Sonderling mit Pferdefuss, das Internet?
 

Sonderling mit Pferdefuss, das Internet?

IMAS erhebt tägliche Nutzungsdauer von Medien der Österreicher ab 16 Jahre – und entdeckt einiges Bedenkenswerte für die Macher der klassischen Medien.

Die Österreicher verbringen pro Tag mehr als vier Stunden damit, sich durch Print oder elektronisches Medium informieren oder unterhalten zu lassen. Die meiste Zeit beansprucht, wie das Linzer IMAS-Institut in einer Stichtagbefragung im Mai 2009 ermittelte, nach wie vor das Fernsehen. Im Schnitt sitzen die Österreicher an einem normalen Wochentag 106 Minuten vor dem Bildschirm. An zweiter Stelle steht, mit einer mittleren Nutzungsdauer von 72 Minuten, das Radio, gefolgt vom Internet (mit 38 Minuten) und dem Lesen der Tageszeitung (mit 30 Minuten). Für die Lektüre von Illustrierten oder Magazinen werden hingegen nur 16 Minuten aufgewendet.  







Die nach wie vor große zeitliche Zuwendung zum Fernsehen muss jedoch auch im zeitlichen Rahmen gesehen werden: Die durchschnittliche Fernsehdauer hat ab 1979 vorerst kontinuierlich zugenommen und 1986 (mit 129 Minuten) ihren Höhepunkt erreicht. Mittlerweile ist sie auf einen Wert zurückgefallen, der etwa dem gleicht, der bereits 1981 registriert wurde. Es ist, so formulieren die Analysten von IMAS, „außer Zweifel, dass die zeitliche Beschäftigung mit dem Fernsehen vor allem durch die rasante Ausbreitung des Internet beschnitten wurde.  







Nutzungsdauer variiert je nach Altersgruppe Die auf die Gesamtbevölkerung ab 16 Jahre bezogenen Ergebnisse der jüngsten Erhebung täuschen ansonsten darüber hinweg, dass sich die Nutzungsdauer der Medien innerhalb einzelner demografischer Gruppen ganz erheblich unterscheidet. Am augenfälligsten ist die extrem unterschiedliche Beschäftigung mit dem Internet: Während Angehörige der jungen Generation (Personen unter dem 30. Lebensjahr) täglich 68 Minuten im Netz verbringen, liegt die durchschnittliche Nutzungsdauer dieses Mediums bei den über 50jährigen Österreichern nur bei 18 Minuten.  







Die Männer wenden dem Internet eine ungleich größere Aufmerksamkeit zu als die Frauen; Maturanten und Akademiker surfen pro Tag mehr als doppelt so lang wie Erwachsene mit einfacher Bildung; Selbständige, Freiberufler und Angestellte machen erheblich mehr vom Internet Gebrauch als Arbeiter oder Landwirte. Insgesamt 36 Prozent aller befragten Österreicher erklärten laut IMAS-Befragung, dass das Internet für sie als Informationsquelle für Politik, Wirtschaft, Warenangebote und ähnliches eine zumindest ziemlich große Rolle spielt. 56 Prozent der Bevölkerung stufen diese Bedeutung allerdings als gering ein. Für nahezu die Hälfte der älteren und einfacher gebildeten Personen sowie für Landwirte und ungelernte Arbeiter existiert sie überhaupt nicht.  







Welches Medium hat welches Informationsgewicht? Das vergleichsweise größte Informationsgewicht hat das Internet erwartungsgemäß wieder für die Angehörigen der höchsten Bildungsschicht und Personen unter 30. Ungeachtet des großen Zuspruchs, den es bei ihnen findet, nimmt das Internet in der Frage der Bedeutungshierarchie der Medien auch bei den Gebildeten und in der jungen Generation nicht den Spitzenplatz ein. Als sich das IMAS bei den 1.043 Befragten erkundigte, was für sie eigentlich die wichtigste Informationsquelle ist, um über politische und wirtschaftliche Dinge Bescheid zu wissen, nannten 38 Prozent von ihnen das Fernsehen, 36 Prozent die Zeitungen, lediglich zwölf Prozent das Internet.  







Die Hinweise auf die Wichtigkeit des Internet lagen bei der jüngsten Fraktion und den Gebildeten zwar deutlich über denen der Gesamtbevölkerung, markierten aber letztlich weder in der einen, noch in der anderen Gruppe den höchsten Stellenwert.  







- Die Angehörigen der jungen Generation vergaben den Spitzenplatz für die politische und wirtschaftliche Informationsvermittlung an das Fernsehen;







- Maturanten und Akademiker bezeichneten als wichtigste Nachrichtenquelle für diesen Bereich die Tageszeitungen, gefolgt von TV und Internet.  







Internet wird nur bedarfsbezogen genutzt







In den beschriebenen Sachverhalten bestätigt sich, dass das Internet in seiner Bedeutung als Transportmittel für politische und wirtschaftliche Inhalte auch im Hinblick auf die jungen und gebildeten Österreicher überschätzt wird, stellt IMAS fest. In diesem Zusammenhang sei zu bedenken, dass das Internet – unähnlich den übrigen Medien – zumeist bedarfsbezogen genutzt wird. Entscheidend ist, dass es einen sehr selektiven Umgang mit der Information erlaubt. Man kann diese aus dem Netz abrufen, oder aber ihr aus dem Weg gehen. Das Abrufen politischer Wissensstoffe wird jedoch, wie das Institut für Demoskopie Allensbach in einer Untersuchung nachgewiesen hat, wenig realisiert, argumentiert IMAS. Zur zitierten Studie hat Allensbach-Chefin Renate Köcher in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 20. August 2008 einen Artikel „Schleichende Veränderung“ veröffentlicht. Dabei entwickelt Köcher einige interessante Überlegungen zur Analyse, dass junge Menschen  unter 30 Jahren zunehmend auf kontinuierliche Information, wie sie von Print, TV und Radio angeboten wird, verzichten.







Nachfolgend ein Zitat: Wer bis 30 nicht liest, liest nimmermehr „Insgesamt wir die Neigung der jungen Leute schwächer, sich kontinuierlich zu informieren. Der Anteil derer, die über das aktuelle Geschehen auf dem Laufenden sein wollen, sank allein in den letzten fünf Jahren von 45 auf 37 Prozent. Die Begründung scheint auf den ersten Blick eindeutig zu sein: Das Informationsbedürfnis sinkt, weil das Interesse an politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen zurückgeht. (…) Die Suche, was diese Veränderung des Interesses bewirkt, führt zum tiefgreifenden Umbruch in der Mediennutzung. Die junge Generation läuft hier der Gesamtbevölkerung weit voraus. In den zwei Jahren zwischen 2000 und 2002 wurde das Internet in der jungen Altersklasse (bis 30 Jahre, Anm.d.Red.) vom Minderheiten- zum Massenmedium. Damals nutzten bereits 59 Prozent dieser Altersklasse, jedoch nur ein Drittel der Gesamtbevölkerung das Internet; heute (also August 2008, Anm.d.Red.) sind bereits 86 Prozent der jungen Generation online, 60 Prozent der Bevölkerung. Gegenläufig ist die Lektüre von Tageszeitungen bei den Jugendlichen bis 30 Jahre erdrutschartig gefallen. Dies setze nicht erst Ende der neunziger Jahre mit dem Siegeszug des Internet ein, sondern bereits beschleunigt nach 1990. Damals lasen noch 66 Prozent dieser Altersklasse regelmäßig eine Tageszeitung, 2000 53 Prozent, heute 41 Prozent. (…)







In der gesamten Bevölkerung ist die Reichweite der Tageszeitungen zwar ebenfalls gesunken, liegt jedoch heute noch bei rund 70 Prozent. Untersuchungen nach Altersklassen zeigen jedoch, dass kaum zu erwarten ist, dass der Einstieg in die Zeitungslektüre nur zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt. Wer sich vor seinem 30. Geburtstag weitgehend dem Zeitungslesen verweigert, gewöhnt sich die Lektüre im Allgemeinen auch später nicht an. Fernsehen und Internet sind bei den Jüngeren keine Substitution einer Tageszeitung, sondern eine ganz andere Nutzungsgewohnheit und damit ein Paradigmenwechsel im Umgang mit Information. Fernsehen und Internet werden in der Altersklasse bis 30 Jahre keineswegs der Tageszeitung vergleichbar für die kontinuierliche Information genutzt. (…)  







Das Internet wird stattdessen in hohem Maße für Kommunikation und für gezielte Information bei Bedarf genutzt: Man informiert sich dann, wenn man etwas Bestimmtes wissen will. (…) Damit gewöhnt sich jedoch ein großer Anteil der Jüngeren, die bereits mit diesem neuen Medienangebot aufgewachsen ist, die kontinuierliche Information nicht mehr an, sondern ersetzt die regelmäßige Information durch einen bedarfsgesteuerte, die wesentlich ereignisgetriebener erfolgt und enger auf Themen fokussiert ist, für die von vornherein großes Interesse besteht. (…)







Dies führt zunehmend zu einer Spaltung der Gesellschaft in die, die sich sowohl durch Zeitungen wie über Fernsehen, Rundfunk und Internet informieren, und jene, die das Informationsangebot zunehmend selektiv in Anspruch nehmen. Dies verändert auch die Voraussetzungen für den gesellschaftlichen und besonders den politischen Diskurs. Eine Gesellschaft, die teilweise auf kontinuierliche Information und Urteilsbildung verzichtet, wird spontaner, in der Urteilsbildung beweglicher, sogar sprunghafter und allfälliger für Manipulation.“ Soweit Renate Köcher, Allensbach.  







Politik wird zur „griffigen Formel“?







Diese Analyse führt IMAS fort: Vor allem den Angehörigen der jungen Generation genügt die Gewissheit, sich Informationen über Parteien, Politiker oder politische Konzepte aus der unermesslichen Fülle des Internet beschaffen zu können, wenn man es nur wollte. De facto wird aber gerade von den unter 30-Jährigen wenig Gebrauch von dieser Möglichkeit gemacht. Die Erkenntnis hat weitreichende Folgen für die Politik, denn sie wirft die Frage auf, wie die Parteien der jungen Generation, deren politisches Interesse äußerst gering ist, in Zukunft überhaupt noch ihre politischen Botschaften vermitteln können. Wahrscheinlich ist, dass der politische Informationstransfer noch mehr als bisher zu extremer Verkürzung komplizierter Sachverhalte auf einfache, griffige Formeln führen wird. Schlussfrage IMAS´: Werden die Emotionen dann endgültig die politische Szene beherrschen?  







Dokumentation: Zeitraum der Umfrage: 28. April 2009 – 11. Mai 2009 Sample: 1.043 Personen, statistisch repräsentativ für die österr. Bevölkerung ab 16 Jahren; Quotaauswahl; face-to-face Zahl der Interviewer: 115 siehe auch www.imas.at.







(Quelle: IMAS)
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