Woher kommen plötzlich all die Untoten?
 

Woher kommen plötzlich all die Untoten?

Kolumne von Walter Braun

Abgesehen von übermenschlichen Fähigkeiten und übersinnlichen Erscheinungen (siehe April-Kolumne „Wenn Drachen erwachen …“), beschäftigt sich der zeitgenössische Film mit einem ­anderen auffälligen Phänomen: den Un­toten. Vor Kurzem ist mit „World War Z“ ein Hollywoodschinken in die Kinos gekommen, in dem Brad Pitt die Welt vor Zombies retten darf. Dieser cineas­tische Trend währt schon eine ganze Weile. Was ist der tiefere Beweggrund, dass uns Wesen faszinieren, die wie Menschen aussehen, aber innen dumpf und leer sind und nur aufgrund automatischer Impulse agieren? Ist das ein Bild des Menschen, das die moderne Biologie zeichnet, mit ihren hemmungslos und blind agierenden Genen?

Der erste moderne Zombie-Film, mit relativ harmlosen Untoten, kam 1968 in die US-Kinos – George Romeros „Night of the Living Dead“. Das Motiv ist seither Hunderte Male imitiert worden. In Chicago gibt es mittlerweile einen Uni-Kurs „Zombies in Popular Media“. Zu erbitterten Monstern wurden die Zombies in Danny Boyle’s Streifen „28 Days Later“ (2002): Die lebenden Toten waren nun gefährlich und man konnte sich an ihnen in Sekundenschnelle anstecken. Dann gibt es noch eine Reihe von Zombie-Filmen, in denen die Menschheit als dumm dargestellt wird (die Verteidiger vergeuden ihre letzte Munition, indem sie wirkungslos Kugeln in die Körper der Untoten jagen – anstelle eines Kopfschusses, der sie stoppen würde).

Seelenlose, gierige Ungeheuer; Zerstörung der Umwelt; grenzdebile Menschen, die angesichts einer tödlichen Gefahr versäumen, miteinander zusammenarbeiten – inwieweit sollte das ein Spiegelbild unserer Zeit sein? Dass Romero seinen zweiten Film, „Dawn of the Dead“ (1978), in einem Einkaufszentrum spielen lässt, ist kein Zufall: Aber symbolisiert der zeitgenössische Verbraucher in seiner massenhaften, mechanischen Einkaufswut wirklich einen seelenlosen Untoten? In der brillanten britischen Parodie „Shaun of the Dead“ (2004) bemerkt der Protagonist kaum, dass die Welt von Zombies übernommen worden ist – so ziellos und geistesabwesend ist seine Existenz.

Man könnte den Vorwurf erheben, die Menschheit reagiere auf die Gefahr einer Klimaveränderung zu unentschlossen; doch diese entwickelt sich nur sehr langsam und stellt keine so unmittelbare Gefahr da wie ein Killer. Steckt vielleicht hinter all den apokalyptischen Filmen ein tiefer Wunsch, unsere Gesellschaft von den Grund­festen auf neu zu errichten? Wenn wir als Menschheit scheitern, dann sicher nicht aufgrund fehlender Technik (ein typischer US-Aberglaube), sondern an menschlichen Unzulänglichkeiten. Etwa infolge fehlgeleiteter Politiker, die, anstatt Mitmenschlichkeit und ­Zusammenarbeit zu fördern, nur Sektierertum anstacheln. Aus dieser Sicht würden Zombie-Filme in der arabischen Welt in der Tat zeitgemäß wirken; fragt sich aber, auf welche Weise das auf ­unsere Breiten zutrifft …?

[Walter Braun]
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