"Im Silicon Valley gibt es wenig Neid"
 

"Im Silicon Valley gibt es wenig Neid"

BFI Wien/Ian Ehm
BFI Wien-Chefin Valerie Höllinger möchte nun selbst Hackathons veranstalten und Design-Thinking-Kurse anbieten.
BFI Wien-Chefin Valerie Höllinger möchte nun selbst Hackathons veranstalten und Design-Thinking-Kurse anbieten.

BFI-Wien-Chefin Valerie Höllinger ist mit einer Delegation nach Silicon Valley gereist. Im Interview erklärt sie, was Österreich vom Start-up-Hotspot lernen kann.

HORIZONT: Sie sind mit Ihrem Team ins Silicon Valley gereist, um von der dortigen Start-up-Szene zu lernen. Was hat Sie am meisten überrascht?

Valerie Höllinger: Das Silicon Valley ist ein wahrer Fundus für Innovation und neue Denkanstöße. Am eindrucksvollsten habe ich empfunden, dass anders als bei uns, in der San Francisco Bay Area Community und Collaboration, also das Miteinander, ganz groß geschrieben wird. Es gibt große Offenheit und das Interesse, gemeinsam Probleme zu lösen – egal ob Multimilliardenunternehmen oder Start-up.

Und es gibt wenig Neid, dafür mehr Interesse am gemeinsamen Erfolg und an der gegenseitigen Hilfestellung. Das hat mich sehr überrascht. Und nicht zuletzt die hohe Geschwindigkeit. Der Prototyp einer Geschäftsidee dauert nicht Monate sondern wird rasch an den Kunden ausgetestet, um schnell auch den Verbesserungsprozess einleiten zu können. So wird aus einer Idee sehr schnell ein lukratives Geschäft.

Was sollte Österreich tun, um mit dem Silicon Valley Schritt halten zu können?

Am wichtigsten wird es sein, unsere Denke umzustellen und den Communitygedanken in Österreich zu verankern. Es gilt, mehr in Kooperationen und nicht zu sehr im permanenten Wettbewerb zu denken. Das fördert die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Und wenn wir dann auch noch Kunden frühzeitiger in den Produktentwicklungsprozess einbinden, haben wir schon einen großen Schritt in Richtung Innovation gemacht. Und es ist diese Innovationskraft, die das Silicon Valley so stark macht.

Innovation braucht aber Freiraum und die eingangs beschriebene Geisteshaltung. Und wir müssen als Unternehmen mehr Wert auf Inspiration legen. Inspirierende Unternehmen ziehen gute Leute an. Auch der Einsatz von Design-Thinking als Methode, um Probleme zu lösen oder neue Ideen zu gewinnen, wäre ein wichtiger Schritt. 

Welche Rolle spielen Aus- und Weiterbildung für das Florieren der Start-up-Szene?

Eine maßgebliche. Und sie geht weit über die Vermittlung des benötigten Wissens hinaus: In Stanford werden zum Beispiel im Rahmen der Career Education die Studierenden von Beginn an mit Unternehmen vernetzt und mit persönlichem Coaching unterstützt. Bei allen besuchten Bildungseinrichtungen – egal ob Stanford, Singularity University, Cogswell College, D School, Galvanize – sind Unternehmen aktive Mitglieder im Studienalltag. Sie fordern die Studierenden mit „Real-Life-Problemen“ heraus, binden die Unis ins Prototyping der Produkte ein und sichern sich frühzeitig die Gunst der besten Studenten. So wird den Studierenden von Beginn an vermittelt, in Problemlösungen und in Geschäftsmodellen zu denken, um später durchstarten zu können. Wir versuchen, diese Denkweise auch verstärkt bei uns einzubinden und planen etwa Hackathons zu veranstalten und Design-Thinking-Kurse zu machen. Diese Produkte sollen dabei aus der Community für die Community sein und wir sind derzeit auf der Suche nach talentierten Start-ups, die diesen Weg mit uns gemeinsam gehen wollen.

Oft wird von fehlender Risikolust und einer schlechten Fehlerkultur gesprochen, wenn man Österreich mit dem Silicon Valley vergleicht. Was müssen die Österreicher an ihrem Mindset ändern, um aufholen zu können?

Im Silicon Valley hört man oft: „Hier ist der, der scheitert, derjenige, der am meisten gelernt, und damit einen hohen Marktwert hat.“ Scheitern ist in unserem System nicht vorgesehen. Es wird sogar bestraft und es geht soweit, dass man stigmatisiert ist oder aus rechtlichen Gründen erst gar nicht mehr die Möglichkeit bekommt, neu anzufangen.

Eine Aufweichung des Insolvenzrechts im Start-up-Bereich würde hier sicherlich mehr Risikobereitschaft im positiven Sinn und Innovationsfreude fördern. Das darf natürlich nicht ausarten und Fahrlässigkeit fördern. Aber ein gesundes Maß an Risiko sollte schon gestattet sein. Und vielleicht können wir uns so der Maxime „There is no win, there is no fail. There’s only make“ annähern und den Nährboden für Innovationen schaffen.

Auch kritisieren hiesige Gründer oft, dass ihnen das Wachstumskapital fehlt – in Silicon Valley hingegen floriert die Risikokapitalszene. Wie kann diese in Österreich belebt werden?

Das geht nur Hand in Hand mit der Änderung des Mindsets. Das Silicon Valley wird von Geldgebern gestützt, die wie auf der Rennbahn auf zehn Pferde gleichzeitig wetten und denen es egal zu sein scheint, ob neun Millionen Euro Startkapital versenkt werden, solange die auf das zehnte Pferd gesetzte Million ein Vielfaches an Revenue zurückspielt. Diese Rennbahnmentalität ist sicherlich nicht für Österreich erstrebenswert.

Ein Puzzlestein im Silicon Valley für das Zusammenbringen von Kapital und Idee ist aber nicht nur das Geld per se, sondern die omnipräsenten Co-Working-Spaces: Sie erlauben es, dass Studenten, Unternehmen und Geldgeber auf Augenhöhe zusammenkommen und sich so gegenseitig inspirieren – frei von Hierarchien, frei von Wettbewerbsklauseln, frei von Angst, dass die Idee gestohlen wird. Hier kann jeder seine Ideen kundtun – und unkompliziert mit Investoren in Berührung kommen. Das könnte man auch in Österreich sehr gut in Angriff nehmen.

Und wie kann die Politik den Gründern unter die Arme greifen?

Die Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen, um die bereits angesprochenen Punkte auch umsetzen zu können. Im Start-up-Paket der Bundesregierung sehe ich einen wichtigen Schritt, um die Jungunternehmer mit Liquidität zu versorgen. Es braucht aber sicherlich noch eine Erleichterung in Sachen Finanzierungsmöglichkeiten und Unternehmensgründung.

Im Silicon Valley hat man eine Idee und gründet, ohne viele Behördengänge in Kauf nehmen zu müssen. Hier täte uns eine Entbürokratisierung gut. Auch eine Effizienzsteigerung – also ein One-Stop-Shop für die Finanzierung der Bereiche Forschung und Start-up – und ein Abklopfen des Insolvenzrechts auf Gründerfreundlichkeit könnten maßgeblich zu einem innovationsfreundlichen Umfeld beitragen.
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