Zehn Jahre geselliges Wissen
 

Zehn Jahre geselliges Wissen

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Kommentar von Sarah Obernosterer

Am 15. Jänner 2001 wurde für die Informationsgesellschaft die Tür zu einer neuen Ära aufgestoßen: Mit wikipedia.org ging eine Art Versuchs- Nachschlagewerk online, das das bisherige Verständnis der Wege von Botschaften ein für allemal auf den Kopf stellen sollte. Plötzlich genügte der Zugang zum WWW, um an der Gestaltung eines Online-Lexikons, dessen Erfolg andere etablierte Nachschlagewerke bald ins Straucheln bringen sollte, teilzuhaben. Dass dies „der“ Erfolgsgarant schlechthin war, mussten die Initiatoren und Projektgründer Jimmy Wales und Larry Sanger kurz vor dem Launch schmerzlich am eigenen Leib spüren – denn das Wikipedia-Vorläuferprojekt Nupedia, bei dem nur ausgewiesene Experten ihr Wissen zum Besten geben durften, war ein Flop.

Wissenschaftliche Diskurse wichen mit Wikipedia interessensgelenkten Informationen, allein im ersten Monat kamen so 600 Artikel zusammen. Mit der Masse sank trotz redaktioneller Überwachung der Betreiber die Qualität, der Diskurs war schon lange kein erklärbarer mehr. Denn jeder der Autoren verfolgt mit seinem Eintrag gewisse Ziele oder kommt den Aufträgen seines Arbeitgebers, nicht selten jenen von politischen Organisationen, nach. Wikipedia-Einträge zu erstellen, gehört nicht selten zum Jobprofil. Kontrolle nach Richtigkeit oder Ausgewogenheit kann bei Millionen von Einträgen nicht mehr ernsthaft gewährleistet werden.

Aber: Das Wissen liegt nicht nur metaphorisch, sondern tatsächlich in den Händen der Gesellschaft. Selbstregulative greifen, die Beiträge dienen als Vergleichsgrundlage, nicht als Fakten. So lange dieses Bewusstsein besteht, hat in einer Welt, in der jeder ohnehin alles teilt, natürlich auch ein Mitmach-Lexikon nach wie vor seine Berechtigung.
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