Kritik an Vergabe: Inseraten-Affäre: 'Jeder w...
 
Kritik an Vergabe

Inseraten-Affäre: 'Jeder weiß es, und alle schauen weg'

Superingo / stock.adobe.com

Werbeprofi Martin Weinand übt massive Kritik an der gängigen Praxis und ortet zudem wenig Bereitschaft, die gelebten Abläufe und Strukturen zu ändern.

HORIZONT: Die Inserate der öffentlichen Hand dominieren die aktuelle politische Debatte. Wie beurteilen Sie die freihändige Vergabe basierend auf relativ vagen Kritieren?
Martin Weinand:
Seit ich in der Branche bin, und das sind mittlerweile genau 40 Jahre, hat sich daran nichts Grundsätzliches geändert. Frei nach dem Motto ‚Wer zahlt, der schafft an!‘ fließen Anzeigengelder ungeahnten Ausmaßes in Kanäle, die aufgrund professioneller Mediaplanung nie bzw. zumindest in diesem Ausmaß nie bedient werden dürften. Und was tut die Branche: Jeder weiß es, und alle schauen weg.

„Das Ganze führt sich ad absurdum, wenn die Mediaagentur mit den Geldern des öffentlichen Auftraggebers einkauft.“
Martin Weinand


Beschaffungsprozesse der öffentlichen Hand sind an sich gesetzlich klar geregelt. Der Werbe- und Mediaetat der Regierung wurde nach Ausschreibung heuer auch entsprechend vergeben. Die Vergabe der darin ausgeschriebenen Volumina ist dennoch offen und der öffentlichen Hand frei gestellt. Braucht es hier Nachschärfungen und wenn ja, welche?
Ja, die Beschaffungsprozesse der Öffentlichen Hand sind im Bundesvergabegesetz klar geregelt. Aber, und das ist ein ganz großes aber, das Ganze führt sich dadurch ad absurdum, wenn dann die Mediaagentur, die beispielsweise den Pitch eines öffentlichen Auftraggebers gewonnen hat, in weiterer Folge – mit den Geldern des öffentlichen Auftraggebers – in eigenem Namen und auf eigene Rechnung einkauft. Und diese so getätigten Mediaeinkäufe, die ja von einer Mediaagentur getätigt werden, die als privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen ihrerseits nicht ausschreibungspflichtig ist, geschehen völlig freihändig. Ich selbst bin kein Jurist, habe aber schon an unzähligen Gesprächen mit ausgewiesenen Vergaberechtsexperten teilgenommen, wo diese wirklich problematische Situation thematisiert und teilweise sehr kontroversiell diskutiert wurde. Irgendwie bleibt bei mir aber der schale Eindruck haften, dass das zwar eh allen maßgeblichen Instanzen in dieser Republik bewusst ist, dass aber die, die das sanieren könnten bzw. müssten, letztendlich gar kein Interesse daran haben.
Martin Weinand ist langjähriger Kenner der Werbebranche und berät bei Pitches und Vergabeprozessen.
Wache/Manstein Verlag
Martin Weinand ist langjähriger Kenner der Werbebranche und berät bei Pitches und Vergabeprozessen.

stats