Wozu sind Tageszeitungen eigentlich noch gut?...
 

Wozu sind Tageszeitungen eigentlich noch gut? (3)

Kommentar von Walter Braun

So wie viele ihr Festnetztelefon zugunsten von Handys aufgeben, werden zumindest die Jungen die Tageszeitung in Papierausgabe hinter sich lassen. Mit dem Durchmarsch von Tablet-Computern wird Print zum ersten Mal in seiner Geschichte einen Einschnitt erleben. Wie es aussieht, ist das Medium Tageszeitung dabei, sich zweizuteilen: Einerseits wird es zum Wegwerfprodukt, wobei Blätter wie Metro (Tageszeitung ist vielleicht zu hoch gegriffen) hauptsächlich gedruckte Werbung sind, zusammengehalten durch ein Mäntelchen von Nachrichten und Artikeln, ohne den geringsten Anspruch auf Leser-Blatt-Bindung.

Andererseits beginnen täglich erscheinende Titel, sich auf ein Wochenzeitungsformat zurückzuziehen. Gerade vor wenigen Tagen gab die Times-Picayune, die einzige Tageszeitung in der Stadt New Orleans, bekannt, nur noch dreimal in der Woche zu erscheinen. Immerhin hat die größte Stadt des US-Bundesstaates Louisiana 340.000 Einwohner (ist allerdings seit dem Zusammenbruch im Gefolge des Wirbelsturmes Katrina im Jahr 2005 verarmt: Davor hatte die Zeitung eine Auflage von 260.000 Exemplaren, nun sind es 130.000).

Die börsenotierte Johnston Press, die in Großbritannien 300 regionale Zeitungen besitzt, hat als Strategie für die kommenden Jahre folgende Losung bekanntgegeben: Die Digitalausgaben rangieren an erster Stelle, wobei der Webzutritt und Apps gratis bleiben, während es eine iPad-Version ausschließlich im Abo mit der gedruckten Ausgabe gibt. Die Print-Titel erscheinen allesamt nur noch wöchentlich.

Es ist nicht der digitale Vertrieb alleine, der Print zusetzt. Soziale Medien üben starken kommerziellen Druck aus: Facebook wird in diesem Jahr über drei Milliarden Dollar einnehmen – Werbegelder, die etablierten Medien verloren gehen. Diese Entwicklung ist auch für den Journalismus schädlich, wenn Zeitungen ihre Nachrichten via Facebook hinaustrompeten, wodurch solche Plattformen enorm wichtig für Weiterempfehlungen werden (die Gefahr besteht, dass dann Werbegelder dort landen und nicht beim Schöpfer der Meldung).

Ende April traten Google und Facebook bei einer Konferenz auf, und beide kritisierten die klassische Präsentation von Artikeln als überholt. Vor zwei Jahren hatte sich Google mit dem Projekt „Living Stories“ versucht, hat aber das Experiment mit den „fortlaufenden Geschichten“ einstellen müssen. Nun erlebt die Idee beim Wall Street Journal in Form von „Streaming Stories“, wo parallel zu der konventionellen Meldung Live-Updates erscheinen, ihre Wiedergeburt. Wenn nun Links und Updates und Interaktivität zur allgemeinen Erwartung werden: Welcher Stellenwert verbleibt dann einem täglich gedruckten Blatt? Verkommt die Printausgabe zum bloßen Werbemedium, wo Schlagzeilen nur den Zweck haben, auf die Online-Story zu verweisen? Wird sich in der Folge die digitale Tageszeitung in Nischenprodukte aufspalten, da die Nutzer es satt haben, sich via Homepage zu Geschichten durchquälen zu müssen? (Fortsetzung folgt.)

[Walter Braun]
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