Interessenvertreter an einem Tisch
 

Interessenvertreter an einem Tisch

WK-Wahl: HORIZONT lud die Spitzenkandidaten von sechs wahlwerbenden Listen für die Wiener Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation zu einer Diskussion

HORIZONT: Die Kammerwahlen nahen, die Mitglieder der Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation stehen so wie die gesamte Branche inmitten eines Umbruchs. Wo sehen Sie jeweils die größten Herausforderungen und inwieweit kann die Interessen­vertretung da Hilfe leisten?

Birgit Kraft-Kinz: Das Wichtigste aus unserer Sicht sind Steuerentlastung, also Abgabensenkung, und die Digitalisierung, weil dort enorme Businesschancen liegen. Dazu haben wir etwa erst kürzlich eine von unserem Koali­tionspartner Stephan Gustav Götz (Grüne Wirtschaft, Anm.) initiierte tolle Veranstaltung zum Thema „Disruption“ gehabt. Mit der Digitalisierung setzen wir gemeinsam mit den Grünen einen Schwerpunkt, das bedeutet auch für Wien als Standort ein sehr großes Potenzial. Von der Digitalisierung können kleinere wie größere Unternehmen profitieren. Die Fachgruppe muss nämlich für alle Mit­glieder da sein. Um die Interessen der vielen Ein-Personen-Unternehmen, EPU, zu bündeln, haben wir eine eigene EPU-Sprecherin installiert. Ein ganz wichtiger Schwerpunkt der Zukunft ist für uns auch die Frage, wie Kosten für die Bewerbung und Vermarktung künftig auch förderwürdig werden.

Karl Javurek: Wir haben den Änderungen in unserer Branche Rechnung zu tragen. 65 Prozent unserer Mitglieder sind EPU, die teilweise unter ex­trem schwierigen Bedingungen ar­beiten müssen. Die Kammer muss hier ganz konkrete Hilfestellungen vornehmen. So hat die Fachgruppe etwa ein prall gefülltes Bankkonto mit hohen Rücklagen – das gehört den Mitgliedern zugeführt. Daher bin ich dafür, dass wir für EPU die Kammerumlage von 95 auf 50 Euro praktisch halbieren. Zweitens sind wir der Meinung, dass eine zünftische Ordnung mit 14 Berufsgruppen, wie wir sie derzeit haben und wie sie gerade wieder neu beschlossen wurde, absolut nicht mehr der Realität in der Kommunikationswirtschaft entspricht. Heute sind integrierte Konzepte erforderlich, da hat die Gewerbeordnung darauf zu reagieren. Wir treten daher für einen einheitlichen Gewerbeschein ein. Die Aktivität gegen Gratispräsentationen – Stichwort: Schwarze Schafe –, die ich während meiner Obmannschaft schon vor sieben Jahren initiiert habe, ist in der vergangenen Funktionsperiode eingeschlafen – wir sind der Meinung, dass das wieder belebt gehört. Öffentliche Ausschreibungen gehören zentralisiert, sodass nicht jedes Ministerium komplett eigenständig agiert und der Vergabeprozess der öffentlichen Hand insgesamt professioneller wird. Dazu habe ich schon Kontakt zur Bundes-Beschaffungs-Gesellschaft aufgenommen.

Kraft-Kinz: Dazu möchte ich nur kurz Bezug nehmen: Unser Ziel ist es nicht, zu sparen, sehr wohl aber ordentlich zu wirtschaften. Und du, Karl, hast ein ordentliches Minus hinterlassen – der Jahresabschluss war bei minus 360.000 Euro. Wir wollen sinnvoll investieren. Und was die Frage der Berufsgruppen betrifft, so ist das primär eine Zuständigkeit des Fachverbandes, wo du ja auch vertreten bist. Nur warst du da meines Wissens nach bei den entsprechenden Sitzungen nicht dabei …

Javurek: Wir haben als einzige Fraktion im Fachverband dagegen gestimmt – die Grüne Wirtschaft und der Wirtschaftsbund haben das beschlossen. Unser entsprechender Antrag in der Wiener Fachgruppe wurde abgelehnt. Egal, das gehört raschest geändert.

Kraft-Kinz: Wir haben aber auch festgehalten, dass wir das eingehend prüfen werden und marktgerecht weiter entwickeln wollen. Dass wir eine zeitgemäße Gewerbeordnung brauchen, ist uns hoffentlich allen klar.

Franz Gabner: Jetzt haben wir schon einen ganz guten Einblick in die Verwaltung der Kammer bekommen. Die Frage, mit der ich immer wieder konfrontiert werde, lautet: Was habe ich eigentlich konkret von der Kammer, was bekomme ich für meinen Zwangsmitgliedsbeitrag außer Absichtser­klärungen und Flyer. Das hat zu einer unglaublichen Politikverdrossenheit geführt. Für diese Leute wollen wir vom Ring Freiheitlicher Wirtschaftstreibender in Wien da sein, denen wollen wir zu einem Wert verhelfen. Denn EPU und auch kleinere KMU müssen täglich hart arbeiten, um am Markt zu bestehen. Sie müssen enorme Anstrengungen sowohl in die Kundenakquise als auch in die qualitative Auftragserledigung stecken. Daher sind diese Betriebe bei ihrem Marktauftritt zu unterstützen und administrativ entsprechend zu entlasten. Wir wollen diesen Menschen Partner sein und ­ihnen spürbare Vorteile verschaffen.

HORIZONT: Was könnte das konkret sein?

Gabner: Zum Beispiel die Bündelung der gemeinsamen Interessen im Rahmen von gemeinsamen Auftritten, wie etwa nach dem Vorbild der Installateure mit der „Oase Bad“ und auch gemeinsamer Werbeauftritte anderer Branchen.

HORIZONT: Bei der starken Fragmentierung der Kommunikationsbranche wird es schwierig, ein gemeinsames Angebot zu finden?

Gabner: Aber es geht immer um Kreativität, und der Wert, der daraus entsteht, gehört entsprechend gemeinsam kommuniziert. Denn Tausende kreative Einzelkämpfer beflügeln auf ihre Weise die Wirtschaft, die derzeit ohnehin lahmt. Die Zeit ist gekommen, diese Tatsache auch öffentlich wirksam zu kommunizieren. Wir leben in einer Zeit ständiger Veränderungen, denen wir uns laufend zu stellen haben. Daher ist es höchst an der Zeit, dass auch die Wirtschaftskammer sich den neuen Aufgaben so anpasst, dass dies auch von den Mitgliedern wahrgenommen wird. Nur so können die Tausenden derzeitigen Nichtwähler dazu motiviert werden, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen.

Stephan Gustav Götz: Ich denke, ­genau die von Ihnen angesprochene Fragmentierung macht die Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation zur spannendsten in der gesamten Kammer. Diese Vielzahl von Berufsbildern lassen sich nicht über einen Kamm scheren. Ich sehe zwei große Stoßrichtungen, wo wir als Interessenvertretung aktiv sein können: Einerseits die großen Mitglieder unserer Fachgruppe, die sich vor allem um den Medienstandort Österreich Sorgen machen. Und die andere Richtung sind die vielen Selbstständigen, von denen viele ungewollt EPU geworden sind. Die wollen wir dabei unterstützen, Unternehmerin oder Unternehmer zu sein, etwa mit unserer Workshop-Reihe „Digital Fitness Friday“. Ich fürchte, dass viele EPU die Kammer gar nicht als ihre Interessenvertretung wahrnehmen, sondern als Instrument der Großen und Mächtigen, die ihre Interessen durchsetzen wollen. Und auf Bundesebene agiert die Kammer ja leider nicht gerade kleinunternehmerfreundlich, wenn ich etwa an die „GmbH light“ denke, die wieder rückgängig gemacht wurde. So etwas darf einfach nicht passieren.

Klaus Handler: Ich muss ganz grundsätzlich anfangen: Die Zwangsmitgliedschaft gehört weg, und zwar über alle Fachgruppen hinweg. Dass man Unternehmen hier zwingt, Mitglied bei einem System zu sein, das sie überhaupt nicht interessiert, wie ja die Wahlbeteiligung zeigt … Nicht einmal 23 Prozent haben 2010 in der Fachgruppe Werbung Wien von ihrem Wahlrecht gebraucht gemacht. Das zeigt, dass sich einen riesiger Anteil der Unternehmer hier nicht vertreten fühlt.

HORIZONT: Könnte eine geringe Wahlbeteiligung nicht auch ein Zeichen dafür sein, dass alle im Wesentlichen ganz zufrieden sind?

Handler (lacht): Das halte ich für eine interessante Interpretation … Und wenn ohnehin alle so zufrieden sind mit der Kammer, dann kann man ja den Zwang aufheben und die Mitgliedschaft freiwillig machen, so wie in der Schweiz. Ganz konkret sind wir der Meinung, dass die hohe Zahl der EPU unbedingt eines zeitgemäßen Werkvertrags bedarf. Das Projektgeschäft nimmt zu, viele sind eine Zeit lang für einen Auftraggeber im Einsatz. Es kann nicht sein, dass man dann von der Sozialversicherung rückwirkend als Angestellter eingestuft wird, obwohl man das gar nicht will. Die jetzige Regelung ist Steinzeit, das gehört modernisiert und betrifft genauso die IT-Consulter oder andere Branchen. Was ich auch noch anmerken möchte: Vor den Wahlen merkt man immer eine große werbliche Betriebsamkeit der Fachgruppe – das schaut schon sehr stark danach aus, dass Kammergelder für wahlwerbende Personen ausgegeben werden und das kritisiere ich sehr stark.

HORIZONT: Herr Miller-Aichholz, die Unos treten zum ersten Mal an – wie wollen Sie es anlegen?

Miller-Aichholz: Ganz generell treten wir an, um einen neuen Geist in die Wirtschaftskammer zu bringen – das hat Neos schon im Nationalrat bewiesen, und Unos wird das in der Kammer auch schaffen. Wir wollen der kon­struktive Stachel im Fleisch der Etablierten sein und alte Strukturen aufbrechen. Dazu gehört auch die Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft – wir leben nun einmal nicht in einem kommunistischen Land und eine qualitativ hochwertige Kammer braucht keine Pflichtmitgliedschaft. 850 Millionen Euro Jahresbudget, wo nicht offen gelegt ist, was mit diesem Geld passiert – das ist eigentlich Zeichen genug. Das wöchentliche Periodikum Wiener Wirtschaft, das es ja in allen anderen Bundesländern unter entsprechenden Bezeichnungen auch gibt, halten wir für eine Geldverschwendung ohne Ende – niemand braucht dieses Medium, das nur so vor Selbstbeweihräucherung strotzt. Es reicht völlig, das auf monatlichen oder quartalsweisen Rhythmus umzustellen. Die dadurch eingesparten Kosten könnte man in die Ausweitung des Versicherungsservices umleiten, etwa für Prozesskosten der Mitglieder. Außerdem gehört zu unseren konkreten Anliegen, die Wiener Gebietskrankenkassein ihrem Wahn einzuschränken, freie Mitarbeiter zu Angestellten umzufunktionieren und damit Unternehmen letztlich in den Ruin zu treiben. Wir müssen es den Unternehmen einfacher machen, Mitarbeiter aufzunehmen, ohne dass das gleich Vollzeit­angestellte sind. Agenturen müssen wachsen können, ohne gleich die ganze Keule der Lohnnebenkosten zu spüren zu bekommen. Das sind unsere wichtigen Punkte – die Abschaffung der Werbeabgabe wäre zwar wichtig, betrifft die EPU und KMU ­allerdings kaum, das ist eher ein Thema für die großen Werbe- und ­Mediaagenturen.

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HORIZONT: Frau Kraft-Kinz, in dieser ersten Runde war einiges an Kritik dabei, was die Sinnhaftigkeit der Arbeit der Fachgruppe betrifft. Was entgegnen Sie dem?

Kraft-Kinz: Es ist ganz sicher so, dass die Dienstleistungen der Kammer noch sichtbarer gemacht und kommuniziert werden, und da bin ich für jeden Vorschlag offen, auch für Reformvorschläge, was die Kammer selbst betrifft. Nur, die Bedeutung einer Interessenvertretung insgesamt ist für mich unumstößlich, denn es gibt in diesem Land nicht nur relativ wenige Unternehmerinnen und Unternehmer, sondern auch eine wachsende Unternehmerfeindlichkeit. Wir brauchen ein anderes Klima, mehr Lust an Innovation, Kreativität und Gründungen. Und das sage ich in die Richtung des Sozialdemokratischen Wirtschaftsverbandes, lieber Karl: Was Entlastung und Bürokratieabbau betrifft, gibt es bei euch immer eine gewisse Zurückhaltung – das ist für die Unternehmer aber essenziell. Zum Beispiel beim Thema Werkvertrag, das völlig zu Recht bereits angesprochen wurde. Da gibt es seitens der Gewerkschaft sogar den Wunsch, dass die Wiener Gebietskrankenkasse noch härter vorgeht, also vielleicht kannst du, Karl, hier einmal deine Kontakte zum Einsatz bringen …

Javurek: Ich bin doch nicht der ÖGB?!

Kraft-Kinz: Aber du kennst ihn sicher besser als ich … Was die Werbeabgabe betrifft: Natürlich ist das für eine ganz kleine Agentur nicht das riesige Thema, aber für den Sektor insgesamt ist das ein ganz wichtiges Signal. Ich habe dazu auch Finanzminister Schelling einen Brief geschrieben. Mit seiner Antwort war ich nicht so wirklich zufrieden, denn er meinte, bis 2018 ist das vorgesehen, aber jetzt sicher nicht. Hier geht es immerhin um 47 Millionen alleine in Wien! Da lohnt es sich, dafür zu kämpfen. Generell ist für mich entscheidend: Wir brauchen eine unternehmerfreundlichere Haltung und mehr Zuversicht was die ­großen Umbrüche in der Kommunikationswirtschaft betrifft, keine Jammerkultur …

Javurek: Ich bin ja schon ziemlich lange im Geschäft, daher stellt es mir die Nackenhaare auf, wenn ich diese mitreißenden Schlagworte höre wie „zuversichern“ und „neuen Geist“. Das ist doch alles Blabla … Ich bin ein Freund von konkreten Forderungen und Umsetzungen. Also: Der Versicherungsservice, der in meiner Obmannschaft gestartet wurde, hat einen Wert von einigen Hundert Euro für ­jedes Mitglied, die Kammerumlage zahlt sich also schon jetzt aus – man muss ihn nur annehmen. Bei der Sozialversicherung und der Gebietskrankenkasse gebe ich der hier geäußerten Kritik vollkommen recht – das widerspricht der Art und Weise, wie diese Branche zunehmend arbeitet. Ebenso finde ich, dass der 20-prozentige Selbstbehalt beim Arztbesuch abgeschafft gehört. Und dass das Krankengeld erst nach 42 Tagen ausbezahlt wird, halte ich für einen sozialpolitischen Skandal – wir wollen, dass das bereits nach dem dritten Tag ausbezahlt wird.

Gabner: Diese Diskussion zeigt sehr eindrucksvoll die unglaubliche Kluft zwischen der Kammerpolitik und der realen Welt der Mitglieder. Diese Scharmützel stehen an der Tagesordnung und helfen den Mitgliedern in keinster Weise in ihren täglichen He­rausforderungen. Nur wenn der Verband endlich bereit ist, seine derzeitigen Zwangsmitglieder wie „Kunden“ zu behandeln und das mittlerweile ansehnliche Mitgliederbeiträge-Budget sinnvoll wieder zu reinvestieren, können die vielen unzufriedenen Wähler und Nichtwähler überzeugt werden. Denn aus unserer Sicht haben die Mitglieder das Recht auf einen erkennbaren Return on Investment.

Götz: Wir als Wiener Fachgruppe müssen in unserem direkten Einflussbereich ein Vorbild sein. Zum Beispiel: Wir müssen transparent sein und ­haben dementsprechend all unsere Aufträge öffentlich dokumentiert. Wir müssen dort sein, wo die Unternehmerinnen und Unternehmer sind, etwa in die Start-up-Szene gehen und die Branche mit den jungen Grün­derinnen und Gründern zusammenbringen. Wir müssen den Leuten die Zusammenarbeit erleichtern, Stichwort Coworking. Oder die Frage, wie sich zwei Unternehmen einen Lehrling teilen können. Es gibt also ganz viele nützliche Dinge, die wir umsetzen können.

Handler: Ich würde gerne noch etwas zum angesprochenen Versicherungsservice sagen: Wenn ein Unternehmer eine Versicherung braucht, soll er sie sich am freien Markt nehmen – ich halte es für falsch, dass hier die Kammer den Wettbewerb unter den Versicherungen verfälscht. Problematisch sehe ich auch die Zusammenarbeit zwischen Kammer und Politik. Manche Funktionäre sind auch Abgeordnete im Nationalrat – dort stimmen sie dann plötzlich gegen Initiativen, die im Kammerparlament verabschiedet wurden. Da frage ich mich schon, was das für eine Interessenvertretung sein soll.

Miller-Aichholz: Herr Javurek, Sie haben das Blabla kritisiert. Ich gebe Ihnen recht, es geht nichts über konkrete Forderungen und Ideen. Wir brauchen dennoch eine Vision, einen neuen Geist. Den wollen wir in die Kammer bringen und das hat mit Blabla nichts zu tun, sondern ist der Unterbau, ohne den Politik nicht funktionieren kann. Wenn die Forderung nach weniger Selbstbehalt und mehr Krankengeld aus dem Munde eines SWV-Spitzenkandidaten kommt, ist das einigermaßen fragwürdig. SWV und Wirtschaftsbund bestimmen seit Jahrzehnten das Geschehen in der Wirtschaftskammer, also warum ist das nicht schon längst passiert? Wir Unos sind die einzigen, die – mit Niko Alm – einen Crowdfunding-Sprecher im Parlament haben. Das ist gerade für die Kommunikationsbranche ein ganz wichtiges Thema und hier kann die Kammer bei der Erarbeitung von Modellen eine ganz wichtige Rolle spielen. Ich gebe Herrn Handler recht, die Kammer soll die Interessen ihrer Mitglieder vertreten, aber nicht in den Wettbewerb treten, wie bei Versicherungen oder aber auch großflächig im Ausbildungsmarkt mit dem Wifi. In­teressenvertretung heißt, Rahmen­bedingungen zu schaffen, die es den Mitgliedern leichter machen, selbstständig und eigenverantwortlich wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

Kraft-Kinz: Es gibt gesetzliche Regelungen, was die Interessenvertretung umfasst. Das ist auf der einen Seite politisch, da gibt es, was die Gesetzgebung betrifft, eine ganz klare Rolle. Und die andere Seite ist Aus- und Weiterbildung von Mitgliedern, das ist ein gesetzlicher Auftrag. Daher bieten wir auch ganz konkret solche Angebote an, auch weil wir wissen, dass die Bereitschaft für Weiterbildung in unserer Branche nicht besonders stark ausgeprägt ist. Unsere 9.000 Mitglieder müssen fit für die Digitalisierung werden, ob sie wollen oder nicht. Dabei wollen wir sie unterstützen. Ich halte auch das Versicherungs- und Anwaltsservice, etwa bei markenschutzrechtlichen Auseinandersetzungen, speziell für EPU für sehr sinnvoll, ebenso wie das neue Steuerservice, auch wenn das noch nicht ausreichend angenommen wird. Und ich bin für jeden Vorschlag offen, wie wir diese bestehenden Services besser kommunizieren können. Gemeinsam mit der Grünen Wirtschaft haben wir ein sehr anspruchsvolles Programm transparent abgearbeitet, haben sehr genau hingehört, was die Mitglieder brauchen und würden gerne gleich ab März in diesem Sinn weitermachen.

HORIZONT: Können Sie der Halbierung der Umlage für EPU etwas abgewinnen, wie es Javurek vorgeschlagen hat – oder fällt das in die Kategorie Wahlzuckerl?

Kraft-Kinz: Das kann man sicher diskutieren und da sind ja alle Mitglieder bei der Fachgruppentagung eingebunden. Ich weiß, dass jeder Euro ins Gewicht fällt, ich bin selbst Unternehmerin und nicht Angestellte eines großen Unternehmens. Aber ich glaube, 95 Euro im Jahr sind vertretbar, wenn die Leistung passt.

Javurek: Das sehe ich anders und im Übrigen ist das kein Wahlzuckerl, sondern ein Versprechen für den Fall, dass wir zur stärksten Fraktion gemacht werden. Was die vermeintliche Marktverzerrung durch das Versicherungsservice oder die Ausbildungsangebote betrifft: Ich stehe nicht an zu sagen, dass die Schulungsangebote in der vergangenen Funktionsperiode sehr gut waren. Bei den Versicherungen sehe ich keine Marktverzerrung, denn hier kommen ja Versicherungen zum Zug, die sich darum beworben haben, dieses Angebot zu einem Gruppentarif zu leisten. Und weil vorhin markenschutzrechtliche Auseinandersetzungen angesprochen wurden: Da möchte ich dich, Birgit, einmal fragen, was du dir dabei denkst, die Marke „Team Werbung Wien“, die wir seit sechs Jahren aufgebaut haben und unter der wir antreten, auf einmal ohne Vorankündigung als Wirtschaftsbund für deine Liste zu verwenden, damit in die Wahl zu gehen und uns zu klauen. Ich halte das für einen Skandal! Alle, mit denen ich spreche, schütteln darüber nur den Kopf. Es ist eine schreckliche Vorbildwirkung von euch; gerade diese Themen des Markenschutzes sind sehr sensibel und hier sollten wir mit gutem Beispiel vorangehen. Wir alle reden immer über den Wert der Marke als immaterielles Eigentum – und dann macht ihr so was. Ich hätte das nicht für möglich gehalten, aber du wirst mir sicher erklären, was du dir dabei gedacht hast.

Kraft-Kinz: Da muss man ein bisschen in der Historie zurückgehen: Das Thema Team Werbung Wien wurde in deiner Ära als Obmann eingeführt, um als SWV zu suggerieren, dass das Team Werbung Wien und die Fachgruppe Werbung Wien das Gleiche wären. Nachdem Werbung, Wien und Team sehr allgemeine Begriffe sind, ist unsere Position, dass dies eine Bezeichnung ist, die du nicht schützen kannst.

Javurek: Kannst du „Volk“ oder „Partei“ schützen? Nein. Kann man deshalb einfach als Volkspartei antreten? Nein, natürlich nicht! Gerade für eine Obfrau der Fachgruppe Werbung Wien ist deine Argumentation ein Skandal, ich kann es nicht anderes sagen. Es ist ein einziger Markenklau, basta. Und er stößt bei den Mitgliedern auf tiefstes Unverständnis, und wir werden alle gerichtlichen Möglichkeiten ausnützen, um das zu bekämpfen.

Götz: Ich fürchte, genau dieser Streit erzeugt bei den Mitgliedern das Bild, dass sich die Kammer nur mit sich selbst beschäftigt. Das löst kein einziges Problem auch nur irgendeines Unternehmens in Österreich – der Streit ist pure Zeitverschwendung.

Dieser Roundtable war bereits am 20. Februar 2015 in der HORIZONT-Printausgabe 8/2015 zu lesen. Hier geht's zur Abo-Bestellung.
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