Gastkommentar: Gewalt beginnt nicht erst beim...
 
Gastkommentar

Gewalt beginnt nicht erst beim Frauenmord

Heidi Seywald
Beate Hausbichler ist Redakteurin bei ,Der Standard‘ und leitet das frauenpolitische Ressort dieStandard.
Beate Hausbichler ist Redakteurin bei ,Der Standard‘ und leitet das frauenpolitische Ressort dieStandard.

Gewalt gegen Frauen sind nicht erst Schläge oder Frauenmorde. Medien haben eine große Verantwortung dabei, das Gewaltproblem in einen größeren Zusammenhang zu setzen. Ein Gastkommentar von Beate Hausbichler.

Österreich ist ein konservatives Land. Denken wir etwa an die weit verbreiteten Vorstellungen davon, wie Männer und Frauen sein, leben und arbeiten sollten. Wer daheim bleibt, wenn Kinder kommen. Wer länger auf das Einkommen verzichtet, wer sich in finanzielle Abhängigkeit begibt, um unbezahlte Care-Tätigkeiten zu erledigen. Das Ergebnis von solchen konservativen Gewohnheiten ist eine im Vergleich zu anderen EU-Ländern große Lohnschere von 19 Prozent und in Folge ein hoher Gender Pension Gap. Frauen, die 2020 ihren Ruhestand angetreten haben, haben nur 56 Prozent der Pension der Männer erhalten. Und schließlich ist die hohe Zahl an Frauenmorden die fürchterlichste Konsequenz daraus, dass Frauen weniger wert sind. Nicht nur ihre Arbeit, sondern auch ihr Leben.

„Journalist:innen befragen Politiker:innen oft erst dann kritisch nach Maßnahmen, wenn wieder eine Frau ermordet wurde.“
Beate Hausbichler
Vom der Lohnschere zum Femizid? Also dazu, dass Frauen aufgrund dessen, weil sie Frauen sind, ermordet werden? Geht das nicht zu schnell? Müssen wir nicht unterscheiden, zwischen kleineren Geschlechterschieflagen und ernsthafter geschlechterspezifischer Gewalt? Nein, gerade wir Journalist:innen müssen das stärker zusammendenken, denn beides hat eine gemeinsame Basis: Die zigfach belegten Hierarchien zwischen den Geschlechtern. Journalist:innen befragen Politiker:innen oft erst dann kritisch nach wirkungsvollen Maßnahmen gegen Frauenverachtung, wenn wieder eine Frau ermordet wurde. Was ist mit Nachfragen zur Istanbul-Konvention, dem Übereinkommen des Europarates zur Verhütung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, das Österreich schon 2013 ratifiziert hat? Deren Empfehlungen wurden in Österreich noch immer nicht vollständig umgesetzt. Und: Faktische Gleichstellung ist ein sogenanntes Staatsbestimmungsziel und in der Bundesverfassung verankert. Doch wie die genannten Zahlen zeigen, sind wir noch weit davon entfernt. Es ist daher eine dringende Aufgabe von Journalismus auf diese Säumigkeit zu schauen – denn sie ist ein wichtiger Nährboden für Gewalt an Frauen.

Viele Medien gehen bereits verantwortungsvoller mit Gewalt gegen Frauen um. „Femizid“ als präziser Begriff für geschlechterspezifische Gewalt lesen wir immer öfter. Die Täter-Oper-Umkehr durch Formulierungen wie „Eifersuchtsdrama“, die den Blick auf die Betroffene richtet, was sie getan hat, um ihn „rasend“ zu machen, sind zwar noch existent. Sie werden allerdings weniger und die Kritik daran lauter. Es ist was in Bewegung. Was wir aber auch noch brauchen, ist der konsequente Blick auf das große Ganze.

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