‚Wir hatten nichts zu verlieren‘
 

‚Wir hatten nichts zu verlieren‘

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Dieter Klein, Gründer von PPM Filmproductions, lässt im Interview die vergangenen 25 Jahre Revue passieren und lobpreist die junge Generation

HORIZONT: Sie feiern Ihr 25-Jahr-­Firmenjubiläum. Wie verlief der Start ins Geschäft?

Dieter Klein: Ursprünglich hatten meine Partner – Marius Boyer-Telmer, Rudolf Janisch – und ich gar nicht geplant, ein Unternehmen zu gründen. Ausschlaggebend war, dass wir bei der Tale-Film Tag und Nacht gearbeitet ­haben und für wenig Geld unsere Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben. So wollten wir nicht weitermachen, also haben wir gekündigt. Es gab einige Beteiligungsangebote, aber wir wollten uns nicht mit Altlasten oder schlechten Stimmungen aus der Vergangenheit beschäftigen, sondern ganz von vorne starten. Wir hatten nichts zu verlieren. Also sind wir zur Bank gegangen, haben einen Kredit aufgenommen und unsere Büro mit selbst gebastelten Möbeln eingerichtet. Zu Beginn war es schwer, in der heimischen Branche Fuß zu fassen. Dann hatten wir das große Glück, dass sich Wirz Zürich bei uns gemeldet hat und uns sofort mit zehn Filmen in Folge für den Kunden Unilever beauftragt hat. Mit diesen Spots haben wir dann beim CCA und beim ADC Zürich Preise gewonnen. Dadurch sind dann auch österreichische Agenturen auf uns aufmerksam geworden und das Geschäft lief sehr gut an.

HORIZONT: Klingt nach einem Traumstart …

Klein: Ja, aber dann kam das Jahr 2001. Wir haben für den Kunden max.mobil alles gedreht – vom ersten bis zum letzten Film. Dann wurden sie an T-Mobile verkauft und alle Produktionen wurden nach Deutschland verlagert. Unser zweiter großer Kunde war die Erste Bank. Ebenfalls 2001 kam ein neuer Marketingleiter, dem wir leider nicht sympathisch waren. Also haben wir fast zeitgleich unsere zwei größten Kunden in Österreich verloren, die Schweiz hat nachgelassen und in Deutschland wollten sie mehr im eigenen Land machen und plötzlich ist der Markt dünn geworden. Es folgten sieben schwache Jahre, in denen wir gekämpft haben. Erschwerend kam dazu, dass wir aufgrund der zwei großen Kunden mit 15 Angestellten einen Höchststand beim Personal hatten. 2008 war dann das absolute Horrorjahr – für die gesamte Branche.

HORIZONT: Wie haben Sie diese Krise überstanden?

Klein: Uns war klar, dass der Markt nicht auf uns zukommen wird, sondern wir einen Schritt nach vorne machen müssen. Also hatte ich die Idee der PPM 2.0. Mein damaliger Partner war damit nicht einverstanden und wir wussten, dass nun der Zeitpunkt für einen Trennung gekommen war. Wir sind heute noch stolz darauf, dass wir uns nach 22 Jahren innerhalb von drei Tagen mit allen Abmachungen getrennt haben und nach wie vor beste Freunde sind – ohne jemals ein böses Wort verloren zu haben. Dadurch konnte ich mit meinem neuen Partner Sebastian Larrosa-Lombardi und ­meinem zweiten Partner – er war schon bei der Gründung 1989 Partner der PPM Filmproductions – Rudolf Janisch ­dieses innovative Unternehmen, die PPM 2.0, gründen. Seit 2012 Ist Sebastian Larrosa-Lombardi auch Partner der PPM Filmproductions geworden.

HORIZONT: Was war die Idee hinter der PPM 2.0?

Klein: Wir wollten für schnellere und günstigere Onlinevideos eine Schiene schaffen. Wir hatten bemerkt, dass wir als Unternehmen den Ruf hatten, teuer zu sein und so Anfragen über 10.000 oder 20.000 Euro gar nicht erst zu uns kamen. Also sind wir mit dem Thema „günstiger“ rausgegangen. Ich habe schnell erkannt, dass das ein Nonsens ist zu sagen, wir können auch billige Filme machen, denn das kann kein ­Verkaufsargument sein. Denn letztlich wäre es wünschenswert, dass Internetfilme in einigen Jahren mehr wert sind als TV-Filme.

HORIZONT: Wie haben Sie das gelöst?

Klein: In erster Linie darf man das nicht vermischen, denn es sind einfach andere Inhalte. Im Internet kannst du rotziger, jugendlicher sein. Die Kunden trauen sich mehr und sind flexibler – natürlich auch, weil sie weniger Geld für die Schaltung ausgeben müssen. Außerdem ist es ein wichtiger Punkt für mich, dass wir gegenüber der Branche eine Verantwortung haben und das eine gute Plattform für den Nachwuchs ist. Es gibt viele junge Talente in Österreich, die in der klassischen Werbung sonst keine Chance hätten. Das reicht vom Regisseur über den Kameramann bis zum Ausstatter. Sogar etablierte Regisseure arbeiten heute auch für weniger Geld – so haben die Jungen noch viel weniger Chancen. Das System mit der 2.0 ist gut aufgegangen und hatte eine unmittelbare Wirkung auf die PPM. Das Unternehmen PPM ist innovativ geworden, hat etwas Interessantes in den Markt gesetzt, und wir haben über die 2.0 auch einige Kunden wieder zurückgewonnen.

HORIZONT: Ist Onlinevideowerbung nicht nur die Verlängerung der Fernsehwerbung?

Klein: Das sollte sie eben nicht sein. Es bringt überhaupt nichts, einen TV-Spot ins Internet zu stellen – das interessiert niemanden. Die Pre-Rolls – die nichts anderes sind als verkürzte TV-Spots – kosten auch viel Geld. Einer meiner Kunden meinte einmal, dass wohl 80 Prozent der Leute diesen Spot sowieso wegklicken würden, und die 20 Prozent die ihn wirklich schauen, bei denen wäre es besser, ihnen gleich eine Packung des Produkts zu schenken. Das käme billiger, als wenn sie sich so ein sinnloses Video anschauen, bei dem die Begehrlichkeit gleich null ist. Es gibt natürlich erfolgreiche Projekte – wie Mc Donald’s „McDrive surprise“. Da hatten wir innerhalb von zwei Wochen 2,5 Millionen Klicks und das ist eigens fürs Netz produziert worden. Das hat eine ganz andere Wirkung auf die Leute.

HORIZONT: Wie vergleichbar sind die Budgets eines großen österreichischen Werbefilms 1989 zu heute?

Klein: Ein satter Werbefilm hat früher etwa zwei Millionen Schilling gekostet. Vergleichbar bekommt man heute für so einen Job circa 200.000 Euro. Aber ein Durchschnittsbudget liegt bei etwa 120.000 Euro. Man muss diese Summen aber relativieren, denn man bekommt natürlich heute vergleichbar viel weniger um das gleiche Geld als früher. Was der PPM auf jeden Fall hilft, ist die Tatsache, dass wir in Budapest und Prag Firmen gegründet haben. In Österreich ist die Studiosituation dramatisch – hier hat die Politik komplett versagt. Wenn man größere Filme drehen möchte, muss man dafür ins Ausland gehen.

HORIZONT: Hat sich in den 25 Jahren an der Art der Auftragsvergabe etwas geändert? Werden Sie auch direkt von Kunden beauftragt?

Klein: Wir haben es immer ganz strikt so gehalten, dass wir an den Agen­turen nicht vorbeigehen. Es gab einige Kunden, die uns direkt beauftragen wollten, zunehmend gab es auch ­Rahmenverträge mit großen Kunden, aber immer nur in Absprache mit der Agentur.

HORIZONT: Das Thema „Kickbacks“ lag stets wie eine dunkle Wolke über der Branche …

Klein: Das ist viel, viel besser geworden, und der Begriff ist heute nicht mehr gerechtfertigt, obwohl es immer noch völlig abstruse Verdächtigungen gibt, insbesondere gegen die, die gerade erfolgreich sind. Das macht mich schon traurig, und die Kollegen sollten sich lieber den Kopf darüber zerbrechen, wie sie bessere Arbeit abliefern können.

HORIZONT: Wie wichtig sind Werbepreise für eine Filmproduktion?

Klein: Früher hätte ich gesagt, dass es mir nie etwas gebracht hat. Wir gewinnen schon seit so vielen Jahren. Aber gerade in der letzten Zeit ist es bedeutsamer geworden. Die Leute geben dem mehr Bedeutung als früher – vor allem bei internationalen Awards. Wir haben mit dem T-Mobile-Spot „Evolution“ Gold beim Epica gewonnen und in New York waren wir damit auf der Shortlist.

HORZIONT: Wie geht’s weiter mit der PPM?

Klein: Wir werden wie bisher auf hohe Qualität setzen und die Jungen vorantreiben. Ich möchte mich irgendwann zurückziehen können – mit der Gewissheit, dass die Firma weiterhin gut funktionieren kann.

HORIZONT: Haben Sie den Eindruck, dass es der jungen Generation an Motivation fehlt?

Klein: Es ist eine Frage des Machen-Lassens. Wenn ich einen neuen Mitarbeiter suche, dann nehme ich lieber junge interessierte Leute, die das unbedingt machen wollen und die wir selber ausbilden können. An deren Talent glaube ich und bin immer das Risiko eingegangen, sie relativ früh selbstständig arbeiten zu lassen. Das hat auch manchmal viel Geld gekostet und Kunden verärgert, denn es gibt eine große Fehlerquote. Aber genau das ist der Schlüssel zum Erfolg. Ich bin davon überzeugt, dass jemand, der einen ­Fehler in der Größenordnung von 5.000 Euro macht, diesen Fehler nicht ein zweites Mal machen wird. Sie dürfen autark und eigenverantwortlich arbeiten. Dann haben die auch viel mehr Spaß, und das spiegelt sich in unseren Ergebnissen wider.

HORIZONT: Letzte Frage: Was ist Ihr Lieblingsspot aus den vergangenen 25 Jahren?

Klein (zögert): Das ist nicht leicht zu beantworten: Jedenfalls sind mir unsere allerersten Spots für Unilever in der Schweiz sehr in Erinnerung und der „Evolution“-Spot für T-Mobile, der eine ungeheure handwerkliche He­rausforderung war.

Dieses Interview erschien bereits am 21. November in der HORIZONT-Printausgabe 47/2014. Hier geht’s zur Abo-Bestellung.

Interview: Sebastian Loudon
Mitarbeit: Carolin Daiker
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