30 Jahre HORIZONT: Streamer killed Creative I...
 
30 Jahre HORIZONT

Streamer killed Creative Industries?

Max Christ / Moonlake Entertainment
"Hinsichtlich des Erkennens der Marktanforderungen und global konkurrenzfähiger Incentives sind wir Nachzügler."
"Hinsichtlich des Erkennens der Marktanforderungen und global konkurrenzfähiger Incentives sind wir Nachzügler."

Produzent und Filmmusikkomponist Hannes M. Schalle über die globale und regionale Produktionslandschaft im Zeitalter der Streaming Wars.

Frühjahr 2021: Neben Disney+ und Netflix formieren sich WarnerMedia, Discovery, Amazon und MGM neu. Gemeinsam mischen sie die Weltordnung der Unterhaltungsindustrie auf. Es geht um globale Rechte, Assets und schlussendlich den finanziellen Wert an geistigem Eigentum. Die Free-TV-Sender haben weltweit zu kämpfen. In diesem Global Game ist Österreich als Produktionsstandort immer weniger wettbewerbsfähig.


Allerdings brauchen die global agierenden, US-amerikanischen Streaminggiganten Europa und Asien weiterhin. Dies nicht nur wegen der Abonnentinnen und Abonnenten, sondern auch, weil es gerade in Europa für internationale Produktionen wichtige Incentives gibt. Länder wie Polen, Tschechien, Bulgarien und Rumänien punkten besonders durch geringere Lohnnebenkosten, Verfügbarkeiten von Film-Crews, vielfältige Drehorte und Studios. Wenn US-Streaminganbieter dorthin Serviceproduktionen vergeben, können sie den Production Value klar steigern, dazu kommen Steueranreize, Rabatte und sonstige Förderungen. Und nachdem man auch lokale Inhalte benötigt, wird entsprechend nach global verwertbaren Stoffen gesucht.

Let’s face it: Die Pandemie war und ist der absolute Prozessbeschleuniger der Digitalisierung und vielfach der zwingenden Erkenntnis, dass die alte Ordnung so nicht mehr funktionieren wird. Und während es in den US-Medien­konzernen hauptsächlich um Marktanteile, Abonnentenzahlen und möglichst hohe Erträge geht, versucht man in Europa öffentlich-rechtliche Strukturen der 1960er-Jahre weiter zu erhalten. So hat man über die vergangenen 20 Jahre fast durchwegs auf die Jugend vergessen, ­dadurch überalterte das Publikum, Herangehensweisen und die Produktions­inhalte änderten sich kaum. „Digitalisierung“ war mit Service-Websites, Mediatheken oder Catch-up-Rechten vorerst mal erledigt (das allerdings war bei den Privaten in Europa auch nicht wesentlich anders). Nun, in der Zeit der Streaming Wars und des digitalen Medientsunamis, wünscht man sich in Europa und so auch in Österreich mit gewissen Umstellungen und Neuerungen noch zehn Jahre Zeit zu haben.

Wenn das nur kein allzu frommer Wunsch ist! Neben den Streaminggiganten gibt es noch YouTube, Instagram, Snapchat, TikTok et cetera. Die Konkurrenz um Aufmerksamkeit des Publikums ist umfassend, allgegenwärtig und finanzstark aufgestellt. Weltweit wird versucht durch Investitionen in Studios, digitale Produktionseinrichtungen, speziell ausgebildete Arbeitskräfte und natürlich auch ausgefeilte steuerliche Incentives den boomenden Produktionsmarkt in die eigene Region zu bringen. Auf Kanada, England und Neuseeland folgend haben die Länder Osteuropas nachgezogen. Nun versucht es Deutschland mit ähnlichen Mitteln, und es funktioniert teilweise. Und Österreich? Hinsichtlich des Erkennens der Marktanforderungen und global konkurrenzfähiger Incentives sind wir Nachzügler.

Visionäre Ausnahmeerscheinungen

In Salzburg haben zwei visionäre Ausnahmeerscheinungen, nämlich Herbert von Karajan und Dietrich Mateschitz dazu beigetragen, den Medienstandort nachhaltig zu positionieren. Dazu kam ein besonderes politisches Verständnis, das die kommerzielle Filmförderung des Landes Salzburg ermöglichte, dann die Umsetzung des digitalen Medienclusters, ServusTV und die Schwerpunkte in den tertiären Ausbildungsstätten. Aktuell finalisieren wir eine Digitalisierungsstrategie, die alle Player zusammenbringt und ihnen neue Möglichkeiten aufzeigt. Das soll auch helfen, die Museen zu erneuern und die Kulturinstitutionen zu unterstützen sich zukünftig auszurichten. Das Ziel ist klar: die Kreativwirtschaft mittels Digitalisierung zu einem Hub für Film, Musik und digitaler Produktion zu machen – in allen Segmenten, mit den besten Talenten und Anreizen für nationale und internationale Produktionen.

Dieser Kommentar erschien in der Jubiläumsausgabe zu 30 Jahre HORIZONT. Noch kein Abo? Hier klicken.

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