Interview: Psychologie der Krise: Auch das Ve...
 
Interview

Psychologie der Krise: Auch das Verhalten der Menschen hat mutiert

Markus Wache
Stephan Grünewald: "Die Spaltung zwischen denen, die sich gut im Lockdown eingerichtet haben und denjenigen, die unter existentiellen Ängsten und der räumlichen Enge leiden, nimmt zu."
Stephan Grünewald: "Die Spaltung zwischen denen, die sich gut im Lockdown eingerichtet haben und denjenigen, die unter existentiellen Ängsten und der räumlichen Enge leiden, nimmt zu."

Stephan Grünewald, Psychologe, Marktforscher, Managing Partner des Rheingold Instituts und Mitglied des Expertenrates Corona von Nordrhein-Westfalen, würde einen vierzehntägigen 'echten' Lockdown verhängen und danach mit Testungen kontrolliert öffnen.

HORIZONT: Herr Grünewald, in Ihrem Interview mit uns haben Sie vor einem Jahr hellseherische Fähigkeiten bewiesen. Denn Sie haben gesagt: Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird in den nächsten Wochen zunehmend bröckeln. Für die Politik wird es nun sehr viel schwieriger, den Prozess zu steuern. Die über alle politischen Parteien hinweg beschworene Einheit wird in den kommenden Tagen und Wochen Risse bekommen und es werden sich polare Fronten bilden: Virologen versus Wirtschaft, Freiheitsliebende versus Autoritätsgläubige, Junge versus Alte, Krisen-Gewinnler versus Krisen-Verlierer. Als damals größte Gefahr haben Sie erkannt, "wenn die Lockerungen wieder zurückgenommen werden müssen". Genau das ist geschehen, Lockerungen und Lockdown wechseln sich ab, allerdings erzielen sie die gewünschte Wirkung nicht mehr. Warum?
Stephan Grünewald: Nicht nur das Virus hat mutiert, sondern massiv das Verhalten der Menschen. Wir unterscheiden gerade zwischen drei Gruppen: jene, die im Freundes- oder Bekanntenkreis tragische oder tödliche Corona-Erlebnisse hatten und sich daher strikter als vor einem Jahr an alle Sicherheitsmaßnahmen halten. Das ist eine kleine Minderheit. Zwei Drittel der Bevölkerung verhält sich regelkonform, findet aber für sich und seine direkte Umgebung Schlupflöcher, wie man die Regeln interpretieren kann. Je mehr Spielraum die jeweiligen Regierungen da geben, desto größer werden die Schlupflöcher.

In Österreich darf man gerade 'eine enge Bezugsperson' treffen. Was halten Sie davon?
Das ist lebensfremd und halten die Menschen nicht über Wochen durch. Die Leute laden dann irgendwann doch Freunde nach Hause ein und machen einfach die Vorhänge zu. Im privaten Bereich tragen sie jedoch keine Masken und halten auch keinen Abstand ein. Da das Virus aber am Arbeitsplatz zirkuliert, tragen sie es so in die Haushalte und weitere Menschen stecken sich an.

In Österreich gibt es jetzt 24-stündige Ausgangssperren, allerdings mit einigen Gründen, das Haus doch zu verlassen.
Dann ist das keine wirkliche Ausgangssperre, denn viel mehr Gründe, das Haus zu verlassen, gibt es kaum. Das bringt alles sehr wenig und das sieht man ja auch bei den Zahlen.

Warum hat der erste Lockdown vor einem Jahr funktioniert?
Weil die Menschen damals angesichts der Bilder aus Bergamo eine fast panische Angst hatten. Diese Angst schwächt sich mit den Monaten ab. Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie nicht zur Gruppe der Gefährdeten zählen.

Kann man die Panik nochmals erzeugen?
Davon würde ich abraten, denn Panik zu erzeugen, schafft nur kurzfristig eine Verhaltensänderung, erzeugt langfristig aber Reaktanz oder Relativierung.

Sie haben bei Markus Lanz im ZDF davon gesprochen, dass in der Bevölkerung ein großer Vertrauensverlust entstanden ist. Warum eigentlich?
Politiker, die sich an der Maskenbeschaffung bereichern, ständig neue Ziele festlegen und Regeln aufstellen, die nicht nachvollziehbar sind, erzeugen kein Vertrauen. Auch die Schunkelbewegung, in der sich Deutschland befindet, ist abträglich: Die Kanzlerin will die Mobilität der Leute weitgehend reduzieren, Laschet tritt für kontrollierte Öffnungen ein, in jedem Bundesland gilt etwas anderes – die Menschen vermissen die klare Linie und verlieren zunehmend die Orientierung. Zudem fehlen die Erfolgserlebnisse, weil man sich wie in einer Zeitschleife fühlt.
„Ein solcher Zick-Zack-Kurs ist wenig hilfreich.“

In Österreich hat der Bundeskanzler vor laufender Kamera gesagt, dass der Handel offen bleibt, weil man sich beim Einkaufen nicht ansteckt. Ein paar Tage später haben der Gesundheitsminister und drei Länderchefs den Handel zugesperrt ...
Ein solcher Zick-Zack-Kurs ist wenig hilfreich. Aber offenbar ist es das gleiche Dilemma wie in Deutschland: Die einen wollen die Mobilität drastisch einschränken, die anderen kontrollierte Öffnungen. Wissenschaftlich belegt sind: "Draußen mit Abstand" ist ungefährlich, mit Maske steckt man sich beim Einkaufen nicht an, sehr wohl aber daheim in den eigenen vier Wänden.

Es gibt Psychologen, die skizzieren Szenarien, wonach Kinder irgendwann ihre Omas gar nicht mehr sehen wollen, weil ihnen das Unterbewusstsein dieses Gefühl verbietet. Teilen Sie diese Sorge?
Die Sorge kann ich nicht nachvollziehen. Aber ich finde es bedenklich, dass ein Drittel der Bevölkerung sich gut im Lockdown eingerichtet hat und durchaus Gefallen an der entschleunigten Zeit im kleinen Lebenskreis empfindet, in der die Selbstbezüglichkeit die oberste Bürgerpflicht geworden. Sie sind mitunter froh, nicht mehr reisen zu müssen und keine neuen Menschen mehr kennenzulernen. Die Spaltung zwischen denen, die sich gut im Lockdown eingerichtet haben und denjenigen, die unter existentiellen Ängsten und der räumlichen Enge leiden, nimmt zu.
„Am Anfang sicher, da gibt es große Nachholeffekte. Doch dann gehe ich eher davon aus, dass sich der Konsum auf niedrigerem Niveau stabilisiert.“

Wenn Sie Bundeskanzler wären, was würden Sie tun?
Einen zweiwöchigen, richtigen Lockdown verhängen, bei dem alle Betriebe, außer jene, die man zum Überleben braucht, gesperrt sind. Eine echte Ausgangssperre mit strengen Kontrollen und Sanktionen für alle. Spazierengehen nur mit Maske (wegen der Symbolwirkung). Danach muss es kontrollierte Öffnungsschritte mit sehr vielen Tests geben, damit man mehr Infizierte ohne Symptome findet, deshalb auch im Handel, obwohl da die Gefahr gering ist. Es geht darum, möglichst viel zu testen.

Glauben Sie, dass die Menschen wieder reisen, shoppen und essen gehen wollen?
Am Anfang sicher, da gibt es große Nachholeffekte. Doch dann gehe ich eher davon aus, dass sich der Konsum auf niedrigerem Niveau stabilisiert. Es wird nicht mehr so viele analoge Kongresse geben, dafür mehr Homeoffice, kleinere Büroflächen, die 4-Tage-Woche. Außerdem haben die Menschen wieder kochen gelernt. Das alles zusammen wird die Nachfrage nach Out-of-Home-Dienstleistungen verringern.

Das nächste Webinar mit Stephan Grünewald  findet am 13. April 2021 statt: Infos unter https://www.rheingold-marktforschung.de/rheingold-webinare
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