Zurück zur Haptik?
 

Zurück zur Haptik?

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Jenseits des HORIZONT

Sascha Lobo hat – etwas unscharf und narzisstisch – von der vierten digitalen Kränkung gesprochen: Der Mensch ist nicht mehr Herr über sich und seine ­Intimität. Big Brother und das globale Web wissen alles, können alles mitei­nander verknüpfen. Orwells 1984 ist 2014 längst überholt. Sascha Lobo, Prototyp der Free Generation, die sich vom Web 2.0 Zugang zu Wissen, Partizipation, neue Demokratisierungsprozesse und eine neue Kultur erwartet hatte, sieht sich und seine Hoffnungen als ­gescheitert, betrogen. Aus Freiheitschance ist Totalitarismus geworden. Eine Restauration, Biedermeierlichkeit der Rezeptionsästhetik findet offensichtlich wieder statt. Selbst die New York Times, Leuchtbild des Online-Journalismus, hat bei ihrem Relaunch zu einem konservativen, an das haptische Zeitungsoriginal erinnernden Layout zurückgefunden.

The Guardian, der im Papier gar keine Zukunft mehr sah, bietet jetzt an, die besten Online-Storys und Reportagen als Print-on-Demand zu erwerben. Argument: Komplexe Geschichten könne man auf Papier wesentlich besser und konzentrierter lesen als im Web. Die Vinylplatten erzielen Verkaufsrekorde, die Steigerungsraten bei E-Books schrumpfen, der Rückgang bei den ­gebundenen Büchern, insbesondere in der Belletristik, scheint gestoppt. Und die Zeit vermeldet erneut die höchste Verkaufsauflage aller Zeiten.
Facebook steigert die Reichweiten nur bei älteren Semestern und in den Schwellenländern, in den USA ist es bei den Jugendlichen längst out. Twitter kommt nicht so recht vom Fleck.

Zwei Restaurationen finden satt: eine – wahrscheinlich berechtigte – Aversion gegen Data Mining und Big Data, gegen Vorratsdatenspeicherung und präventive Datensammlungen. Und eine Sehnsucht nach dem Ein­fachen. Nach dem Do-it-yourself, dem Manufakturellen. Parallel dazu expandiert das Internet der Dinge. Maschinen und Maschinenteile interagieren miteinander, der Mensch bleibt außen vor. Das ist Beherrschung total. Homun­kulus in Reinkultur? Verkauft wird das Ganze unter dem Motto der Entlastung des Konsumenten. Dinge erledigen, reparieren und harmonisieren sich von selbst.
Fakt ist, dass trotz aller Nostalgie nichts mehr rückholbar ist. Die Entdeckung der Entschleunigung, die Rückbesinnung auf Werte, die versuchte und gesuchte Emanzipation aus den Social Communitys und Netzkraken ist Luxus-und Elitendiskurs.

Fakt ist aber auch, dass die erhofften Demokratisierungsprozesse nicht stattfinden. Längst haben die Diktatoren und Datenbeherrscher der Welt erkannt, welches Instrumentarium sie in der Hand haben. Facebook-Revolutionen und Aufstände wie bei der Arabellion waren einmal. Jetzt wird das Web zur Kontrolle und vorausberechnenden Machtintervention genutzt. Dagegen helfen weder Proteste, Appelle noch gutgläubige Sonntagsreden von Politikern, die eins zu eins in den Medien hoffnungsfroh wiedergegeben werden, etwas. Der sogenannte investigative Journalismus ist unreflektiertes Opfer seiner selbst geworden. Instrument, das gegen sich selbst benutzt wird.
Die analoge Revolte, so ausweglos sie auch scheinen mag, tut trotzdem gut. Sie erinnert an Don Quijote und Sancho Panza. Und das ist Weltliteratur. Und Topos.

[Jenseits des HORIZONT]
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