Vernetzung ist unaufhaltsam
 

Vernetzung ist unaufhaltsam

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Das Auto der Zukunft fährt fast emissionsfrei, denkt voraus und handelt autonom, wenn der Fahrer das will. Hanno Miorini, Vice President OE Sales der Bosch AG in Wien, über globale Auto-Trends im Interview

HORIZONT: Wie sieht ein Unternehmen wie Bosch, als einer der weltgrößten Autozulieferer, die Auto-Zukunft?   

Hanno Miorini: Die Entwicklung verläuft auf mehreren Pfaden. Beim ersten geht es um herkömmliche Verbrennungskraft versus alternative Antriebe und Kraftstoffe, wo Gas, Flex Fuels mit Biosprit, hybrider oder reiner Elektro-Antrieb dazuzählen.  

HORIZONT: Wie weit bremst da der jüngste Ölpreisverfall Marktfähigkeit und Entwicklung anderer Antriebe?

Miorini: Meiner Ansicht nach we­niger, als gemeinhin angenommen wird. Auch bei der Detroit Motor Show wurden klare Bekenntnisse zur Elektrifizierung abgegeben. Ziel der US-Regierung ist es bis 2025, die Reichweite der Autos auf im Schnitt 53 Meilen pro Gallone zu erhöhen (etwa 4,5 Liter auf 100 Kilometer, Anm.), das ist die Hälfte des aktuellen Wertes. Ähnlich ambitionierte Ziele gibt es in der EU bis 2020 mittels der Verringerung des CO2-Ausstoßes.  Auch wenn gewisse Firmen und Institutionen daran rütteln wollen, das wird bleiben. Und heißt, dass Autos ab dem Gewicht der Mittelklasse nicht ohne (Teil-) Elektrifizierung auskommen werden. 

HORIZONT: Der Impuls geht vom Gesetzgeber aus, die Nachfrage ist es nicht, die den Markt bewegt?

Miorini: So lange „grünere“ Autos in der Anschaffung deutlich mehr kosten, ist das schwer, auch der billige Ölpreis bremst natürlich das Interesse. Aber der Tesla 3 und der ebenso noch nicht am Markt befindliche Chevy Bolt sind bereits Autos in der 30.000-Dollar-Klasse, wo Reichweite und Aussehen ansprechend sind, oder auch der BMW i3 oder ein E-Kia-Soul, um einige Beispiele zu nennen.

HORIZONT: Hängt die Massenmarkt­tauglichkeit von E-Autos am Erfolg von Tesla? 

Miorini: Sicher nicht ausschließlich, aber Tesla beflügelt, das ist gut so. Ein langweiliges E-Auto kauft sich kaum ein Privater, wenn’s noch dazu mehr kostet. Der Nachbar muss das auch sehen und bewundern, und Tesla bringt dessen Image nach vorne und Emotionen zum E-Auto.

HORIZONT: Welche Rolle spielt bei der Kaufentscheidung die Technik jenseits des Antriebes? 

Miorini: Das ist der zweite große Trend, und da hängt viel auch von der demografischen Struktur ab. Wenn in Europa mit seiner Altersstruktur für immer mehr Menschen der Blick über die Schulter schwierig wird, sind etwa Einparkhilfen bis hin zur App, die einen Parkplatz orten und das Auto völlig autonom ein- und wieder aus­parken, immer gefragter. Aus Gesprächen mit japanischen Kunden weiß ich, dass für den Stadtverkehr dort zum Beispiel Low-Speed-Emergency-Brake-Systeme wichtig sind oder solche, die verhindern, dass der Fahrer in der Tiefgarage gegen eine Mauer fährt, weil er Drive und Reverse beim Anfahren verwechselt. Jüngeren Käufern scheinen solche oder Assistenzsysteme zu Abstandskontrolle, Spurwechsel, Sekundenschlaf-Verhinderung und mehr vielleicht weniger wichtig. Aber unabhängig von Alter oder Fahrfähigkeiten gibt es für konzentrierte und weniger konzentrierte Fahrer Systeme, die wahlweise zu- und abschaltbar sind. Ein Kaufargument wird sein: Ich lasse mir helfen, wenn ich das will; das wird ins Bewusstsein der Käufer eindringen.

HORIZONT: Ist das autonome Auto  in Sicht und ist dieses das Ziel eines Entwicklers wie der Bosch-Gruppe?

Miorini: Wann das völlig autonome Fahren Realität und Alltag ist, traue ich mich nicht zu sagen. Auf Autobahnen als geschlossene Verkehrs­felder ist das nicht so schwer, in einer komplexen Situation wie dem Stadtverkehr schaut es anders aus. Fahren möglichst ohne Emissionen und ohne Unfälle muss jedenfalls Endziel der Entwicklung der Mobilität sein.

HORIZONT: Welche Rolle spielt für  Entwicklungen und für Konsumenten die Konnektivität, also vereinfacht gesagt das „Internet im Auto“? 

Miorini: Das ist der dritte große Trend und hat zwei Aspekte: Das Internet kommt ins Auto, aber auch „Auto kommt ins Internet“. Dabei ist das Auto vom systemischen her ein Sensor im Netz; viele Leute bei uns arbeiten sehr kreativ an der Entwicklung. Man wird etwa als Fahrer am Display sehen können, ob einer mit 120 in der Querstraße daherkommt, obwohl die Ampel dort rot ist, man wird also ums Eck sehen. Auch „Restrot“ kann  angezeigt werden, dass also der Fahrer weiß, wie lange die Ampel vor ihm noch Rot zeigt. Das Navi wird zur Gänze mit der aktuellen Verkehrssituation abgestimmt. Meine Meinung ist, dass in wenigen Jahren jedes Fahrzeug Internet wird haben müssen, um am Markt Erfolg zu haben.

HORIZONT: Könnte es sein, dass in der EU/den USA irgendwann aus Sicherheitsgründen nur mehr vernetzte Autos vom Gesetz her neu zugelassen werden?

Miorini:  Bedenkt man, welche gesetzliches Standards für Sicherheit und Verbrauch es vor 20 oder 30 Jahren gegeben hat und wie da der Stand heute ist, schließe ich das keinesfalls aus.

Dieses Interview erschien bereits am 23. Jänner 2015 in der HORIZONT-Printausgabe 4/2015. Hier geht’s zur Abo-Bestellung.
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