen und immer wieder Gamification und Augmented Reality. Aktuelle Stilikonen sind sympathisch eingebunden, etwa Freitag-Taschen oder Didie Voirol, und ein „Microlino“-Mini-E-Auto parkt etwas verloren nach dem Ausgang, wenn man es am Sprüngli-Schoki-Shop vorbeigeschafft hat.

Eine Klasse für sich: Lernen von Deutschland?

Unsere im Expo-Gelände etwas weiter entfernten Großnachbarn sind mit dem „Campus Deutschland“ in prominentester Lage am Eingang zu „Sustainability“ vertreten. Bei dichtem Edutainment erlebt man in einem nachgestellten Hochschulgebäude drei „Labs“ zu Energy, Stadtentwicklung und Biodiversität. Als Action-Highlight stellt sich gleich anfangs ein Bällebad heraus, jede der 100.000 gelben Bälle aus recyceltem Kunststoff steht für eine Nachhaltigkeits-Idee, deren Beschreibung auch abrufbar ist. Im weiteren Verlauf werden auch revolutionäre Lösungen made in Germany präsentiert, darunter Magnetfeld-Aufzüge von Thyssen-Krupp, Lilium-Flugtaxis und Stromerzeugung mittels Enerkites. Auf einer weiteren Station stellt ein Mobile mit 150 Screens vernetzte Ökoysteme dar und schafft eine sehr beruhigende Atmosphäre; zum Abschluss gibt’s wieder Action: gemeinsames Schaukeln (denn wir müssen alle bei der Lösung der globalen Probleme zusammenwirken). Danach gibt’s im selbstverständlich schweinefleischfrei geführten Lokal - wenn gewünscht – unter anderem Bier und als Beilage … Sauerkraut.

Aber, da war doch noch etwas: Baden-Württemberg tritt auf der Expo erstmals mit einem eigenen Pavillon an. Das deutsche Bundesland ist flächenmäßig zwar kleiner als Österreich oder die Schweiz, aber bevölkerungsreicher. „The Länd“ präsentiert sympathisch und selbstbewusst einen recht konventionellen Pavillon auf der Höhe der Zeit: Etwas Startup-Präsentation, etwas Landeskunde, Designer-Kuckucksuhren im Gastrobereich und ein recht opulenter Mercedes 500 als Blickfang und Instagram-Köder verfehlen im Opportunity-Sektor ihre Wirkung nicht.

Rankings wären jedenfalls verfehlt, zu unterschiedlich sind die Ziele der jeweiligen Auftraggeber und die Interessen des Publikums. Über mehrere Monate hinweg kann so ein Pavillon (zumindest) einige hunderttausend Besucher:innen verzeichnen oder vielleicht sogar die Millionengrenze überschreiten. Ein Besuch dieser kompakten Glitzerwelt ist noch bis Ende März möglich, wenn Covid19 nicht noch einen dicken Strich durch die Rechnung macht. Die folgende Expo findet dann 2025 in Osaka statt.

Expo2020 in Dubai: Massentauglich, landestypisch und/oder #instagrammable?

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