Post AG: Nicht Adresse, sondern Person zählt
 

Post AG: Nicht Adresse, sondern Person zählt

Vorstand Peter Umundum erklärt, wie die Zukunft der Paketzustellung aussehen wird und was die Österreichische Post AG dafür alles tut

HORIZONT: Herr Umundum, welche Vision hat ein Paket- und Logistikvorstand der Österreichischen Post AG?

Peter Umundum: Eine entscheidende Frage, mit der wir uns auseinandersetzen, ist: Wie kann es zukünftig gelingen, nicht mehr nur auf die Adresse, sondern auf die Person zuzustellen? Egal, wo sie sich gerade befindet. Es ist klar, dass das ein weiter Weg ist, den wir aber schon begonnen haben, zu beschreiten. Etwa mit einer Forschungskooperation mit der Karl-Franzens-Universität Graz. ­Dabei wird untersucht, wie man mobile Kommunikationsmöglichkeiten – etwa Apps – mit der Logistik verstärkt verknüpfen kann. Auch die Technische Universität in Graz und die Montanuni in Leoben sind daran beteiligt.

HORIZONT: Das betrifft nur das Paket?

Umundum: Nein, das betrifft alle bescheinigten Sendungen. Immer dann, wenn der Empfänger die Sendung übernimmt, also gegenzeichnen muss, ist das relevant. Egal, ob es sich um Pakete oder Briefe handelt.

HORIZONT: Abgesehen von der Kooperation mit den Universitäten – gibt’s da schon Konkreteres?

Umundum: Natürlich. Bereits heute ist es bei ausgewählten Versandhändlern möglich, dem Empfänger eine Nachricht zu übermitteln: „Wir haben Ihr ­Paket zur Beförderung übernommen und werden es morgen zustellen.“ Am Tag der Zustellung gibt es dann am ­Morgen eine nochmalige Information. Voraussetzung dafür ist, dass uns der Empfänger seine Telefonnummer oder Mail-Adresse gibt. Bei einem Pilotprojekt, das wir im Oktober in Linz starten, gehen wir sogar noch einen Schritt ­weiter und treten mit dem Empfänger in Interaktion. Dann kann der Kunde ­reagieren und die Zustellung an eine Wunschfiliale, einen Wunschnachbarn, eine Abstellgenehmigung beauftragen, und in weiterer Folge soll auch der ­Zustelltag bestimmt werden können.

HORIZONT:
Wie lange wird getestet?

Umundum:
Der Pilot soll ein Quartal lang laufen, vielleicht nehmen wir auch noch den Jänner in Anspruch. Ziel ist es, dieses Service in den Ballungsräumen anzubieten. Dies wird eine weitere Maßnahme sein, um die Erstzustellquote von derzeit 90 Prozent noch ­weiter zu erhöhen. Das wollen wir er­reichen, indem wir mehrere Empfangsmöglichkeiten anbieten – und das tun wir ja heute bereits.

HORIZONT: Welche?

Umundum: Ein Beispiel dafür sind ­unsere innovativen Post-Empfangs­boxen. Das sind Briefkästen für große Sendungen. In diese Boxen werden ­Pakete bei Abwesenheit des Empfängers eingelegt. Derzeit sind bereits über 3.000 dieser Boxen installiert und bis zum ­Jahresende sollen es dann 5.000 in unter­schiedlicher Größe werden.

Es funktioniert folgendermaßen: Der Zusteller kommt nach wie vor zu Ihnen nach Hause. Wenn Sie zu Hause sind, wird das Paket übergeben, wenn nicht, legt er ­Ihnen den gelben Zettel mit einem darauf befestigten Chip in den Briefkasten. Das Paket gibt er dann in die Box, die der Kunde mit dem Chip öffnen kann. Die schon bestehenden Post-24-Stationen und die Abholwände – das sind Indoor-Lösungen – werden zusammengeführt und werden in der SB-Zone oder im ­Einzugsbereich einer Filiale aufgestellt. Diese werden weiter dazu beitragen, die Erstzustellquote zu verbessern.

Dort kann sich dann jeder Kunde, unab­hängig von Öffnungszeiten, 24 Stunden, ­sieben Tage die Woche, seine Sendung abholen. Der Unterschied zur Post-Empfangsbox ist, dass die Abholwände nicht direkt an der Wohnadresse platziert sind. Bis Ende dieses Jahres werden wir 40 dieser Abholwände in Betrieb ­haben. 2014 sollen es 100 sein.

HORIZONT: Die Selbstbedienungsmöglichkeiten werden also ausgebaut?

Umundum: Ja. Das betrifft ja nicht nur den Empfang von Paketen, sondern auch die Aufgabeseite. Seit längerer Zeit bieten wir bereits die Online-Paketmarke an. Damit kann der Privatkunde oder auch das Kleinunternehmen auf www.post.at von Zuhause aus seine ­Paketmarken mit seinem Logo oder ­einer Botschaft für den Empfänger versehen, bezahlen und selber ausdrucken. Die Paketmarke gilt für ganz Europa. ­Ergänzend dazu gibt es auch noch 120 Frankierautomaten in den Post­filialen, deren Zahl wir laufend erhöhen werden. Diese sind im Selbstbedienungs­bereich der Filialen zu finden, wo auch die Post-Versandboxen montiert sind. In diesen öffentlich zugänglichen Bereichen können Sendungen rund um die Uhr an ­sieben Tagen in der Woche aufgegeben werden. Über die Sendungsnummer kann man Pakete auch im Web verfolgen, und da kommen wir dann wieder zur Empfängerseite, die wir ja bereits ­besprochen haben.

HORIZONT: Kommen wir auf das ­Unternehmen Österreichische Post AG
zu sprechen. Die kürzlich präsentierten Halbjahreszahlen zeigen ein leichtes Wachstum sowohl im Brief- als auch im Paketbereich. In welchem Umfeld kam dieses Ergebnis zustande?

Umundum: Das Postgeschäft in Summe steht vor gröberen Heraus­forderungen: Die Liberalisierung des Briefmarktes und die elektronische ­Substitution gehen eher zulasten des Briefgeschäftes. Jedes Jahr erwarten wir einen Verlust von drei bis vier Prozent der Briefmenge, was natürlich für den gesamten Konzern eine große Herausforderung darstellt. Auf der anderen Seite sehen wir aber auch große Chancen im logistischen Bereich – zuallererst im E-Commerce. Dieses Geschäft wächst jährlich im Schnitt ungefähr fünf Prozent, teilweise auch mehr. Wenn man sich die Paketmengen-Entwicklung seit 2007 ansieht, dann konnten wir durchschnittlich eine jährliche Steigerung von sieben Prozent verzeichnen, in den letzten beiden Jahren waren es ­sogar über neun Prozent.

HORIZONT: Nur 2008 gab es einen Rückgang.

Umundum: Das war der Markteintritt von Hermes – einer Tochter der Otto-Gruppe. Nach einem Jahr des heftigen Konkurrenzkampfes haben wir ein Miteinander gefunden, das, wie ich glaube, sowohl für den Konsumenten als auch für die Beteiligten von Vorteil ist. Inzwischen dürfen wir Hermes auch auf der ersten und auf der letzten Meile servicieren. Seit Oktober 2012 übernehmen wir auch die Shop-Versorgung. Am ­2C-Markt verfügen wir mittlerweile über ­einen Marktanteil von 75 Prozent.

HORIZONT: Neun Prozent jährliche Steigerung – das ist ja eine ganze Menge. Wodurch wird das Geschäft so stark getrieben?

Umundum: Der Distanzhandel ist ­dafür hauptverantwortlich: Einige Akteure des traditionellen Distanzhandels ­haben sich zwar ein wenig schwer getan, aber mittlerweile auf die neuen Anforderungen gut eingestellt. Die neuen ­Distanzhändler à la Amazon oder ­Zalando verzeichnen auch weiterhin hohe Zuwächse. Dazu kommen immer mehr Spezialversender – etwa Weinhändler oder Anbieter anderer länd­licher Produkte. Und: Der stationäre Handel öffnet sich auch dem Distanz­geschäft. Beispiel Libro – ein Kunde von uns. Neben den Outlets kann der Kunde dort auch online bestellen.

HORIZONT: Dieser Zug zum E-Commerce ist schon enorm.

Umundum: Ja. Wobei Geschwindigkeit für den Empfänger wichtiger wird. Wir denken neben einem flächen­deckenden E+1-Netz (innerhalb Österreichs Zustellung am nächsten Tag, Anm.) auch über eine Same-Day-­Zustellung nach. Das bedeutet Bestellung bis elf Uhr am Vormittag und ­zugestellt wird noch am selben Tag. Terminzustellungen, bei denen avisiert wird, wann zugestellt wird, umrouten und so weiter. Diese Themen, die wir ja schon zu Beginn angesprochen haben, werden immer wichtiger. Für all diese Überlegungen und neue Services hat die Österreichische Post AG eine solide Basis. Und das ist unser Netzwerk: Es gibt niemanden in Österreich, der 4,3 Millionen Haushalte und Geschäftsadressen tagtäglich bedienen kann – nach dem Motto „every day, every door“.

HORIZONT: Wie läuft’s am B2B-Markt?

Umundum: Das B2B-Geschäft gestaltet sich schwieriger; hier verläuft die Wachstumskurve eher flach bis sogar leicht sinkend, wie man auch bei den Marktbegleitern sieht. Wir erhöhen hier allerdings unseren Marktanteil, der derzeit 22 Prozent beträgt. Am Ende dieses Jahres wollen wir etwa bei 25 Prozent liegen. Derzeit sind wir einer Studie von Kreuzer Fischer & Partner zufolge am heimischen B2B-Paketmarkt die Nummer zwei – hinter DPD. Das grenzüberschreitende Geschäft wächst hingegen um ein bis zwei Prozent stärker als das nationale Paketgeschäft. Österreich liegt hier sozusagen in einer Senke. Denn große und neue Versandhändler wie etwa Amazon oder Zalando haben ihre Auslieferungslager in Deutschland.

HORIZONT: Wie wichtig ist inzwischen das internationale Geschäft für den ­Paket- und Logistik-Bereich der Öster­reichischen Post AG?

Umundum: Zwei Drittel unseres Umsatzes stammen vom internationalen Geschäft. Wir haben sowohl ein 2C- als auch ein 2B-Netzwerk, das sich über die Länder Deutschland, Bosnien, Ungarn, die Slowakei, Montenegro, Kroatien, Serbien und – ganz aktuell – die Türkei zieht. Dort verfügen wir nun über eine Minderheitsbeteiligung an der Aras Kargo, der Nummer zwei am türkischen Markt. Mit einer Call-Option können wir weitere 50 Prozent von der Gründer­familie Aras erwerben. Im vergangenen Jahr erzielte das Unternehmen etwa 250 Millionen Euro Umsatz, stellte 80 Millionen Pakete zu und hat am stark wachsenden türkischen Paketmarkt ­einen Anteil von 26 Prozent. Ziel hier ist es, die Nummer eins zu werden.HORIZONT: Wie entwickelt sich das ­Geschäft in Deutschland?

Umundum: Schwierig, denn hier tummeln sich alle großen internationalen Player und die Konkurrenz ist groß. ­Unsere Tochter, die trans-o-flex-Gruppe, ist gleich mit mehreren Produktangeboten aktiv, bedient aber auch eine Nische, in der sie die Nummer eins ist: die Kombifracht. Dabei werden ­Pakete und ­Paletten gemeinsam transportiert – das ist besonders in der Pharmabranche gefragt. Die Präsenz am deutschen Pharma-Markt konnten wir auch kürzlich mit der Gründung von AEP direkt, einem vollsortierten Pharmahändler, verstärken. Wir beliefern in Deutschland schon jetzt Tag für Tag alle Apotheken sowie in Österreich nahezu alle Apotheken und Spitäler auch – ­teilweise temperaturgeführt.HORIZONT: Gibt’s noch weitere Bereiche?

Umundum: Wir beschäftigen uns auch noch sehr intensiv mit Fulfillment und verlängern damit unsere Wertschöpfungskette. Mit der Akquisition der Systemlogistik im Vorjahr haben wir einen neuen Markt erschlossen. Damit haben wir quasi Paketfabriken in unserem eigenen Unternehmen.

HORIZONT: Wie darf ich das verstehen?

Umundum: Nehmen wir einen unserer Kunden, Nespresso, als Beispiel. Nespresso liefert große Mengen seiner Kapseln an die Systemlogistik. Bei der Systemlogistik gehen dann die Bestellungen von den Shops, Büros oder auch von Privatpersonen ein. Das Unternehmen stellt die Bestellungen zusammen – also etwa 24 rote und 18 grüne Kapseln für einen Privatkunden – und übergibt sie dann der Paketlogistik. Das funktioniert nicht nur mit Paketen, sondern auch mit technischen Geräten. Die Systemlogistik betreut auch Kunden, die etwa Kopierer oder Drucker verkaufen oder vermieten. Wir transportieren diese Geräte in die Büros der Kunden und nehmen sie dann dort auch in Betrieb. Mit Ricoh haben wir kürzlich eine derartige Vereinbarung getroffen.

Kennen Sie vielleicht Kochabo.at? Mit dieser Plattform sind wir in eine weitere Schiene, dem Lebensmittel Fulfillment, eingestiegen. Als Privatkunde kann ich bei KochAbo online Rezepte und die dazugehörigen Lebensmittel sozusagen abonnieren. Ich kann drei oder fünf Rezepte auswählen, und das jeweils für eine, zwei oder 4-5 Personen. Die auf die Rezepte mengenmäßig abgestimmten Lebensmittel werden mir wöchentlich oder alle zwei Wochen direkt nach Hause zugestellt. Die Lebensmittel werden bei der Systemlogistik in speziellen Kühlzellen kommissioniert und in Lebensmittelboxen verpackt. KochAbo plant, ab 2015 ca. 10.000 Lieferungen pro Woche durchzuführen, derzeit liegen die wöchentlichen Lieferungen im vierstelligen Bereich. Für kommenden Herbst soll als weiteres Produkt die Obstbox eingeführt werden. Was das Lebensmittel-Fulfillment betrifft, sind wir auch schon im Gespräch mit großen Handelsketten. Die Herausforderung in diesem Geschäft: Man muss dem Kunden hier eine Same-Day-Lieferung anbieten – und wahrscheinlich dann auch eine Abendzustellung.

HORIZONT: Im Bereich der Speziallogistik bietet die Post ja auch weitere Services an.

Umundum: Ja, die Wertlogistik. Hier geht es im Wesentlichen um Bargeldtransporte, aber auch um Prozessschritte wie Zählen und Lagerung von Bargeld. Die Wertlogistik ist ebenfalls eine 100-Prozent-Tochter der Österreichischen Post AG und hat viele Banken auf der Kundenliste stehen. Wir haben uns aber in den letzten Monaten auch in Richtung Handel orientiert und können nun Kunden wie die REWE, Libro oder auch Spar zu unseren Kunden zählen. So kümmern wir uns beispielsweise für 700 Spar-Filialen um die Ver- und Entsorgung von Bargeld. Mit Anfang diesen Jahres haben wir auch mit grenzüberschreitenden Transporten begonnen, wobei damit nicht nur der Transport von Bargeld oder Devisen gemeint ist, sondern auch von Edelmetallen oder Schmuck.

HORIZONT: Die Österreichische Post AG stellt hierzulande CO2 neutral zu. Wie funktioniert das?

Umundum: Hier gibt es drei Stoßrichtungen: Das eine ist die Effizienz zu steigern. Das beginnt bei Flächenverdichtungen. Wir optimieren das Logistiknetz permanent, um verstärkt im Verbund zustellen zu können. So werden etwa im Zillertal Paket und Brief nicht getrennt, sondern gemeinsam zugestellt. Bereits die Hälfte aller Zustellungen in Österreich sind Verbundzustellungen. In den Ballungsräumen ist die Verbundzustellung wegen der großen Mengen nicht möglich und auch nicht sinnvoll.

HORIZONT: Die Post reduziert also die Wege – und wie sieht’s beim Fuhrpark selbst aus?

Umundum: Wir nutzen schon seit vielen Jahren Erdgasfahrzeuge – derzeit haben wir 72 im Einsatz. Was neue Antriebstechnologien betrifft, setzen wir aber mittlerweile ausschließlich auf E-Fahrzeuge. Derzeit verfügen wir über 272 – bis 2015 wollen wir 1.000 Einspurige und 300 Zweispurige haben.

HORIZONT: Dieses Maßnahmenbündel reicht für die Grüne Logistik?

Umundum: Nein, es bleibt natürlich ein Rest. Da kaufen wir CO2 Zertifikate und kompensieren über nationale und internationale Klimaprojekte mit diesen Zertifikaten unsere CO2-Emissionen. Das wird auch vom TÜV geprüft und kontrolliert. Und wir merken auch: für die Kunden wird das immer wichtiger. Gerade im B2B-Geschäft fragen immer mehr Unternehmen nach der CO2 Bilanz, weil sie dies dann auch in ihre eigene einrechnen müssen. Bei Ausschreibungen ist neben Kosten und Qualität die CO2 Bilanz mittlerweile ein wichtiger Bewertungspunkt.

HORIZONT: Wie steht die Post hier im internationalen Vergleich da?

Umundum: Wir sind vorne dabei und international ein Benchmark. Die Deutsche Post hat zum Beispiel auch das klimaneutrale Paket aufgesetzt namens „Go Green“ - aber das muss der Kunde zahlen. Wir hingegen haben unsere Tarife nicht geändert, sondern bieten die CO2-neutrale Zustellung ohne Mehrkosten für unsere Kunden an.

HORIZONT: Die Österreichische Post versteht sich ja auch als Qualitätsführer. Welche konkreten Maßnahmen hat sie hier zuletzt gesetzt?

Umundum: Wir investieren jedes Jahr etwa 90 bis 100 Millionen in die eigenen Kapazitäten. Erst kürzlich haben wir im oberösterreichischen Allhaming den Bau eines neuen Zustell- und Verteilzentrums gestartet, das u.a. auch den gesamten Verkehr von und nach Deutschland abwickeln soll. Diese Investition hat ein Volumen von 50 Millionen Euro, der Bau soll im September 2014 fertig sein. Vor einem halben Jahr haben wir in Wien Nord ein neues Zustellzentrum eröffnet und auch in Budapest sowie eines am Drei-Länder-Eck Slowakei, Polen und Tschechien.
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