Hanappi-Egger: "Das Wirtschaftswissen ist unb...
 

Hanappi-Egger: "Das Wirtschaftswissen ist unbefriedigend"

Klaus Vyhnalek
Seit Oktober 2015 ist Edeltraud Hanappi-Egger die erste Rektorin der WU Wien.
Seit Oktober 2015 ist Edeltraud Hanappi-Egger die erste Rektorin der WU Wien.

WU-Rektorin Edeltraud Hanappi-Egger gibt Einblick in die künftigen Strategien und Aufgabenstellungen am Campus im Wiener Prater.

Dieses Interview wurde zuerst in der bestseller-Ausgabe 2/2016 veröffentlicht. Lesen Sie den aktuellen bestseller, ein Magazin des Manstein-Verlags, das die Herausforderungen von morgen und übermorgen in den Fokus rückt, auf www.bestseller.at. Die nächste Ausgabe erscheint am 23. Juni 2016. Hier geht's zur Abo-Bestellung.  

Die österreichischen Universitäten ­schneiden in internationalen Rankings meist recht bescheiden ab. Die WU Wien ist da ein Ausnahmefall. Wo sehen Sie als ­Rektorin die Wiener WU im internationalen Vergleich?
Edeltraud Hanappi-Egger: Die WU ist eine exzellente Bildungs- und Forschungsinstitution von internationalem Ruf. Gerade Akkreditierungen und Rankings unterstützen dabei, als Partnerin in internationalen Netzwerken wahrgenommen zu werden. Die WU trägt drei renommierte Akkreditierungen, EQUIS, AACSB und AMBA, und zählt damit zum exklusiven Kreis von nur 73 Wirtschaftsuniversitäten weltweit mit diesen Auszeichnungen. Alle drei Akkreditierungen stehen für höchste Qualität in Lehre, Forschung, aber auch in der ­administrativen Unterstützung. Um diese Zertifizierungen auch langfristig halten zu können, sind wir immer wieder aufgefordert, Prozesse und Abläufe zu hinterfragen, zu evaluieren und zu verbessern. So gelingt es uns auch, unser hohes Qualitäts­niveau zu gewährleisten. Die WU ist in ­einer Vielzahl von unterschiedlichen Rankings vertreten und freut sich über gute Platzierungen, wie Platz 13 von 80 gereihten ­europäischen Wirtschaftshochschulen im Financial-Times-„Master in International Management“-Ranking.




Welche Strategie haben Sie sich für die Weiterentwicklung der WU Wien zurechtgelegt? Wie wird die Universität mit dem Spannungsfeld zwischen steigenden Hörerzahlen und parallel dazu wachsenden ­Herausforderungen an sozial- und wirtschaftswissenschaftlich ausgebildete Akademiker umgehen?
Hanappi-Egger: Ich glaube, dass es in der Lehre einen Paradigmenwechsel braucht, damit wir unsere Studierenden gut auf neue Anforderungen im Berufsleben vorbereiten. Das beginnt bei der Frage, wie wir zu einer besseren sozialen Durchmischung der Studierenden kommen. Aber wir müssen auch darüber nachdenken, welche Lernkultur und welche Interaktionsformen Bildung und Persönlichkeitsentwicklung ermöglichen. Einen ersten Schritt haben wir bereits umgesetzt, indem wir zu Beginn des Bachelorstudiums von Großlehrveranstaltungen im Rahmen der Möglichkeiten auf kleinere Gruppen umgestellt haben. Viele junge Menschen fühlen sich gerade am Anfang an einer so großen Universität wie der WU verloren. Daher machen wir auch verschiedene ­Beratungs- und Mentoringangebote. ­Wirtschaftswissenschaftlich ausgebildete Akademikerinnen und Akademiker der Zukunft brauchen eine breite und interdisziplinär angelegte, aber vor allem wissenschaftlich fundierte Berufsvorbildung. Das heißt, nicht nur Grundlagenwissen, sondern auch die Fähigkeit des interdisziplinären Arbeitens, lösungsorientierte Denkweisen und kritisches Reflexionsvermögen müssen gefördert werden. 




Viele Universitätslehrer beklagen seit ­Jahren das schwache Wissensniveau der Neuinskribierten, vor allem auch im ökono­mischen Basiswissen und im wirtschafts­politischen Basisinteresse. Teilen Sie diese Erfahrungen beziehungsweise Klagen über das sekundäre Bildungswesen in Österreich?
Hanappi-Egger: Tatsächlich zeigen Forschungsarbeiten, die an der WU durch­geführt werden, dass es um das allgemeine Wirtschaftswissen in Österreich nicht gut bestellt ist, also dass viele über einfache wirtschaftliche Grundbegriffe und Zusammenhänge nicht Bescheid wissen. Das ist schade, weil ja jede einzelne Person in ­ihrem Alltagsleben wirtschaftlich handelt.




Alle einschlägigen Untersuchungen attestieren den Österreichern ein unterdurchschnittliches Wissen rund um wirtschaftliche Zusammenhänge. Noch immer glauben gut 20 Prozent der Österreicher, die Landwirtschaft sei der wichtigste Wirtschaftszweig. Was kann aus Ihrer Sicht zu einem besseren Verständnis des Ökonomischen hierzulande getan werden?
Hanappi-Egger: Dazu bedarf es eines Umdenkens, welche Inhalte an junge Menschen vermittelt werden. Je besser die Grundlage ist, desto besser ist natürlich später das Verständnis und Wissen um wirtschaftliche Zusammenhänge. An der WU bemühen wir uns zum Beispiel schon im Rahmen der Kinderuni, dass das Interesse der Kinder an Wirtschaftsfragen geweckt wird. Als Rektorin einer WU würde ich mir natürlich ein eigenes Unterrichtsfach Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in der sekundären Schulstufe wünschen. ­Dieses Fach sollte nicht nur die Grundlagen, sondern auch die Gestaltungsmöglichkeiten von Wirtschaftsräumen beinhalten.




Welche Rolle spielen die Medien und wie werdenden angehende Akademiker an der WU an den Medienkonsum in seinen viel­fältigen Facetten herangeführt?
Hanappi-Egger: Dass Medien eine große Rolle spielen, ist wohl unbestritten. ­Natürlich bemühen sich vor allem ­Qualitätszeitungen und Fachmagazine, ökonomische Zusammenhänge seriös zu beleuchten und Themen für ihre Leser verständlich aufzubereiten. Gleichzeitig ist die neue Generation der Studierenden schon sehr mediengewöhnt, vor allem hinsichtlich neuer Medien. Medien und deren Einfluss, vor allem die öko­nomischen Zusammenhänge oder aber recht­liche Aspekte, werden unseren ­Studierenden in unterschiedlichsten Lehrveranstaltungen, wie im Wahlfach „Medienökonomik“, vermittelt.




Wie sehen Sie die heimische Berichterstattung über Wirtschaftspolitik und Unternehmenspolitik im internationalen Vergleich?
Hanappi-Egger: Meiner Beobachtung nach fehlt es in der Berichterstattung oft an ­einer grundlegenden Aufbereitung der Themen, was vermutlich dem Zeitdruck geschuldet ist. Ich merke das daran, dass Medienanfragen an WU-Experten oft ex­trem kurzfristig kommen und kurze prägnante Aussagen gesucht werden. Gerade in den Wirtschaftswissenschaften ist es aber so, dass es da verschiedene Diskursstränge gibt und ein Problem daher aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden muss. Es wäre vielleicht lohnenswert, ein Format zu haben, das genau das erlaubt. 




Welche Bedeutung sollte der Medien­konsum für Manager im Hinblick auf ihre Führungsfunktion haben? Viele Führungskräfte fühlen sich ja von der tagesaktuellen Informationsflut überfordert und zeigen sich „froh, wenigstens die Fachinforma­tionen einigermaßen zu bewältigen“ …
Hanappi-Egger: Da gibt es zwei Ebenen: Zum einen brauchen Personen mit Führungskompetenzen natürlich selbst eine wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung, die sie befähigt, tagesaktuelle Informationen einzuordnen. Zum anderen steigt die Komplexität der wirtschaftlichen Zusammenhänge. Dann braucht es halt schon oft eine qualitätsvolle Aufbereitung der ­Informationen, mitunter gerade auch von Personen, die in der Wissenschaft und Forschung arbeiten.




Sie sind die erste Frau in der Rektoratsfunktion der Wirtschaftsuniversität. Für viele wohl ein Paradigmenwechsel – hat das zu Umstellungsproblemen bei oder mit Ihren Professorenkollegen geführt?
Hanappi-Egger: Das hat speziell an der WU vermutlich weniger damit zu tun, dass ich die erste Frau in dieser Funktion bin, sondern dass mein Vorgänger 13 Jahre im Amt war. Das ist natürlich eine große Umstellung für die WU-Angehörigen, aber zu Problemen hat es nicht geführt. Ganz im Gegenteil: Ich freue mich sehr über die positive Stimmung und die Lust auf Neues im Haus.

[Milan Frühbauer]
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