Wo sitzt der Wurm in der Wirtschaft? (3)
 

Wo sitzt der Wurm in der Wirtschaft? (3)

Kolumne von Walter Braun

Trotz Wachstumsverlangsamung in China und Turbulenzen auf den ­Aktienmärkten gibt es Gründe, optimistisch zu sein. Der IMF meint, die Weltwirtschaft sollte 2016 um 3,8 Prozent wachsen. Zudem steigt der Iran wieder in den internationalen Ölhandel ein. Ein Grund, warum die Weltwirtschaftskrise sich nach 2008 so lange dahinzog, war der extrem hohe Ölpreis (100 Dollar für das Fass zwischen 2011 und 2014). Ein Fall von 100 auf 50 Dollar Fasspreis erspart den Erdölimportländern rund 1.700 Milliarden Dollar pro Jahr – der Unterschied zwischen einer funktionierenden und einer kränkelnden Wirtschaft. Ökologische Anforderungen plus technische Durchbrüche bei erneuerbaren Energien plus effizienter Energie könnten außerdem zur Folge haben, dass das Erdöl-Zeitalter endlich zu Ende geht.
Dennoch läuft die Wirtschaft ­unrund. Das hat eine markante Ursache. Zwischen 1990 und 2007 wuchs der Welthandel im Schnitt um fast sieben Prozent pro Jahr, zuletzt um nur vier Prozent. Immer noch beachtlich. Doch nun wartet die holländische Denkfabrik CPB mit einem Schock auf: Der Umsatz im Welthandel legt nicht länger zu, jüngst ist er sogar gefallen.

Ökonomen suchen nach klas­sischen Ursachen wie Handelsbeschränkungen, Sparneigung und mangelnder Risikofreude. Es könnte aber einen viel radikaleren Grund geben: Privater Konsum hat in den Wohlstandsländern den Höhepunkt überschritten. Zum Teil freiwillig, zum Teil aus Not. Freiwillig, weil die Wohnungen und Häuser der Baby-Boomer ohnehin mit Dingen vollgestopft sind.
Die Jahrhundertwende-Generation hat andere Sorgen: zu wenig beziehungsweise schlecht bezahlte Aushilfsarbeit, hohe Mieten, exzessive Sozialabgaben/Steuerbelastung. Das Einkommen der Selbstständigen ist permanent unter Druck (Uber-Fahrer bringen sicher weniger nach Hause als Taxler in einem geschützten Gewerbe).

Die Jungen müssen eine großzügige Umverteilung zu den Oldies finanzieren, ohne je selbst in einen vergleichbaren Genuss zu kommen. Hier hat sich eine massive Ungleichheit zwischen den Generationen aufgetan. Das dämpft die Stimmung. Was auch erklärt, warum die junge Generation sich nicht lebenslang für Immobilien verschulden will. Sie muss ihre Fixkosten gering halten, weshalb diese Kohorte auf Autos als Statusanzeige verzichtet. Wenn sie Geld ausgibt, dann für Erlebniskonsum – Restaurants, Unterhaltung und Reisen boomen seit Jahren. Viele haben aufgehört, hohen Einkommen (und Statuskonsum) nachzujagen; Freizeit ist wichtiger.

Am lockersten sitzt die Brieftasche bei jungen Familien. Sollten die Mil­lennials aus ökonomischen oder psychologischen Gründen weniger Kinder ­haben, würde der Konsum weiter zurückgehen.

[Walter Braun]  
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