Ernest Kulhavy: Plauderei mit rüstigem Marke...
 

Ernest Kulhavy: Plauderei mit rüstigem Marketingpapst

Mag. Sebastian Reich
AUSTRIA, VIENNA -OCTOBER 04, 2017: Ernest Kulhavy (* 24. Dezember 1925 in Oderberg, Tschechoslowakei) ist ein österreichischer, emeritierter Universitätsprofessor für Marketing. Er war von 1989 bis 1991 Rektor der Johannes Kepler Universität Linz.
AUSTRIA, VIENNA -OCTOBER 04, 2017: Ernest Kulhavy (* 24. Dezember 1925 in Oderberg, Tschechoslowakei) ist ein österreichischer, emeritierter Universitätsprofessor für Marketing. Er war von 1989 bis 1991 Rektor der Johannes Kepler Universität Linz.

Als er in Wien das Studium Welthandel begann, schrieb man das Jahr 1947. Die Oper lag in Trümmern und um Marketing kümmerte sich noch niemand. Das änderte sich, als Professor Ernest Kulhavy in Linz das Institut für Internationales Marketing gründete und der Disziplin den Stellenwert gab, den Marketing auch heute noch hat.

Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 44 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Der Fotograf bittet ihn, fürs Shooting eine Treppe hinauf zu steigen – für Kulhavy ist das kein Problem. Zum Gespräch kommt er ohne Stock, die Stufen nimmt er ziemlich locker. Immerhin wurde der Mann im Dezember 90 Jahre alt, und zwar genau am 24. „Ein Christkind“, werden seine Eltern gesagt haben. Ein glückliches Christkind ist es geworden – bis ins hohe Alter. „Ich habe so viel Glück gehabt“, sagt er zurückblickend sehr dankbar.

Die Welt entdecken

Um die Welt zu sehen, wollte Kulhavy eigentlich Kapitän auf einem Handels- oder Passagierschiff werden. 1943 wurde er als 17-Jähriger eingezogen und als Matrose zur Marine abkommandiert. Zwei Jahre nach dem Krieg begann er sein Studium an der Hochschule für Welthandel in Wien. Auch später hatte Kulhavy wiederum Glück, seine Liebe zu großen Schiffen und die Sehnsucht nach der weiten Welt auszuleben. Man engagierte ihn, das Bordmarketing auf Kreuzfahrten unter die Lupe zu nehmen. Jobdeskription: vor Ort auf hoher See Qualitätschecks über Personal, Essen, Ausflüge, Kabinen und dergleichen zu erstellen. Durch seine Berichte konnten Verbesserungen durchgeführt werden und im Gegenzug bereiste Kulhavy als Gast kostenlos die Südsee, die skandinavischen Länder, schipperte rund ums Cap Horn und absolvierte die Atlantik-Überquerung. Auftraggeber waren einer seiner ehemaligen Studenten und ein Vizepräsident der jeweiligen Reederei. Überhaupt ist aus vielen seiner Studenten und Assistenten später richtig was geworden. Man denke nur an Hans Jörg Schelling, Christoph Leitl oder Günter Schweiger, um nur einige zu nennen. Viele bekleiden leitende Funktionen in Wirtschaft und Industrie. Und alle haben Kulhavys Marketinglehren inhaliert.

Marketing wird salonfähig

In Österreich war es Ernest Kulhavy, der das Wort Marketing erst bekannt und salonfähig machte. „Im angelsächsischen Raum kannte man den Begriff zwar schon“, erinnert er sich. „Bei uns hieß das aber schlicht Absatzwirtschaft. Das bedeutete allerdings nur verkaufen. Marketing ist ja viel mehr: Leistung, Entgeld, Kommunikation, Distribution und natürlich, ganz am Ende, Verkaufen.“ Am Anfang des Kapitalismus stand das Produkt und der Preis. Mehr nicht. Der Milchmann um die Ecke verkaufte einen Liter Milch, Punkt. Es gab keinen Wettbewerb, die Gruppe der Käufer hatte zu konsumieren, was angeboten wurde. Bald jedoch genügte es nicht mehr, nur zu verkaufen. Aus dem reinen Verkäufermarkt wurde ein Käufermarkt, der Konsument steuerte durch seine Wünsche den Handel, daraus entstand Unternehmensführung, sprich das Management. 1964 fand in der OECD in Paris eine Konferenz mit dem Titel ,International Conference of Management Education‘ statt. Der wichtigste Themenkreis für Kulhavy war ,The Integration of Management Development into University Education‘. Dann ging er auf Weltreise. In jeder Metropole – an Kalkutta oder Kuala Lumpur erinnert er sich besonders – hielt er sich vier Tage auf und besuchte den jeweiligen Handelsdelegierten, die Universität und ein Exportunternehmen aus Österreich, um die operativen Unterschiede der einzelnen Länder zu vergleichen. „Heute würde man das Global Marketing nennen,“ erklärt er.

Umtriebiger Lebensabend

Nach Linz treibt es ihn immer noch alle zwei bis drei Wochen. Er folgt Einladungen an seine geliebte Kepler-Universität, an der er 1966 das Institut für Internationales Marketing gründete und dort auch Rektor war. Mit vielen Studenten, auch in Wien, hält er ein reges Netzwerk aufrecht. Man trifft sich, tauscht sich aus, ganz privat und auch mal wissenschaftlich. Fürs Technisches am Computer kann er bis heute drei Damen des damaligen Sekretariats anrufen, die helfen ihm weiter. In seinem Smartphone sind 1.500 Namen, er wischt die endlose Adressenschlange herunter: „Einladungen habe ich für jeden Tag der Woche, einige muss ich wahrnehmen, aber abends mag ich nicht mehr gerne fortgehen. Das ist mir zu anstrengend.“

Zu Kaffee und Kuchen laden er und seine Frau Emilie aber immer noch gerne in ihr Haus in Pötzleinsdorf, gegenüber dem Schloßpark, ein. Unlängst hatten sie den 65. Hochzeitstag. Und dann sind da noch drei Töchter und acht Enkelkinder, die ihn auf Trab halten. Eine Seniorenresistenz ist derzeit kein Thema, man spricht zwar darüber, aber es wird nicht ernsthaft zur Kenntnis genommen. Sicher auch, weil die drei Töchter die Eltern bestens unterstützen. Zwischen sechs und acht Uhr, da schläft Emilie noch, steht er auf und setzt sich an den Computer, da hat er die besten Gedanken, da hält er fest, was ihm in den Sinn kommt, da plant er den Tag. Auf einer DIN-A4-Seite notiert er oben das Datum und wie viel Grad es draußen hat. „Und heute früh hab ich aufgeschrieben, wie ich mich auf diesen Interviewtermin vorbereite, wie ich mich verhalte“, erzählt er.

Fit hält er sich mit Gehen: „Wenn möglich täglich eine Stunde.“ Und wie hält man sich geistig fit? „Neugierig sein, Kontakte mit Menschen pflegen …“ ergänzt er. Besagte Treppe, eingangs erwähnt, befindet sich im Hotel de France. Das Restaurant ist sein zweites Wohnzimmer, hier hält Kulhavy Hof an seinem Lieblingsplatz am Fenster. Sein Lieblingssatz für eine Einladung lautet so: „Sollten Sie nach Wien kommen, würde ich mich auf eine Plauderei im Hotel de France sehr freuen!“ Er lächelt verschmitzt, das ist besonders bezaubernd und kommt jetzt immer öfter zum Vorschein. Her fährt Kulhavy mit dem 41er, genial ist die Wegstrecke. Die Station Pötzleinsdorf beginnt fast vor seiner Haustüre und die Station Schottentor endet am Hotel de France, beides sind Endstationen. Er setzt sich in die Bim und ist in 25 Minuten am Ziel – einfach sitzen bleiben. „Ich richte mein Leben jetzt auf den 41er ein, da hab ich am Weg die Bank, die Trafik und alles was ich brauche.“


Ernest Kulhavy macht nun, an seinem Lebensabend, nur mehr das, was ihm Freude bereitet und Langeweile kennt er nicht. „Jetzt bin ich ein echter Emeritus geworden, der keine Ratschläge mehr erteilen will“, schmunzelt er. Aber plaudern immer wieder gerne. Und vor lauter Plauderei hat er tatsächlich vergessen, seinen Kaffee zu trinken.

[Suzanne Sudermann]
stats