In memoriam Jenö Eisenberger
 

In memoriam Jenö Eisenberger

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Jenö Eisenberger (16.11.1922 – 14.08.2016)
Jenö Eisenberger (16.11.1922 – 14.08.2016)

Der Gründer der Löwa- und PamPam-Supermärkte, Jenö Eisenberger, ist im 94. Lebensjahr verstorben

Vor langer Zeit, es muss etwa Mitte bis Ender der 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts gewesen sein, schenkte mir Jenö Eisenberger einen Kunstdruckkalender. Die zwölf Blätter und das Deckblatt zeigten jeweils Aquarelle des weltberühmten Malers Rudolf von Alt. Am Schluss unseres Treffens, kurz vor dem Verabschieden, lächelte er verschmitzt und sagte mit seiner charmanten ungarischen Sprachfärbung: „Und wissen Sie, was das Beste an diesem Kalender ist? Ich werde es Ihnen sagen: Von dreizehn Bildern gehören zehn mir.“


Damals hatte er sich schon lange mit Kunst beschäftigt. Vor allem die Werke des österreichischen 19. Jahrhunderts hatten es ihm angetan. Emil Jakob Schindler, der Vater von Alma Mahler-Gropius-Werfel zum Bespiel. Oder Carl Moll, der zufällig auch der Stiefvater des berühmtesten altösterreichischen Musen-It-Girls war. Und nicht nur das sammelte er. Besondere Aufmerksamkeit widmete er seine ­Judaica-Sammlung, die so wichtig war, dass die Direktorin des Wiener Jüdischen Museums, Danielle Spera, sie in einem Fachbeitrag würdigte.


Einer breiten Öffentlichkeit außerhalb der doch sehr überschaubaren Kunstszene war Jenö Eisenberger jedoch vor allem als Pionier des österreichischen Einzelhandels bekannt. 1961 eröffnete er zusammen mit Walter Löwe, die erste Selbstbedienungshandelskette Österreichs, genannt LÖWA (als Abkürzung für Löwe Walter). Etwas mehr als zehn Jahre später (nach dem Verkauf von LÖWA) gründete er wiederum zusammen mit einem Partner, diesmal war das Julius Meinl IV. die PamPam-Supermärkte. Nur um bereits 1974 wieder auszusteigen und im Süden Wiens seinen Eisenberger-Markt zu eröffnen. Man sieht: Stillstand war Eisenbergers Sache nicht. Er war ein rastloser, ein getriebener Mensch, ständig auf der Suche nach neuen Herausforderungen.


Daran dürfte seine Biografie nicht ganz unschuldig sein. Eisenberger wurde in Budapest im damaligen Noch-Königreich Ungarn geboren. Zu einer Zeit, als Kaiser Karl I. (als ungarischer König Karl IV.) gerade mit seinen Restaurationsversuchen am neuen, starken Mann Ungarns, Miklós Horthy– der pikanterweise einmal Karls eigener Adjutant war – scheiterte. Horthy führte das Land später zügig in Richtung Faschismus. Was der mittlerweile gelernte Hemdenschneider Eisenberger in den 1940er-Jahren zu spüren bekam. Er, der Budapester Jude, hatte um sein Leben zu fürchten. Fünf seiner Geschwister wurden dann auch während der Shoa ermordet. Eisenberger selbst entkam mit viel Glück – und, man darf es sagen, Chuzpe.


Gerade einmal 21 Jahre alt, beschaffte er sich Papiere, die seine Herkunft verschleierten, und trat in die Jugendorganisation der sogenannten Pfeilkreuzler ein. Jener ultrafaschistischen, paramilitärischen Truppe, die auch dem Organisator der Transporte ungarischer Juden nach Auschwitz, Adolf Eichmann, willig zuarbeitete. 


Jenö Eisenberger ging nicht nur damit ein ungeheures Risiko ein, sondern auch dadurch, dass er gleichzeitig für eine jüdische Hilfsorganisation im Untergrund arbeitete. Die Flucht vor der heranrückenden Roten Armee gelang ihm schließlich.


Jenö Eisenberger war eben ein bemerkenswerter Mann, der sich auch im israelischen Unabhängigkeitskrieg engagierte. Und als schließlich die damals gerade an die Macht ­gekommenen Kommunisten seinen kleinen Budapester Betrieb enteig­neten, zog er nach Wien, um am Naschmarkt einen kleinen Stand zu eröffnen. Das war 1949. Der Rest ist österreichische Wirtschaftsgeschichte.


Wir können nach seinem Tod am 14. August 2016 nichts mehr tun, als seiner zu gedenken. Und dankbar zu sein, dass wir Jenö Eisenberger kennenlernen und einige von uns ihn sogar ihren Freund nennen durften,




meint Ihr


Hans-Jörgen Manstein
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