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‚Wir sind endgültig an einer Kreuzung angelangt‘

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JW-Konjunkturbarometer 2015 erhebt unter Jungunternehmern ‚trübe Konjunkturaussichten‘ – Reformen vom Partner (nicht Vater) Staat gefordert

Wer Herbert Rohrmair-Lewis, Co-Gesellschafter und Co-Geschäftsführer der Werbeagentur Lobster und seit einem Jahr Bundesvorsitzender der Jungen Wirtschaft (JW) in der Wirtschaftskammer, kennt, weiß, dass der Unternehmer und Werber keine Neigung zu dramatischen Auftritten hat. Bei der Vorstellung des aktuellen „Konjunkturbarometers“ der JW formuliert Rohrmair jedoch drastisch: „Wir sind endgültig an einer Kreuzung angelangt.“ Es sei klar, „dass es so nicht ­weitergehen kann!“

Ein „stinkendes Gebräu an Politikversagen“ ortet Rohrmair und zählt auf: Hypo-Verstaatlichung, Steuerquote und Staatsschulden, zweistellige Arbeitslosenquote, Nullwachstum. „Wir brauchen den ,Partner‘ Staat statt den ,Vater‘ Staat“, fordert Rohrmair, und mahnt „Eigenverantwortung“ an: „Wir müssen Wertschöpfung selbst generieren“, Unternehmertum attraktiver machen – dazu brauche es „politischen Willen“.

Nachsatz: „Es geht um das Wollen!“ Die Junge Wirtschaft in der WKO ist die überparteiliche Plattform für Unternehmensgründer – rund 120.000 versammelt die WKO, rund 37.000 sind österreichweit im Netzwerk der JW aktiv.

Die aktuelle Umfrage (die Umfragen seit 2008 sind auf der Website verfügbar) des Market-Instituts unter 958 Jungunternehmern zeigt eine Verstärkung von Negativtrends.

,Euphorie sieht anders aus‘

Das betreffe die wirtschaftliche Grundstimmung, die eigene Ertragslage und Investitionstätigkeit: „Euphorie sieht anders aus“, analysiert Rohrmair. „Die Stimmung unter unseren Jungunternehmern ist nach wie vor gedämpft. Denn in Österreich herrscht seit geraumer Zeit Instabilität, Reformlähmung und politischer Stillstand. Trotz pessimistischer Grundstimmung sind die heimischen Jungunternehmer jene, die den Karren aus dem Dreck ziehen können, da sie enormes Beschäftigungs- und Innovationspotenzial in sich bergen. Dafür müssen aber endlich die Rahmenbedingungen an die Erfordernisse des 21. Jahrhunderts angepasst werden. Dann können wir es angehen.“

Knapp die Hälfte der Befragten (46 Prozent) ist der Meinung, dass sich die wirtschaftliche Lage Österreichs in den nächsten zwölf Monaten verschlechtern wird (fast zehn Prozentpunkte mehr als im Juni 2014 mit 37 Prozent). Nur zwölf Prozent (Juni 2014: 14 Prozent) glauben an eine Verbesserung der Wirtschaftslage. „Das ist der niedrigste Wert seit Dezember 2011.“

Dementsprechend wollen nur 20 ­Prozent der Befragten investieren; 37 Prozent wollen ihre Investitionen zurückfahren. Ein Viertel erwartet eine Verbesserung der Ertragslage – aber rund ein Drittel eine Verschlechterung. Laut einer Studie der Donau-Universität schafft jede Unternehmensgründung direkt oder indirekt 2,4 Arbeitsplätze – aber im JW-Konjunkturbarometer geben 72 Prozent an, keine neuen Mitarbeiter einstellen zu wollen (26 Prozent wollen rekrutieren). „Ein zentraler Grund sind die absurd hohen Lohnnebenkosten in Österreich. Gerade als Jungunternehmer oder Start-up ist das ein zentraler Entscheidungsfaktor, ob ein neuer Mitarbeiter aufgenommen wird.“

‚Entschlossene Schritte‘ gefordert

„Daher fordern wir nicht nur die Senkung der Lohnnebenkosten, sondern die Abschaffung der Lohnnebenkosten für den ersten Mitarbeiter im ersten Jahr“ – „Wir möchten, dass die 90 WKÖ-Gründerservice-Stellen die Kompetenz zur Übermittlung der Firmenbuchanträge erhalten und so das Prinzip einer ‚One-Stop-Agency‘ als zentraler Anlaufpunkt für Gründer verwirklicht wird. Zudem soll die nicht mehr zeitgemäße Pflichtveröffentlichung in der Wiener Zeitung zugunsten einer Online-Veröffentlichung abgeschafft sowie die Notariatsaktpflicht beseitigt werden.“

Auch die im Regierungsprogramm 2013 versprochene Verbesserung der Rahmenbedingungen für Crowdfunding wurde noch immer nicht umgesetzt, erinnert Rohrmair. Und: „Wir fordern eine Änderung des Einlagebegriffs im Bankwesengesetz. Überdies sehen wir die Notwendigkeit zur Einführung ­eines 50.000-Euro-Business-Angel-Freibetrags.“ Nachsatz als Appell an den „Partner“ Staat: „Nur ernst zu nehmende Reformprojekte können an dieser Situation etwas ändern. Gerade in einer Zeit, in der das Wirtschaftswachstum wieder zum Er­liegen kommt, sind entschlossene Schritte gefordert“.

Dieser Artikel erschien bereits am 16. Jänner 2015 in der HORIZONT-Printausgabe 1-3/2015. Hier geht’s zur Abo-Bestellung.
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