Zuerst liefern, dann bestellen
 

Zuerst liefern, dann bestellen

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Kommentar von Marlene Auer, Chefredakteurin (HORIZONT 48/2015)

Beim Online-Shopping holen die Österreicher auf. Die 250 größten Onlinehändler haben 2014 in Summe 2,1 Milliarden Euro umgesetzt: ein Plus von 11,6 Prozent. Deutschland hat um neun Prozent zugelegt, wenn auch auf höherem Niveau. Für das Weihnachtsgeschäft rechnet die Branche mit neuen Rekorden. Die Unito-Gruppe mit Otto, Universal und Quelle geht von 15 Prozent mehr Umsatz im Vergleich zum Vorjahr aus.

Die Internet-Giganten liefern sich ein Wettrennen um die Weihnachts-Shopper. Amazon Prime hat die Lieferung in deutschen Ballungszentren am selben Tag angekündigt, Media Markt und Saturn – erst seit Kurzem im Online-Business – kontern: Online-Bestellungen sollen innerhalb von 30 Minuten bis maximal drei Stunden bei den Käufern ankommen, auch in Wien. Das soll über die Weihnachtszeit hinaus bestehen bleiben. Zalando liefert in Köln und Berlin gegen Aufpreis innerhalb eines Tages, nun wird die tagesgleiche Lieferung ausgedehnt. Die Händler matchen sich um einen rasant steigenden Kundenpool. ­Einer DHL-Studie ­zufolge sollen im Jahr 2025 mehr als 40 Prozent des gesamten Handels online getätigt werden.

Zudem werden die Kundenprofile immer schärfer. Amazon kennt seine Prime-Clients besser als sie sich selbst. Self-Fulfilling-Order ist das Schlagwort. Auch Google macht es ­bereits. Bald werden wir Produkte bekommen, bevor wir sie überhaupt bestellt haben – weil die Online-Händler schon wissen was wir wollen bevor wir es selbst wissen. Klingt gespenstisch, ist aber bereits Realität. Amazon hat sich ein Patent gesichert, das einen „vorausschauenden Versand“ ermöglichen soll. Anhand früherer Bestellungen, Wunschzettel und Umtäusche – und ­sogar durch die Verweildauer des Cursors auf einer Produktbeschreibung – wird errechnet, wofür wir uns interessieren. Während wir also noch den Info-Text am Kindle lesen sind die nächsten Bücher ­bereits am Weg in ein Lager in unserer Nähe. Womöglich landet dann gleich eine Mini-Drohne mit dem Paket vor der Tür. Science Fiction? Nein. Die gesetzliche Grundlage dafür wurde in den USA schon geschaffen. Gesegnete Weihnachten. Oder Ostern. Hase grüßt Igel.

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