Die voll automatisierte Gesellschaft
 

Die voll automatisierte Gesellschaft

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Diese Woche geht's bei Walter's Weekly u.a. um die dritte industrielle Revolution, das Ignoranz-Ranking, Facebook, Verleger und Bluetooth-Werbung

Die dritte industrielle Revolution frisst ihre Kinder

Die erste und die zweite industrielle Revolution vernichteten viele alte Wirtschaftszweige, sie schufen aber umso mehr neue Arbeitsplätze. Die digitale Revolution ist anders. Ihre Auswirkung liegt primär in erhöhter Effizienz. Es sind nicht so sehr grundlegend neue Produkte, die aus der digitalen Revolution hervorgehen, sondern Störung bestehender Geschäftsmodelle, Absatzwege, Kommunikationsweisen, selbst das Verhältnis Marke-Kunde ist diesem umfassenden Störgewitter unterworfen.

Die neuen Lösungen sind billiger, weil sie mit weniger teuren Angestellten auskommen. Faustregel: Je erfolgreicher die digitale Revolution, umso weniger Jobs. Diese Entwicklung ist erst am Anfang; viel Verwaltungspersonal lässt sich durch Software ersetzen. Die britische Lloyds Bank kündigte eben an, sich digitalisieren zu wollen – 9.000 Angestellte stehen nun auf der Abschussliste.

Eine Erhebung der Universität Oxford kam zu dem Schluss, dass von 700 in den USA untersuchten Berufen, geschätzte 47 Prozent(!!) binnen ein, zwei Jahrzehnten wegrationalisiert werden könnten. „Die Maschinen“, resümierte Web-Erfinder Tim Berners-Lee kürzlich, „werden immer schlauer, wir aber nicht.”

Vom Gratisphänomen ist natürlich die Medienwirtschaft besonders stark betroffen, weil mittlerweile sämtliche schöpferische Ware vom Gedicht bis zum Fachbuch über Zeitungsmeldung bis zum Magazinartikel in einem riesigen Schlund namens ‚Zeitvertreib’ gelandet ist. Wenn Hinz & Kunz sich Videos und Musik nur noch gratis auf YouTube reinziehen (Musikverkäufe auf iTunes heuer: minus 13 Prozent), gehen alle Schöpfer kreativer Inhalte pleite, und mit ihnen die Zulieferbranchen.

Damit beginnt sich rund um die Welt eine gewaltige Schere zu öffnen: Oben gefragte Talente plus die Kapitalbesitzer, unten ein Herr von schlecht bezahlten Dienstleistern. Selbst deren Existenz ist gefährdet: Es gibt mittlerweile eine Maschine, die Spitzenkaffees produziert. Da müssen sich all die Uni-Abgänger, die zwischenzeitlich Barista geworden sind, etwas Neues einfallen lassen.

Es gibt nur eine praktikable Lösung für die Jobkrise aufgrund zunehmender Automatisation – sein eigener Unternehmer zu werden. Dazu braucht es aber eine Kultur, die dies unterstützt. In den USA haben über 50 Prozent(!) aller Firmen exakt Null Angestellte. Die neue Selbständigkeit hat jüngst auch Großbritannien aus der Job-Patsche geholfen; mittlerweile arbeiten dort 15 Prozent aller Erwerbstätigen auf eigene Faust.

Gewerkschaften denunzieren dieses Phänomen als Notlösung, da viele neue Selbständige einen Einkommensverlust hinnehmen müssen. Tatsache ist aber, dass die weit überwiegende Majorität ihre Eigenständigkeit genießt. Dauerarbeitslosigkeit bzw. steuerfinanzierte Scheinjobs sind keine zukunftsweisende Alternative.

Quellen:

http://www.economist.com/news/special-report/21621156-first-two-industrial-revolutions-inflicted-plenty-pain-ultimately-benefited

http://www.wired.com/2014/10/apple-amazon-problem-people-dont-want-buy-stuff-anymore/

http://www.cityam.com/1413307928/happy-band-self-employed-remaking-our-economy-better

http://unbound.co.uk/books/small-is-powerful

http://www.thedrum.com/opinion/2014/10/28/forget-digital-transformation-brands-need-disrupt-themselves

Ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit

Die britische Marktforschungsfirma MORI hat ein interessantes Experiment gemacht. In 14 Ländern wurden insgesamt 11.000 Leute befragt, was sie denn über ihr soziales Umfeld wissen. Wesentliche Themen, deren Beurteilung in hohem Maße bestimmend ist für das innere Gleichgewicht. Ergebnis: brutale Ignoranz allen Orten. Es ging bei dieser Erhebung nicht um schwierige aktuelle Wirtschaftskennziffern, sondern um ganz alltägliche Eindrücke, die so verzerrt sind, dass politische Extremisten immer wieder offene Türen finden.

Im Ignoranz-Ranking schnitten am verhältnismäßig besten Schweden und Deutschland ab, wogegen in Italien und den USA der dumpfe Ungeist vorherrscht. Etwa bei der Frage, wie häufig junge Mädchen (15 bis 19 Jahre) schwanger werden: In Italien ist das jeder 200. Teenager, die Befragten waren aber der Meinung, es wäre jeder Sechste. Ober bei der Einschätzung, wie viele Muslime im eigenen Land leben. In den USA machen sie 1 Prozent der Bevölkerung aus, der öffentliche Eindruck ist, es wären 15 Mal so viele. Auch beim emotional aufgeheizten Thema Einwanderung gehen die Schätzungen wild daneben. In Italien machen Ausländer 7 Prozent der Bevölkerung aus, die Interviewten hatten aber das Gefühl, es wären gigantische 30 Prozent. In Ungarn ergeben die Fremdländischen gerade einmal 2 Prozent – der allgemeine Eindruck glaubt aber, es wären acht Mal so viele (ähnlich daneben lagen die Polen).

Interessanterweise kriegten die Befragten ein Thema exzellent hin: Die Einschätzung der allgemeinen Lebenserwartung war, abgesehen von Südkorea (zu optimistisch) und Ungarn (zu pessimistisch), sehr realitätsnah.

Was ist die Ursache des extremen Auseinanderklaffens von Wirklichkeit und Wahrnehmung? Liegt die Ursache in Massenmedien, die gewisse Themen einseitig darstellen und überbetonen? Oder ist es so, dass wir in der Regel glauben, was wir glauben wollen, und verleugnen, was uns nicht in den Kram passt?

Quelle:

http://qz.com/288707/everything-you-think-you-know-about-the-news-is-probably-wrong/

http://www.psychologytoday.com/blog/the-hidden-agenda-the-political-mind/201410/politics-is-unbelievably-selfish

Facebook lockt Verleger in die totale Abhängigkeit

Der jüngste Vorschlag aus dem FB-Reich: Verleger könnten doch ihre Inhalte-plus-Werbung innerhalb Facebooks mobiler App abstellen. Allfällige Werbeerlöse werden dann geteilt. Ein Angebot für Verzweifelte und Masochisten. Sobald FB-Süchtige sich daran gewohnt haben, Nachrichten und Magazingeschichten in ihrem Newsfeed vorzufinden, können Verleger ihre Websites gleich einstampfen. Dann ist nämlich FB im Eindruck ihrer Kundschaft nicht länger bloß Vertriebsschiene, sondern erscheint selbst gleich als Quelle aller Meldungen.

Die Verlockung ist natürlich groß – Facebook ist König im Reich der mobilen Werbung. Dass sich die (potenziellen) Leser in großer Zahl in sozialen Netzwerken tummeln, ist klar, und dass Verleger sie dort kontaktieren müssen, ebenso. Aber die Werbung ebenfalls dorthin zu verlagern, wäre eine riskante Entscheidung; eines Tages wird der mediale Inhalt als austauschfähig erklärt (und der Verlag hinausgekickt), während die Werbung in der Nähe der Leser verbleibt ...

Quelle:

http://digiday.com/platforms/publishers-dont-want-facebooks/

Verleger verlegen sich auf Video

Da ganz allgemein die Konzentrationsfähigkeit auf eine geringe Sekundendauer geschrumpft ist, haben Nachrichtenmedien nun das Problem, wie sie komplexe Inhalte vermitteln sollen in einem Zeitalter, wo man lieber bewegte Bilder betrachtet, als Textzeilen durchpflügt. Lösung: Man mache Aufklärungsvideos und stelle sie auf YouTube ab. Tun in letzter Zeit immer mehr Verleger, da solche Videos nicht unbedingt viel Kapital in der Herstellung verschlingen und eine neue Marketingfront eröffnen. Ganz besonders bietet sich diese Vorgehensweise bei Evergreen-Themen an, die auch noch in einigen Monaten aktuell sind und abgefragt werden.

Quelle:

http://digiday.com/publishers/publishers-flocking-explainer-videos/

Ist Bluetooth-vermittelte Werbung unheimlich?

Den Stadtflaneuren mit der sogenannten Beacon (Leuchtfeuer)-Technik auf den Konsumpelz zu rücken, reizt Händler mächtig. Klingt doch toll: Man geht an einem Geschäft vorbei, und schon bimmelt das Sonderangebot. Die Realität ist etwas delikater. Zwei aktuelle Studien haben gezeigt, dass Bluetooth-Funk-aktivierte Handys durchaus die Empfänger verärgern können. Zwei Erkenntnisse haben die Forscher gewonnen: Ob eine per Funkstrahl abgeschickte, maßgeschneiderte Werbung gut ankommt, hängt in hohem Masse vom gerade vorherrschenden emotionalen Zustand des Empfängers ab. Den aber kann kein Marketer vorhersagen. Wer gerade gestresst ist, fühlt sich von dieser zusätzlichen Botschaft gestört. Wer entspannt oder gelangweilt herumbummelt, freut sich über die kommerzielle Nachricht.

Zweite Einsicht: Personalisierte Werbung wird in der Tat mehr beachtet, wird aber deswegen nicht unbedingt gemocht. Die Gefahr besteht, dass eine sehr personenbezogene Nachricht als beunruhigend eingestuft wird.

Quelle:

http://theconversation.com/is-sending-shoppers-ads-by-bluetooth-just-a-bit-creepy-32643

[
Walter Braun]
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