Ringen um Fachkräfte

Dem Mittelstand fehlt qualifiziertes Personal, die Digitalisierung verschärft bestehende Missstände. Auch die Werbebranche kämpft um Personal. Ein Überblick in Daten und Fakten.

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Personal ist nicht erst seit der Corona-Krise ein brisantes Thema – seitdem aber in verschärftem Ausmaß, wie aktuelle Daten zeigen. Neben der Frage um die Zahl der Beschäftigten respektive Arbeitslosen an sich fehlt es vor allem im Mittelstand an Fachkräften, so die zentrale Aussage einer Erhebung des Beratungsunternehmens Ernst & Young. Auch wenn der Fachkräftemangel demnach nicht mehr das größte Bedrohungsszenario für Unternehmen darstellt, sondern von Sorgen über die Pandemie und damit einhergehenden wirtschaftlichen Abschwung abgelöst wurde: Mehr als drei von vier mittelständischen Unternehmen in Österreich haben nach eigenen Angaben Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden, fast ein Viertel sogar erhebliche. 800 Unternehmen aus diesem Segment mit 30 bis 2.000 Mitarbeitern wurden dafür befragt.
Rekordstand bei Arbeitslosen

Ende Dezember waren laut AMS gesamt 520.919 Menschen arbeitslos, gut 61.000 davon befanden sich in Schulungen. Dieser Wert liegt deutlich über dem letzten Rekordstand von 2015 mit rund 475.000 arbeitslosen Personen. Frauen, Ausländer und Über-50-Jährige verzeichnen die größten Anstiege. 417.113 Personen befanden sich zum Jahresende in Kurzarbeit.

Der Anteil der Unternehmen, die ihren Personalstand anheben wollen, ist im dritten Jahr in Folge gesunken; mehr als zehn Prozent planen den Abbau von Stellen, schrillen die Alarmglocken. „Zwar lässt die Corona-Krise den Personalbedarf der Wirtschaft gerade kräftig schrumpfen, doch der Fachkräftemangel wird dadurch nur ein kleines bisschen abgemildert – viele Branchen holt er auch während der Krise trotz hoher Arbeitslosenzahlen schmerzhaft ein“, resümiert Erich Lehner, Managing Partner Markets bei EY Österreich. Mittel- und langfristig würden vor allem qualifizierte Fachkräfte fehlen, die Situation am Arbeitsmarkt bremse die Wachstumspläne, so Lehner.

Fachkräftemangel nach Bereichen

Summiert bei 35 Prozent der Unternehmen verursacht diese Situation Umsatzeinbußen. Immerhin: Im Vorjahr lag dieser Wert noch bei 37 Prozent. Die Digitalisierung hinterlässt dabei weiterhin ihre deutlichen Spuren: Im technischen Bereich bleiben laut der Erhebung bei Österreichs Mittelständern in jedem vierten Unternehmen Stellen unbesetzt. „Traditionelle Arbeitsplätze fallen weg, gleichzeitig entstehen gerade in den Bereichen der technischen Produktion, IT sowie Forschung und Entwicklung neue Stellen. Der Arbeitsmarkt hält mit dieser Entwicklung momentan nicht Schritt, was die Vakanzen in genau diesen Bereichen erklärt. Die Weiterentwicklung des österreichischen Bildungssystems ist der entscheidende Hebel für eine erfolgreiche wirtschaftliche Zukunft“, meint Lehner.
Ost-West-Gefälle

23 % der mittelständischen Unternehmen fällt es laut EY sehr schwer, derzeit neue und ausreichend qualifizierte Mitarbeitende zu finden, 53 % eher schwer. Am höchsten ist der Anteil in Vorarlberg, gefolgt von Oberösterreich und Salzburg. In den östlichen Bundesländern Wien, Burgenland und Niederösterreich fällt die Suche nach eigenen Angaben der Unternehmen deutlich weniger schwer.

Diese Entwicklung bestätigt man auch in der Wirtschaftskammer Österreich für den Bereich Marketing und Werbung, der 2020 einen „erheblichen Rückgang“ bei der Zahl der Beschäftigten ausweist. Am härtesten betroffen seien auf Grund der strengen Lockdowns die Monate April bis Juni sowie der November gewesen. Derzeit arbeite man mit der Statistik-Abteilung sowie der Statistik Austria daran, eine detaillierte Aufschlüsselung nach Bundesländern und Berufsgruppen zu erstellen. Diese Statistik wird voraussichtlich im Sommer vorliegen, so die Interessensvertretung. Jedenfalls mangelt es auch bei den werbetreibenden Unternehmen an Fachkräften, die der Digitalisierung entsprechend Rechnung tragen: „Am gefragtesten sind UXDesign- Experten und natürlich Programmierer“, so Michael Mrazek, Obmann des Fachverband Werbung und Marktkommunikation in der Wirtschaftskammer.

Zahl der Beschäftigen - Werbung und Marktkommunikation

Die Analyse nach vielen unbesetzten Stellen und damit eklatanten Mängel im IT- und Technikbereich, wodurch der Arbeitsmarkt mit den Entwicklungen nicht Schritt halten könne, teilt Mrazek: „Ja, das kann ich auch aus leidvoller Erfahrung im eigenen Unternehmen bestätigen. Langfristig kann man dem Fachkräftemangel nur selber als Ausbilder entgegenwirken.“ Kurzfristig wäre es aus seiner Sicht wichtig, die Mobilität innerhalb Österreichs zu fördern, da der Fachkräftemangel nicht überall gleich groß sei. Das bestätigt im Übrigen auch die EY-Erhebung.
Weniger Werber

Die Zahl der Beschäftigen inklusive der geringfügig Beschäftigen ist laut Wirtschaftskammer Österreich im Dezember 2020 im Bereich Werbung und Marktkommunikation um 1.877 Personen zurückgegangen – das entspricht einem Minus von 5,3% im Vergleich zum Vorjahresmonat. In der Sparte Information und Consulting wird ein Zuwachs von 1,3%, das sind 3.110 Stellen, verzeichnet.

Aber: Auch Arbeitskräfte von außerhalb Österreichs werde man für den kurzfristigen Bedarf brauchen. „Hier ist es notwendig, bürokratische Hürden für Arbeitskräfte aus EU-Drittländern abzubauen. In der Praxis ist es schwierig und bürokratisch, Experten aus dem Ausland zu engagieren. Diese können ihre Qualifikation nicht immer mit entsprechenden Zeugnissen nachweisen. Ohne den fehlenden formalen Nachweis sind die Kriterien für eine Schlüsselarbeitskraft nicht zu erfüllen“, beschreibt Mrazek eines der Probleme. Erschwerend komme in der Praxis hinzu, dass die Qualifikationsstandards in Drittstaaten von den EU-Kriterien abweichen. „Dabei geht es einfach darum, gute Programmierer beschäftigen zu können, die über die notwendige Qualifikation verfügen“, so der Obmann.
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