Zerfleischung vor Publikum
 

Zerfleischung vor Publikum

Editorial von Sebastian Loudon

Simmering gegen Kapfenberg, das ist Brutalität“, meinte einst Helmut Qualtinger als Travnicek. Dieser Tage hätte er vielleicht eine andere Paarung herangezogen, nämlich den Kurier und die Gratiszeitung Heute, namentlich Helmut Brandstätter und Eva Dichand, die sich öffentlich über Leitartikel befetzen. Kostprobe?

„Es gibt freilich auch Medien, die sich anbieten, für gutes Geld artige Artikel abzuliefern. Und es gibt HerausgeberInnen, die Politiker unter Druck setzen: Entweder es gibt Kohle, oder es werden Watschen verteilt. Bis der jeweilige Politiker weich geklopft ist. Das alles wissen die Politiker und ihre Pressesprecher. Sie jammern darüber – und spielen weiter mit“, schrieb Brandstätter am 6. Mai und bat die Leserschaft um weitere Belege für Medienkorruption, und zwar mit den Worten: „Beweisen können wir es jetzt durch Dokumente und Aussagen ehemaliger Vorstände (von Asfinag und ÖBB, Anm.). Weitere Hinweise nehmen wir gerne entgegen, Diskretion garantiert.“

Eva Dichand fühlte sich – obwohl weder das Medium noch sie namentlich genannt wurden – offensichtlich angesprochen und konterte am 10. Mai in einem ihrer seltenen redaktionellen Beiträge, direkt an „Lieber Herr Dr. Brandstätter“ gerichtet, praktisch wortgleich: „Was sie vergessen zu erwähnen: Haupteigentümer des Kurier ist Raiffeisen. Viele Menschen in diesem Land klagen über die direkte Einflussnahme von ÖVP und Raiffeisen auf den Kurier. Beweisen können wir diese Einflussnahme durch Aussagen ehemaliger Mitarbeiter, die Anrufe mit konkreten Anweisungen erhielten. Weitere Hinweise nehmen wir gerne entgegen, Diskretion garantiert.“

Was sagt uns dieser Zweikampf? Nun erstens: Die Nerven liegen blank. Und zweitens: Die Werbeausgaben der öffentlichen Hand geraten im Zuge der Diskussion um Transparenz bei Regierungsinseraten zunehmend insgesamt in Misskredit. Da wird erstens das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, und es werden, zweitens, bewusst Äpfel mit Birnen verglichen, um möglichst viel Verwirrung zu stiften.

Brandstätter prangert an, dass laut ehemaligen Managern von ÖBB und Asfinag Inseratenaufträge aus dem Verkehrsministerium bestellt wurden – die staatsnahen Konzerne also Erfüllungsgehilfen und Financiers der Werbeaktivitäten des zuständigen Ministers waren. Ein untragbarer Zustand, nicht vereinbar mit dem Gesetz und unbedingt aufklärungsbedürftig.
Und wie kontert Dichand? Indem sie höchst öffentlichkeitswirksam dem Kurier vorwirft, er habe im Jahr 2010 laut Focus Media Research insgesamt „734.544 Euro alleine von der schwarzen Wirtschaftskammer“ erhalten. Als wäre das allein schon ein krimineller Tatbestand.

Diese öffentliche Selbstzerfleischung der Zeitungen führt vor allem dazu, dass die Bevölkerung noch weniger Vertrauen in die Politik und noch weniger Vertrauen in die Medien hat. Es ist schon für Brancheninsider nicht immer einfach, zwischen legitimer Kommunikationsarbeit von politiknahen Institutionen und plumper Medienkorruption zu unterscheiden.

Den unbedarften Lesern bietet sich nun zunehmend ein verheerendes Bild: alles bezahlt, bestellt, ausgedealt und korrumpiert. Die Glaubwürdigkeit von Politik und Medien geht vor die Hunde, und unter Heranziehung der Bachmannschen Prämisse, dass die Wahrheit den Menschen zumutbar sei, muss man sagen, so weh das auch tut: Es ist eigentlich gut so. Denn wer mit seiner Glaubwürdigkeit so leichtfertig umgeht, hat sowieso nicht verdient, dass man ihm vertraut.
stats