Eine Kleine-Agentur-Geschichte
 

Eine Kleine-Agentur-Geschichte

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Österreich ist ein EPU-Land – ein Drittel der Mitglieder der Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation sind Ein-Personen-Unternehmen. HORIZONT hat ein typisches Ein-Frauen-Unternehmen, die Kleine Agentur, besucht.

Die Kleine Agentur ist ein typisches EPU, ein Ein-Personen-Unternehmen, wie es im Fachjargon heißt. Von diesen gibt es immer mehr, aktuell sind rund zwei Drittel der mehr als 8.000 Fachgruppe-Werbung-Mitglieder in Wien Kleinstunternehmer.

In Österreich gibt es mehr als 14.000 Unternehmer, die ­alleine tätig sind. Alexandra Fiedler-Lehmann führt ihr EPU, die Kleine Agentur, nun seit zehn Jahren und wagte sich nach der „klassischen Agenturkarriere“ mit 34 Jahren in die Selbstständigkeit.

Erste Sporen verdiente sich Fiedler-Lehmann, die für die Grüne Wirtschaft in der Fachgruppe aktiv ist, welche im Moment mit dem schwarzen Wirtschaftsbund am Ruder sitzt, bei Krupp & Reischer. Es folgte die „prägende Zeit“ im Pharmamarketing für das Werkstudio.

„Beides Agenturen, die es heute nicht mehr gibt, die aber ­damals in der Oberliga mitspielten. „Im Werkstudio waren ganze Regale voll mit gewonnen Veneres und ich habe dort eine gute Schule durchlaufen, lernte, wie man eine Marke solide aufbaut, ­sodass diese im Markt lange bestehen kann“, erzählt Fiedler-Lehmann. Es war die Hoch-Zeit der Werbung. „Es gab Zeit, Raum und Geld – und noch mehr Glitzer und Glamour“, lacht Fiedler-Lehmann, die heute vor allem auf Nachhaltigkeit in der Kundenbe­ziehung Wert legt und sich auf lokale Kleinstkunden spezialisiert hat.

„Nach dem Werkstudio wechselte ich zu den Guten“, meint die 44-Jährige, zu Global 2000. Die Thematiken des neuen Jobs haben Fiedler-Lehmann auch persönlich geprägt – so sitzt sie heute in einem Büro eines Hauses, das nach öko­logischen Kriterien erbaut wurde, ein Holz-Passivhaus mit Solarstrom und -wasseraufbereitung.

Auch für ihre politische Aktivität in der Kammer hat Fiedler-Lehmann einiges mitgenommen. Für Global 2000 setzte sie eine der erfolgreichsten Kampagnen des damaligen Jahres mit Jung von Matt um, doch diese musste zuerst hausintern positioniert und verkauft werden. So erinnert sich die Agenturleiterin, dass die Hälfte der 40 Mitarbeiter damals über alle Entwicklungen mitent­scheiden durfte, so auch über die besagte Kampagne. Die Telefonistin hatte das gleiche Stimmrecht wie der Geschäftsführer. „Das war absurd“, meint sie, „ich musste richtiggehend Lobbying betreiben.“

Ein gewagter Schritt

Kurz darauf wagte Fiedler-Lehmann den Schritt in die Selbstständigkeit. „Das war nicht einfach, denn ich konnte keinen Kunden mitnehmen, also nahm ich das Bezirksblatt zur Hand. Ich habe dann bei einigen, nein, vielen Unternehmen angerufen und gesagt, ich könnte ihren werblichen Auftritt verbessern“, schildert sie.

Im August 2004 wurde gegründet, im März 2005 verschickte die Jungunternehmerin ihre erste Rechnung – ins nördlichste Waldviertel an einen Landschaftsarchitekten. Heute ist Akquise Schnee von gestern, die Kleine Agentur lebt gut von Mundpropaganda und einem wie es scheint anziehenden Markenauftritt. Auf der Website lädt „ein gemütliches Häuschen“, Teil des Corporate Designs, zum Verweilen.

Aktuelle Kunden kommen aus verschiedensten Branchen, Zoologisch, altehandys.at, Autohaus Lehr oder Business-Berater Hofbauer sind nur ein paar. Die Aufgaben variieren von Corporate Design über Foldergestaltung, PR, Werbekampagnen bis Performance Marketing. Für Letzteres kooperiert Fiedler-Lehmann mit den großen, einer MediaCom etwa – „ab 20.000 Euro Budget sind wir dabei und werden hochqualitativ betreut“. Die Kleine Agentur verantwortet das Gesamtkonzept und vergibt weitere Aufträge an Profis, wiederum selbst meist EPU.

„Ich kann es mir nicht leisten, jemanden anzustellen, auch wenn sich bei mir regelmäßig neue Fotografen, Grafiker, Digitalprofis bewerben. Ich übergebe ihnen Aufgaben und sie agieren wiederum als EPU. Ein wenig beißt sich hier die Katze in den Schwanz“, so Fiedler-Lehmann, das ist ein Grund für die zunehmend wachsende Unternehmensgruppe.

Fiedler-Lehmann entwickelt auch neue Ideen: Neu im Portfolio ist die Unternehmensberatung, ausgerichtet auf Unternehmer, die das Thema Marke verstehen lernen wollen. „In den ersten Jahren musste ich meinen Kunden erklären, warum es besser ist, wenn sich ein Profi um die Erstellung von Kommunikationsunterlagen kümmert – anstatt des begabten Nachbarn. Heute will ich schon im Vorfeld an der Entstehung einer Markenpersönlichkeit beteiligt sein. Zum Zehn-Jahr-Jubiläum schenke ich mir eine Trainerausbildung am Wifi. Man muss sich ständig fordern, sonst bleibt man stehen“, glaubt sie.

Außerdem ist zum Jubiläum ein neuer Unternehmensblog auf der Website zu finden, der Tipps für Selbstständige gibt, Gesellschaftkritisch-Politisches, werbliche Highlights, aber auch mal ein Rezept der passionierten Köchin bietet.

Aktuell nimmt die Wirtschaftskammer einige Zeit in Anspruch, nicht nur weil bald Wahlen stattfinden. „Es macht Spaß, ich bin im Kontakt, am Puls der Zeit. Arbeitet man in keinem Coworking Space, fehlt manchmal der Austausch“, merkt Fiedler-Lehmann an.

So will das Team der Grünen Wirtschaft eine Professionalisierung, die Skill-Entwicklung junger Unternehmer vorantreiben. Im gemütlichen Frühstücksformat steht etwa Information und Netzwerken im Vordergrund. Immer bleibt ein kritisches Moment. „So wie ich auf meine Work-Life-Balance achte, hinterfragen wir als Grüne, wie Nachhaltigkeit in der Wirtschaft möglich ist, ohne ständig nur das Wachstum im Blick zu haben“, positioniert sich Fiedler-Lehmann.

Jungunternehmern und Start-ups gibt die Geschäftsfrau noch etwas mit auf den Weg: „Selbstdisziplin ist hochrelevant, ich muss mich täglich aufs Neue selbst motivieren. Die Selbstständigkeit braucht die Bereitschaft, zu lernen und Freude daran, sich stetig neu zu erfinden.“ Zehn Jahre als Kleine Agentur sind da durchaus eine Referenz, und als EPU ist Fiedler-Lehmann in Österreich in ­guter Gesellschaft.

Dieser Artikel erschien bereits am 3. Oktober in der HORIZONT-Printausgabe 40/2014. Hier geht’s zur Abo-Bestellung.

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