Purzl Klingohr: Ein Leben für den Film
 

Purzl Klingohr: Ein Leben für den Film

Interspot
Purzl Klingohr im Jahr 2016 vor einer Karikatur Erich Sokols, die ihn als Zirkusdirektor zeigt.
Purzl Klingohr im Jahr 2016 vor einer Karikatur Erich Sokols, die ihn als Zirkusdirektor zeigt.

Er baute eine der größten Filmproduktionen des Landes auf, die Interspot. Heute führen seine Söhne das Unternehmen. Aber aufhören? Geht gar nicht.

Sein richtiger Name ist Rudolf. Also der, der in den Papieren steht. Aber bekannt ist er als „Purzl“. Ganz, ganz früher nannte ihn eine Mitschülerin in der Textilschule Purzi. Da war er der einzige Bub in der Klasse und wohl recht putzig. Aus dem niedlichen Purzi wurde dann der erwachsene Purzl – und blieb es bis heute.

Textilschule? Wie bitte? Purzl, erzähl mal … unsterblich verliebt war er in ein Mädchen, das in Wien auf die Textilschule ging. Er folgte ihr blind, für Textile interessierte er sich nicht wirklich. Beziehungstechnisch hat es nichts gebracht, aber ganz umsonst war es auch nicht. Im Nachhinein entdeckte er, dass die Schule eine gute Basis fürs spätere Filmen war: er lernte Farbenlehre, Aktzeichnen, den goldenen Schnitt.

Danach traf er einen Bekannten, der gerade dabei war, sich zur Filmakademie anzumelden. Purzl, weitgehend wieder orientierungslos, tat es ihm gleich. Blöd gelaufen für den Bekannten, der fiel bei der Aufnahmeprüfung durch, Purzl wurde angenommen und einer Karriere als Filmemacher stand nun nichts mehr im Wege.

Verrückte Werbemenschen

1969 gründete er die Filmproduktion Interspot. Werbespots waren ein gutes Geschäft. Aber der Werbezirkus ging ihm bald auf die Nerven. „Für mich waren die Werbemenschen damals schwierig, sie kamen in ihren dunklen Anzügen und redeten gscheit daher, hatten aber keine Ahnung vom Film. Sie verlangten Sachen, die um das Budget nicht möglich waren und dachten sich die obskursten Storys aus.“

Sein erster Werbespot war für Erich Fröchs Agentur Die Sieber und es ging um Zahnpastawerbung. Beim Slogan „Schenken Sie Ihr Blut nicht der Zahnbürste sondern einem guten Zweck“ mag man sich die Umsetzung des Konzeptes gar nicht vorstellen. Als sie dann in Innsbruck einen Spot für Berndorf drehten, war für Klingohr das Maß voll.

Zwei Caballeros hoch zu Ross sollten mit großem Geheul ein Berndorf-Geschäft stürmen. „Das war für mich so lächerlich, dass ich erst mal ausgestiegen bin!“

Familienmensch mit Fernweh

Aufgehört zu filmen hat er aber nicht. Er machte Schulfernsehen und immer wieder Dokumentationen in exotischen Ländern. Klingohr bereiste das im Himalaya gelegene Bhutan, filmte über die Pygmäen in Kamerun oder die Dürrekatastrophe bei den Tuareg in Westafrika – immer suchte er das Abenteuer.

Ein Freund hat einmal zu ihm gesagt, er bewundere ihn dafür, dass er irgendwohin fährt, wo er nicht weiß, wo er aufs Häusl gehen kann. Oft flossen nach Ausstrahlung der Filme Spendengelder, so wurde das Werk auch sozial belohnt. Und eine soziale Ader hat Klingohr schon immer gehabt. Einmal, lang ist’s her, ersteigerte er den österreichischen Nationalzirkus.

Er wollte ihn retten, die Familie Knie stand vor dem Konkurs. Seine Liebe zum Zirkus erklärt er so: „Noch in der Filmakademie drehte ich eine Geschichte über eine Artistin. In die war ich schrecklich verliebt – seitdem hat mich die Zirkuswelt nicht mehr losgelassen.“ Ein halbes Jahr hat er ihn besessen, dann konnte er das Unternehmen der Familie Knie zurückgeben.

Klingohrs jüngster Sohn Niki war damals sehr stolz auf seinen Vater.An Niki und seinen zweiten Sohn Nils hat Klingohr die Interspot 2012 übergeben. Die beiden sind nahtlos eingestiegen, waren immer mit dabei. Die Familie lebte quasi in der Firma, die Kinder spielten am Firmengelände, es gab einen Park und ein Caféhaus. In der Lainzer Straße das „Plem Plem“ und heute im 23. Bezirk das „Purzls Paradiesgartl“.

Ursprünglich gebaut als Kulisse für die tägliche Sendung „Frisch gekocht“ im ORF 2 hat Klingohr dann das Dach vergrößert, alles abgedichtet und schlussendlich ein Wirtshaus draus gemacht. „Die Familie wollte mich schon entmündigen“, lacht er. Jetzt hat er es abgegeben. Ziemlich beschäftigt ist er aber trotzdem. „TV and more“ heißt seine neue Produktionsfirma, er kann es eben nicht lassen.

Als ich ihn endlich erreiche, ist er in Bologna zu einem Dreh. Also alles wie immer? Hetzen von einem Termin zum nächsten? „Nein sicher nicht. Ich mache jetzt nur mehr das, was mir gefällt“, ist seine Antwort. Aber es gefällt ihm halt so viel … die kulinarische Weltreise mit Eckart Witzigmann und den besten Köchen der Welt war eine 12-teilige Serie, die von TV & More in Metropolen wie Hongkong, Sydney oder New York gedreht und rund um die Welt ausgestrahlt wurde.

Für ServusTV entstand eine Dokumentation über die Proben der Oper El Juez mit Christian Kolonovits und José Carreras. Außerdem produziert Klingohr die Serie Hubertusjagd, wo Hubertus von Hohenlohe auf internationaler Citytour auf „Jagd“ nach Persönlichkeiten ist, die eine Stadt ausmachen. Nun ist Bologna dran. Pläne gibt es noch genug.

Zum 100sten Todestag von Otto Wagner entsteht für ORF und Arte ein Film über dessen Leben und Werk. „Da kommt uns die neue Technik der Drohnen zugute. Wir können die filigranen Engel an der Postsparkasse oder die herrlichen Ornamente an der Otto Wagner Kirche in Steinhof ganz von Nahem filmen.“

Liebe, Freunde und Vermächtnis

Seine kleine Firma befindet sich auf dem Gelände der Interspot. Mitunter nervt er seine Jungs Nils und Niki mit Fragen. „Ich fühle mich manchmal von Informationen unterversorgt,“ gibt der Boss a.D. zu. Inge, seine Frau, leitete bis vor kurzem mit den Söhnen das große Unternehmen. 47 Jahre ist sie mit ihm schon zusammen. Was ist das Geheimnis einer so langen guten Ehe, fragt man sich.

„Ich war viel weg, im Jahr in Summe zwei bis drei Monate. Es ist hilfreich, wenn man nicht so aufeinander pickt. Man könnte es auch frei nach Loriot sagen: Eine glückliche Ehe ist eine, in der sie ein bisschen blind und er ein wenig taub ist.“Mit Georg Danzer war er eng befreundet. Letztes Jahr wäre der Sänger 70 geworden und Klingohr hat ihm im Garten ein Denkmal gesetzt. Einen Käfig der Freiheit aufgestellt, in dem nun Pflanzen wachsen.

In Memoriam an Danzers Lied „Die Freiheit“. Zu seinem eigenen 70er vor drei Jahren verteilte er auf seiner Geburtstagsparty 300 Stecktücher an die Freunde, bedruckt in wilden bunten Mustern nach eigenem Design. Eine Auflage hat er schon nachdrucken lassen, verteilt sie an ausgewählte Leute, die sich daran erkennen – eine kleine Fangemeinde mit Erkennungszeichen.

Er besitzt ein Schiff in Kroatien, spielt gerne Golf mit 20er-Handicap, vorzugsweise in Südspanien. Als nächstes möchte er Bilder malen, auf eine Ausstellung zuarbeiten. „Die Abenteuer sind jetzt in meinem Kopf“, sinniert er. Dort hat er eine ganze Sammlung angehäuft.

Zur Person
Rudolf „Purzl“ Klingohr wurde 1944 in Wien geboren. Er studierte an der Filmakademie Kamera und Produktion und gründete 1969 die Interspot-Film. Bekannt wurde er mit der Serie Universum für den ORF. Er investierte hierfür eigenes Geld, um die Qualität der Filme zu steigern, was der Reihe durch den Ankauf der BBC internationale Anerkennung brachte.

Klingohr erhielt dafür 2000 den Professorentitel vom Unterrichtsministerium der Republik Österreich. Neben unzähligen Werbespots werden auch seit 20 Jahren die „Seitenblicke“ produziert. 2012 übergab Klingohr seine Interspot an die Söhne Nils und Niki und gründete die „TV & More“ – eine Art Tochterfirma der Interspot. Für seine Leistungen erhielt er circa 70 nationale und internationale Preise.

[Suzanne Sudermann]
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