Zu gefühlsduselig oder einfühlsam? (Teil 2)
 

Zu gefühlsduselig oder einfühlsam? (Teil 2)

Kolumne von Walter Braun

Ob wir im ORF hören, dass in Afrika gerade fünf oder 500 Menschen an Hunger gestorben sind, macht psychologisch keinen Unterschied. Zeigt man uns aber ein bestimmtes Gesicht und nennt einen Namen, feuern unsere Einfühlneuronen. Manchmal zerfließen wir bei etwas Lächerlichem, ein anderes Mal bleiben wir unberührt angesichts von großen, aber fernen Tragödien. Unsere Gefühle reagieren also auf Nahes, Vertrautes. Wie psychologische Studien gezeigt haben, sind weniger einfühlsame Menschen aber nicht unbedingt moralisch schlechter. Cambridge-Professor Simon Baron-Cohen hat nachgewiesen, dass autistische Menschen moralisch handeln können, da sie oft ein starkes Verlangen haben, Regeln zu befolgen und sie fair anzuwenden.

Was beweist, dass Gefühle die Vernunft zur Korrektur brauchen und Empathie keineswegs als Basis für eine Ethik taugt, wie jüngst angeregt. Das wird offensichtlich, wenn es um etwas so Fernes wie die Erhaltung der menschlichen Zukunft geht: Wir reagieren nicht mit tiefen Gefühlen auf Dinge, die noch nicht existieren.

Wachsender Wissensstand, zunehmende Kontrolle über die Natur und ein allumfassender Wohlfahrtsstaat sollten uns extrem vernunftbetont machen. Dennoch ist unser Zeitalter auffällig gefühlsbetont und sehnsüchtig nach Irrationalem. Fantasy ist in Buch und Film die erfolgreichste Kategorie. In der New-Age-Bewegung breitet sich Glauben an Engel und Außerirdische sowie die Überzeugung aus, wir wären Mini-Götter, deren Gedanken die Kraft haben, Erwünschtes zu erschaffen (siehe den großen Erfolg von „The Secret“). Manche Soziologen meinen, das habe mit Religionsverlust zu tun, die neu-atheistische Bewegung ist gegen­teiliger Ansicht: Wir hätten noch zu viel ­Religion.

Manche beklagen eine Entzauberung der Welt. Anthropologen weisen auf Kontrollverlust hin – aber dank Internet und Computer ist das Individuum heute ermächtigt wie nie zuvor. Vielleicht liegt die Erklärung in der Politik beziehungsweise in der erzwungenen Globalisierung. Bis vor Kurzem war „Wissen“ immer lokaler Natur – nicht technisches Know-how, aber das viel wichtigere ­Wissen, wie man lebt und mit den Mitmenschen umgeht. Diese Frage ist in diversen Kulturen auf sehr unterschiedliche Weise beantwortet worden. Es existiert also keine globale Grundlage für menschliche Motivation und Moral. Menschenrechte sind zu abstrakt, um uns moralisch zu motivieren. Den ‚Einheitsbürger‘ wird es daher weder auf EU- noch Weltebene geben. Politik, Gesetzgebung und Wirtschaft tun aber so, als wäre dies unser unausweichliches Schicksal.

Was bei vielen zu ohnmächtigem Zorn führt. Wie wäre es sonst zu erklären, dass in Großbritannien ein ehemaliger Fußballkommentator Tausende von Anhängern hat, denen er erfolgreich verzapft, die Welt werde insgeheim von Reptilien regiert, die menschliche Gestalt annehmen können?

[Walter Braun]
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