30 Jahre HORIZONT: Die Dystopie braucht keine...
 
30 Jahre HORIZONT

Die Dystopie braucht keinen Umsturz

Ramona Waldner
Ingruber arbeitet am Research Lab Democracy and Society in Transition der DonauUni Krems.
Ingruber arbeitet am Research Lab Democracy and Society in Transition der DonauUni Krems.

Politikwissenschafterin und Demokratieforscherin Daniela Ingruber über die Gleichgültigkeit gegenüber den demokratischen Institutionen.

Wenn im Herbst die erste Lebens- und Urlaubsfreude nach Ende der Lockdowns verfliegt, wird sich zeigen, was die Pandemie der Demokratie längerfristig angetan hat. Mit der Kälte könnten die dystopischen Entwicklungen sichtbarer werden. Vorhersagen treffen jedoch selten ein und beeinflussen Erwartungen.

Ein Lehrbeispiel dafür ist die Sars-CoV-2-Pandemie, die das Verständnis der Bürger für Demokratie oder das, was sie von ihr wollen, aufgrund zu vieler Zurufe verschiedenster Seiten deutlich verändert hat. Zwar darf man davon ausgehen, dass das Interesse an Verschwörungslegenden zurückweichen wird, weil das Leben wieder spannender scheint, doch umso fataler könnten die Überzeugten an ihren Ideen festhalten, wenn der gefeierte Wirtschaftsaufschwung bei ihnen nicht anklopft.

Dann wird kluge Kommunikation besonders wichtig, zumal insbesondere die Regierungsmitglieder verlernt haben, wie man mit Bürgerinnen und Bürgern spricht. Das Gefühl für Kontakt ist im allgemeinen Weggesperrtsein verloren gegangen. Zu viel wurde geredet, zu viele Versprechen in Worte gefasst – das gilt gleichermaßen für die Regierung wie für jene, die gerne glauben querzudenken, doch das Denken stattdessen an die Emotion abgegeben haben, weil die Wahrheiten kaum ertragbar waren.

Krisen schweißen Bevölkerung und Politik selten zusammen. Die Unzufriedenheit mit dem System steigt demgemäß, gepaart mit Unwillen gegenüber den alteingesessenen Akteuren. Die Parteien hatten schon vorher ihren Reiz eingebüßt, und gerade junge Menschen haben sich inzwischen umgewöhnt. Sie machen einmal da mit, einmal dort, je nach Gewissen, Interesse und zuweilen auch nur Hype. In der Pandemie stark eingeschränkt und unverstanden geblieben, wird ihre Abwendung von den Parteien weitergehen, die allerdings nicht verwechselt werden sollte mit jenem Abwenden von Politik, das andere Teile der Bevölkerung durchmachen, weil sie nach der Pandemie niemanden mehr finden, dem sie vertrauen wollen.

Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit

Das könnte zu mehr Selbstorganisationsversuchen der Bevölkerung führen, wobei demokratiepolitisch spannend ist, dass parallel dazu erwartet wird, dass sich „der Staat“ weiterhin um das vermeintlich Alltägliche kümmert. Dazu zählt vor allem das Sozialsystem.

Die Dystopie der Demokratie zeigt sich nämlich nicht in einem Umsturz, sondern in der Gleichgültigkeit gegenüber den demokratischen Institutionen als notwendigem Übel für die eigene Bequemlichkeit. Demokratie ist dann eine Gewohnheit, in der jeder tut, was ihr oder ihm am nächsten ist, frei von Pflichten und inklusive aller Rechte.

Jene, die an Verschwörungsnarrative glauben, folgen – so zeigen Umfragen – gerne jenen, die zwar laut „Menschenrechte und Freiheit“ rufen, aber entweder offen diktatorische Ideen verfolgen oder keinerlei Konzepte zum demokratischen Miteinander haben, was mindestens ebenso gefährlich ist. Die Dystopie drückt genau das aus, wörtlich übersetzt als schlechter Ort bildet sie den Rahmen für ein demokratisches Bewusstsein, das sich seiner Grundannahmen entledigt und dabei viel Interesse am Ich, aber wenig für die Meinungsfreiheit der anderen hat.
„Der dystopisch schlechte Ort, das sind heute auch die Kommunikationswege, in denen Parteien keine Medien mehr brauchen, weil sie gelernt haben, ihre Wahrheiten mit eigenen Veröffentlichungen inklusive vorfabrizierten Kommentaren zu veröffentlichen.“

Auf der anderen Seite bewegt sich die Politik in Richtung noch mehr Regulierung, da es Gewohnheit geworden ist, den Bürgerinnen und Bürgern das Denken abzunehmen, was wiederum für Regierende angenehm wirkt. Der dystopisch schlechte Ort, das sind heute auch die Kommunikationswege, in denen Parteien keine Medien mehr brauchen, weil sie gelernt haben, ihre Wahrheiten mit eigenen Veröffentlichungen inklusive vorfabrizierten Kommentaren zu veröffentlichen.

So wird die Aufgabe der Medien ebenso spannend wie bedeutsam: derart zu informieren, dass es Raum für demokratisches Denken gibt, und dabei nicht der Versuchung des Boulevards zu verfallen, der der Gesellschaft das Denken vorkaut. Die Pandemie nämlich wird die Demokratie kaum zerschlagen können, doch die zu Letzterer gehörenden Rechte und Aufgaben müssen täglich neu erarbeitet und (mit-)geteilt werden.

Dieser Kommentar erschien in der Jubiläumsausgabe zu 30 Jahre HORIZONT. Noch kein Abo? Hier klicken.
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