Verständnis statt Mitleid
 

Verständnis statt Mitleid

Christian A. Eder
Heidemarie Egger (Öffentlichkeitsarbeit Career Moves) und Sandra Edelmann (Geschäftsführende Partnerin und Disability Consultant bei DisAbility Performance) im Gespräch mit HORIZONT.
Heidemarie Egger (Öffentlichkeitsarbeit Career Moves) und Sandra Edelmann (Geschäftsführende Partnerin und Disability Consultant bei DisAbility Performance) im Gespräch mit HORIZONT.

HORIZONT-Interview: Heidemarie Egger, Career Moves, und Sandra Edelmann von DisAbility Performance im Gespräch mit HORIZONT - 15 Prozent der Österreicher sind von einer Behinderung betroffen – für sie ist die fortschreitende Digitalisierung nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance selbstbewusster aufzutreten

Dieses Interview erschien bereits am 18. Dezember in der HORIZONT-Printausgabe 51/2015. Hier geht's zur Abo-Bestellung.

HORIZONT: Im Herbst waren Sie im Rahmen des barcamp.digital mit dem disABILITY.camp präsent. Warum hat es für DisAbility Performance und Career Moves Sinn gemacht, sich dort mit einem solchen Format zu platzieren?

Sandra Edelmann: Es war uns ein großes Anliegen, an diesem Austausch zwischen digitalen Kommunikatoren, Bloggern und Journalisten beteiligt zu sein, denn immerhin sind ganze 15 Prozent der österreichischen Bevölkerung von einer Behinderung betroffen – das überrascht viele, aber wir sprechen hier ja nicht nur von Rollstuhlfahrern, sondern auch von Menschen, die Schwierigkeiten beim Gehen haben, Menschen, die nicht gut oder gar nicht ­hören können, Menschen, die nicht gut sehen, Menschen die Schwierigkeiten beim Lernen haben, Menschen mit chronischen oder psychischen Erkrankungen, um nur einige Beispiele zu nennen. Kommunikation mit, über oder von Menschen mit Behinderungen ist daher ein durchaus wichtiges Thema.

Heidemarie Egger: Das disABILITY.camp hat gezeigt, dass das Interesse am Thema weit über die Gewährleistung der Barrierefreiheit hinausgeht. Menschen mit Behinderung nutzen gerade die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation um ein selbstbewusstes, selbstverständliches und modernes Bild von Behinderung zu zeigen – mit Humor und Kreativität. In Österreich sind wir an der Schwelle vom leider noch zu oft gebrauchten Mitleidsblick auf Menschen mit ­Behinderung hin zu einem zeitgemäßen Verständnis. Die digitalen Kommunikatoren in Österreich tragen hier maßgeblich zur Entwicklung bei und haben Lust auf diese Rolle.

HORIZONT: Welche Ziele verfolgen Sie seitens DisAbility Performance und Career Moves?

Edelmann: Als Sozialunternehmen ist es das Ziel von DisAbility Performance, Menschen mit Behinderung eine chancengleiche Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen. Dieses Ziel möchten wir gemeinsam mit der Wirtschaft erreichen, die als Arbeitgeber und Dienstleister oder Produzenten einen großen Beitrag zur ­Gesellschaft leisten. Eine Behinderung ist nichts Negatives oder Schlechtes, sondern etwas, das im besten Fall als eine Stärke oder etwas Positives ­betrachtet werden soll. Kommunikation ist dabei der Schlüssel, um all das zu erreichen – und ­damit meine ich nicht nur Kommunikation über Menschen mit Behinderungen, sondern auch mit ihnen und von ihnen selbst ausgehend.

Egger: Allein das Wort „Behinderung“ selbst löst immer noch Ängste aus, ist negativ besetzt und mit ­Mitleid konnotiert – aber das braucht es nicht. Der erste Schritt, um richtig über und mit Menschen mit Behinderungen zu kommunizieren, ist die richtige Wortwahl – hier gibt es ­immer noch eine Menge Missverständnisse. Was viele zum Beispiel nicht wissen ist, dass man nicht von „tauben Menschen“, sondern von „Gehörlosen“ spricht oder dass der Begriff „Handicap“ etwa ein No-Go ist, denn diese Bezeichnung leitet sich von „cap-in-hand“ ab, denn im 16. Jahrhundert war es Veteranen mit einer Behinderung erlaubt, quasi mit einer Kopf­bedeckung in der Hand betteln zu ­gehen, da sie sonst keine Arbeit mehr verrichten konnten. Unserer Meinung nach ist es daher der simpelste und beste Weg, Menschen mit Behinderungen auch als solche so bezeichnen. Wenn wir reproduzieren, dass die „Behinderung“ kein problematisches Wort ist, dann wird es bald auch kein problematisch konnotiertes Wort mehr sein.


HORIZONT: Sie haben es vorher ­bereits angeschnitten – wie definieren Sie eine Behinderung? Wie grenzen Sie diesen Bereich ein?

Edelmann: Wir sehen Menschen mit Behinderung als eine große, ­heterogene Gruppe und gehen von einer sozialen Definition von Behinderung aus. Das bedeutet, dass eine Behinderung nicht vom physischen Zustand einer Person abhängt oder davon, welche Diagnose ihr gestellt wurde. Es geht vielmehr darum, wie die Gesellschaft damit umgeht. Der Mensch selbst ist durch seinen ­physischen Zustand nicht behindert, aber dadurch, welche Barrieren ihm im Weg stehen, sei es in den Köpfen der Menschen, in Gebäuden oder auch im technologischen ­Bereich. Wenn die Gesellschaft die richtigen Rahmenbedingungen zur Verfügung stellt, dann gibt es für Menschen mit Behinderungen keine Hindernisse mehr.

HORIZONT: Frau Egger, anhand ­Ihrer Plattform Career Moves haben Sie vermutlich gute Einblicke, was die Frage betrifft, welche Branchen besonders vorbildlich auftreten, was die ­Anstellung von Menschen mit Behinderungen angeht?

Egger: Auf Career Moves ist eine sehr breite Mischung an Branchen vertreten, eine klare Einschätzung zu geben, ist gar nicht so einfach, denn seit der Gründung 2009 haben beinahe 500 Unternehmen ins­gesamt 15.000 Jobs bei uns aus­geschrieben. Generell kann man ­sagen, und hier zitiere ich den Gründer unserer Plattform Gregor Demblin: Es gibt fast keinen Job, den ein Mensch mit Behinderung nicht machen kann. Daher ist es auch für alle Branchen sinnvoll, auf Career Moves vertreten zu sein.

Edelmann: Uns von DisAbility Performance fällt immer wieder auf, dass es Unternehmen leichter fällt, sich mit der Thematik auseinander zu ­setzen, wenn es sich dadurch wirtschaftliche Vorteile verspricht oder auch dann, wenn Menschen mit ­Behinderungen zu ihren Endkunden zählen. Supermärkte oder Banken etwa, die bei der Gestaltung ihrer Filialen darauf achten müssen, so barrierefrei wie möglich zu sein, haben ­dadurch oft ein höheres Bewusstsein für die Thematik und stellen sich immer mehr darauf ein, auch Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen.

HORIZONT: Abgesehen von der richtigen Wortwahl – welche weiteren ­Defizite gibt es in der Kommunikation mit und über Menschen mit Behinderungen?

Edelmann: Das wichtigste ist, offener und vor allem realistisch zu kommunizieren. Es ist nicht sinnvoll als ­Unternehmen zu behaupten, dass alle Menschen mit Behinderungen die besten Chancen bei mir haben – das ist einfach nicht machbar. Daher raten wir Unternehmen, sich umsetzbare Ziele zu stecken und dann kon­struktiv und differenziert den Dialog nach außen zu suchen. Damit sind unter anderem auch die vielen Organisationen gemeint, die Menschen mit Behinderungen vertreten, wie etwa WUK, Jugend am Werk, Lebenshilfe. Den Austausch mit ebendiesen Organisationen zu suchen und ihren Input anzunehmen ist der erste Schritt in die richtige Richtung.

HORIZONT: Wie kann man etwaigen Berührungsängsten entgegenwirken?

Egger: Aus Sicht von Career Moves ist es sehr wichtig, dass wir selbst ein ­inklusives Team sind – sowohl unserer Gründer Gregor Demblin als auch ich haben eine Behinderung und treten damit auch selbstbewusst nach außen auf.

Edelmann: Berührungsängste durch Berührungspunkte zu ersetzen ist uns das größte Anliegen. Jeder Mensch mit einer Behinderung, der einen Job bekommt, wirkt als Multiplikator für die gute Sache, denn seine neuen Kollegen, Vorgesetzten und Kunden kommen mit ihm in ­Berührung und sehen, dass es überhaupt keinen Grund gibt, diesen Menschen zu ­bemitleiden.

HORIZONT: Auch im technologischen und digitalen Bereich ist Barriere­freiheit ein immer wichtigeres Thema. Worauf muss ich beim Aufbau meiner Website achten, um möglichst inklusiv zu sein?

Edelmann: Auch hier gilt: die perfekte Barrierefreiheit gibt es nicht, aber es gibt internationale Standards, an denen man sich orientieren kann, sowohl was die Programmierung der Website angeht, als auch, was den Content und dessen Pflege betrifft. Es ist immer ratsam, sich damit schon vor dem Launch der Website anzusehen, da es sonst natürlich teuer werden kann, alles komplett umzubauen und zu optimieren.

Egger: State of the Art wären beispielsweise ein Switch-Button in leichte Sprache, Gebärdensprachenvideos und Möglichkeiten, die Bilder und Texte zu vergrößen, um nur ­einige Beispiele zu nennen.

Wer steckt dahinter?

Career Moves und DisAbility Performance wurden von Gregor Demblin gegründet – die Unternehmen agieren zwar als getrennte Einheiten, ­legen aber auf eine enge Zusammenarbeit Wert. DisAbility Performance berät Firmen dabei, Menschen mit Behinderungen besser zu integrieren – nicht nur dann, wenn es darum geht, Bewerber mit einer Behinderung einzustellen, sondern auch dann, wenn bestehende Mitarbeiter plötzlich von einer Behinderung ­betroffen sind oder wenn es um den Umgang mit Kunden, die eine Behinderung haben, geht.

„Wir stellen uns mit Unternehmen etwa die Frage, wie Menschen mit Behinderungen als Zielgruppe adressiert werden oder ob ihre Produkte, Dienstleistungen, ­Firmengebäude und ihre Websites barrierefrei sind“, so Edelmann. ­Career Moves ist eine Online-Jobplattform für Jobsuchende mit Behinderung. „Auf unserer Website schreiben Unternehmen freie Stellen aus, für deren Besetzung Menschen mit Behinderungen explizit, aber nicht unbedingt ausschließlich erwünscht sind“, ­erklärt Egger.
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