,Jeder muss in den Ring‘
 

,Jeder muss in den Ring‘

Interview: Ciro De Luca ist nicht nur Kabarettist, Schauspieler, Autor und Testimonial der ÖBB-Werbelinie, er ist auch leidenschaftlicher Thai-Boxer und Businesscoach. Mit seinem ‚BusinessBoxing‘ vereint er beides

Dieses Interview erschien bereits am 26. Juni in der HORIZONT-Printausgabe 26/2015. Hier geht's zur Abo-Bestellung.

HORIZONT: Sie bieten Unternehmen aber auch Personen ein Coaching-Programm namens „BusinessBoxing“. Wie kam es dazu?

Ciro De Luca: Das war eine interessante Wendung in meinem Leben, zu der Zeit, als ich Simpl-Chef war. Dorthin kommen ja auch häufig Politiker, um ein Gefühl für die Stimmungslage in der Öffentlichkeit zu bekommen. Eines Abends war ein sehr prominenter Politiker im Publikum. Als ich nach der Vorstellung das Theater durch den Hintereingang im Plachutta verlasse, winkt er mich zu sich und meint: „Sie san ganz schön frech.“ Darauf ich: „Ich werd’ mich sicher nicht entschuldigen. Wenn, dann müssen Sie sich rechtfertigen dafür, dass Sie so oft bei uns drankommen.“ Dann fragt er mich, wer unsere Texte schreibt. Und nachdem ich ihm sage, dass das meine Texte sind, meinte er: Kommen’s bitte einmal zu uns, wir haben da eine Idee.

HORIZONT: Jetzt können Sie aber schon sagen, welcher Politiker das war.


De Luca: Ganz bestimmt nicht. Jedenfalls saß ich eines Tages in einer großen Runde von Spitzenpolitikern, die meinten, sie würden gerne eine sogenannte „Wording Bible“ erstellen lassen, und ob ich mir vorstellen könnte, ihnen dabei zu helfen. Das ist etwas, das in Deutschland, England oder den USA quasi selbstverständlich ist, das es aber bei uns bis dahin praktisch nicht gab – außer vielleicht bei Radiosendern. Also eine inhaltliche kommunikative Leitlinie für eine große Organisation. Mich hat zwar Parteipolitik nie inte­ressiert, sehr wohl aber das kommu­nikative Element der Politik. Das Ergebnis hat ihnen sehr gut gefallen, und so kam ich in diese Sphäre und begann mit dem sogenannten PDC „Perso­nality-driven Communication“-Coaching.


HORIZONT: Und wie kam das Boxen ins Spiel?


De Luca: Das Boxen habe ich für mich als Sportart entdeckt, die mir geholfen hat, mein Leben, das zu einer gewissen Zeit sehr ungesund abgelaufen ist, zu verändern. Ich habe damals sehr viel gearbeitet, auch abends, viel geraucht, gegessen und getrunken, so wie es viele Künstler tun. Aber für mich war das der falsche Weg. Ein Freund hat mich auf die Idee mit dem Boxen gebracht. Und siehe da: Das Thai-Boxen hat mir den nötigen Ausgleich verschafft und mich regelrecht süchtig gemacht. Seit damals trainiere ich vier Mal in der Woche. Dann habe ich selbst eine Lizenz gelöst, um auch unterrichten zu können. Und da habe ich gesehen, wie großartig sich das Boxen und das Coaching verbinden lassen und bin auf das Konzept des BusinessBoxing gekommen.


HORIZONT: Für Nicht-Boxer hat ­dieser Sport das Vorurteil, gewalttätig zu sein. Entspricht das Boxen nicht ­irgendwie dem Kapitalismus der übelsten Sorte, wo immer nur der Stärkere gewinnen kann und der Schwächere zu Boden geht?


De Luca: Ganz im Gegenteil. Es gibt keinen Sport, der einem mehr Strategie, Kommunikation und Motivation abverlangt. Das ist die Basis für den Erfolg in diesem Sport, nicht die Kraft. Geht es darum den anderen k. o. zu schlagen? Nein. Es geht darum, nicht selbst k. o. zu gehen und das behandelt eine fundamentale, fast philosophische Frage, die sich auch auf das Business übertragen lässt: Will ich den Markt beherrschen und die anderen vernichten, oder achte ich mehr darauf, selbst eine gute Position zu bekommen und zu halten, um länger durchzuhalten als das Vis-à-Vis? Die Parallelen zwischen Boxen und Wirtschaft sind offensichtlich: Der Ring ist quasi unsere Arbeitswelt oder der Markt. Es gibt feste Regeln, quasi den Ringrichter. Und nun geht es darum, wie ich mich in diesem Ring auf den anderen einstelle. „Survival of the fittest“ bedeutet ja nicht, dass der Stärkste gewinnt, sondern der, der am Besten in der Lage ist, sich anzu­passen, sich auf eine Situation einzustellen. Das ist der Schlüsselfaktor im Boxen.


HORIZONT: Wie vermitteln Sie das? Wird wirklich geboxt?


De Luca: Natürlich, jeder muss in den Ring. Meistens sind das eintägige Coachings. Ich bringe alles mit, die Ausrüstung und einen ehemaligen Box-Champion als zusätzlichen Trainer. Sie würden nicht glauben, was da alles passiert. Menschen, die im ­Arbeitsleben eher schüchtern und duckmäuserisch sind, wachsen im Ring plötzlich über sich hinaus und zeigen Seiten von sich, die sie selbst nicht für möglich gehalten haben. Es gibt ja keine archaischere Situation als einen Zweikampf. Der andere darf dir weh tun und du musst es ver­hindern. Das verschafft einem eine derartige Fokussierung und Konzen­tration, dass man sich selbst ganz neu erlebt. Und man lernt so viel über sich selbst: Kann ich mich besser in der Offensive entfalten oder in der Defensive? Wo sind meine Grenzen? Wo­rauf muss ich beim Gegner achten? Was bedeuten seine Bewegungen für mich?


HORIZONT: Ist schon mal was schiefgegangen? Ein Ausraster, eine ge­brochene Nase vom Chef?


De Luca: (lacht) Nein, die Leute haben sich immer unter Kontrolle.
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