,Warum werden wir als Volltrottel dargestellt...
 

,Warum werden wir als Volltrottel dargestellt?‘

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Triconsult und Dialogschmiede bieten ein neues Mafo-Tool namens ‚Winsight‘ für Zielgruppen 50+ und Migranten – Das Vorbild dafür kommt aus Japan

„Wir haben so viel Erfahrung, warum lassen wir uns von den Medien immer als Volltrottel darstellen?!“ Die Dame  ist rund 60 Jahre, und sie ist wirklich aufgebracht. Seit einer guten Stunde diskutiert sie mit zehn anderen Personen jenseits der 50 über, nun ja, über ihr Leben, unter besonderer Berücksichtigung ihres Konsumverhaltens. Zunächst geht es um den Erwerb der Güter des täglichen Bedarfs, später wird besprochen werden, wie die Entscheidungsfindung bei langlebigen Konsumgütern abläuft. Die Stimmung ist gut, erstaunlich offen. Ein Herr spricht freiherzig darüber, dass er und seine Lebensgefährtin nur deshalb in getrennten Wohnungen leben, damit sie aufgrund ihres geringen Haushaltseinkommens weiterhin im Sozialmarkt einkaufen kann. Eine Mutter von fünf Kindern erzählt davon, wie es ist, das wenige Geld für die Bedürfnisse und Wünsche der Kinder einzuteilen. Eine Dritte bricht plötzlich in Tränen aus und erzählt, wie sie seit Jahren einen Kredit abzahlen muss, für den sie eines Tages unüberlegt Bürgschaft übernommen hat. Es ist das echte Leben, echte Menschen, die aus ihrem echten Leben erzählen, aus ihrem Leben als Konsument.

Stammtisch-Atmosphäre

Wir befinden uns in den Räumen des Marktforschers Triconsult, in einem typischen Raum für Fokusgruppen. Soletti und Orangensaft stehen am großen Tisch, in der Wand hängt ein riesiger Einwegspiegel. Im Eck eine Videokamera. Doch das ist keine gewöhnliche Fokusgruppe. Zwar sitzt Felix Josef, der Chef von Triconsult, am Tisch, doch moderiert er diese abendliche Gesprächsrunde nicht. Höchstens gibt er Stichworte, leitet auf das nächste Thema um, oder fängt die Diskussion ein, wenn einer der Teilnehmer sich ein wenig verrennt. Zuhören, das ist es, worum es bei dieser Runde geht. Um eine Atmosphäre zu erzeugen, in der sich die Teilnehmer wohlfühlen, ist die Gruppe homogen zusammengesetzt, und zwar aus einer Community von circa 30 Personen. Das heißt, die Teilnehmer kennen sich mitunter schon, verspüren mehr Vertrauen zueinander und weniger Druck, sozial erwünscht zu argumentieren.

,Market Research Offline Community‘

Das Format kommt aus Japan, wird dort Market Research Offline Community“ (MORC) genannt. Josef hat es vor Jahren bei einem Japan-Trip kennengelernt und es in diesem Jahr in Österreich auf den Markt gebracht – gemeinsam mit der Agentur Dialogschmiede bietet Triconsult diese Methode unter der Marke „Winsight“ an und zwar für zwei definierte Zielgruppen: die sogenannten „Best Ager“ jenseits des 50. Geburtstages sowie Menschen mit Migrationshintergrund. „Die Best Ager machen mehr als ein Drittel der österreichischen Bevölkerung aus. Und ein Fünftel der Österreicher sind Menschen mit Migrationshintergrund “, sagt Dialogschmiede-Chef Jürgen Polterauer. „Beide Gruppen werden sowohl in der Forschung als auch in der Kommunikation stark vernachlässigt, dabei sind sie nicht nur kaufkräftig, sondern auch markentreu“, ergänzt Josef. Was aber entscheidend ist: „Die maßgeschneiderte Ansprache dieser beiden Gruppen sei unerlässlich, daher müsse man zunächst besonders gut über Bedürfnisse, Denkmuster, Verhaltensweisen Bescheid wissen. Online-Panels wäre dafür nur bedingt geeignet, insbesondere bei älteren Menschen. Die offene Atmosphäre bei „Winsight“ dient einigen auch als Ventil – für die Ohnmacht angesichts komplizierter Mobilfunkverträge, für den Grant auf die Banken, für die Wut auf Elektrogeräte, die nach zwei Jahren kaputt gehen und nicht – wie früher – 20 Jahre lang tadellos funktionieren. "Warum lassen wir uns das alles eigentlich gefallen?"

Dieser Artikel erschien bereits am 24. Oktober in der HORIZONT-Printausgabe 43/2014. Hier geht's zur Abo-Bestellung.
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