Wo ist der Wurm in der Wirtschaft? (1)
 

Wo ist der Wurm in der Wirtschaft? (1)

Kolumne Walter Braun

Selbst jene Länder, die nach der großen Flaute endlich Wirtschaftswachstum verzeichnen, wirken verhalten. ­Nirgendwo Töne von einem bevorstehenden Boom. Stattdessen Zinsen auf Rekordtiefe – und hinausgeschobene Ankündigungen, den Zinssatz ein ­wenig erhöhen zu wollen. Irgendetwas haut da nicht hin, aber was?

Was das Thema noch problematischer macht, ist eine scheinbar unaufhaltsame Entwicklung der letzten 15 bis 20 Jahre: Gibt es Wirtschaftswachstum, dann gehen die Früchte über­proportional stark an eine kleine und noch dazu schrumpfende Gruppe. Der Winner-takes-it-all-Effekt scheint ­sowohl ein Grundzug der Digitalwirtschaft als auch der globalisierten Konkurrenz zu sein. Es plagt die westlichen Gesellschaften also nicht nur der Ausblick auf anhaltend schwaches Wachstum, es drückt auch zunehmende Ungleichheit den politischen Schuh. Die bisherige Lösung – den Verlierern der Globalisierung unter die Arme zu greifen – ist nicht länger gangbar.

Als im 19. Jahrhundert die westlichen Gesellschaften zuerst in Großbritannien, dann Amerika, Deutschland und Frankreich starkes Wachstum ­erzielten, gab es einen anhaltenden Strom an Neuerungen. Es war das ­Zeitalter der Innovationen. Erfindungen und Entwicklungen kamen aus ­allen Gesellschaftsschichten, waren also nicht bloß gut bestallten Erfindern vorbehalten. Die Digitalwirtschaft schien ähnliche Umstände zu erzeugen: Junge, talentierte Menschen ohne Zugang zu viel Kapital konnten mit neuen Websites, neuen Medien oder neuen Geschäftsmodellen (und später neuen Apps) erfolgreich sein.

Der Traum währte nicht lange; die Zugangsbarrieren sind heute ähnlich hoch wie in anderen Bereichen der Technik. In der Digitalwelt ist für große, wirtschaftsverändernde Durchbrüche von unten der Zug abgefahren. Ergo sollte eine Suche nach Neuem beginnen; tut sie aber nicht.
Anders gesagt: Der Westen leidet unter einer Kreativflaute. Sichtbar in den Kunsthallen (die ausgeleierte ­Biennale in Venedig ist typisch), im Hollywood-Ausstoß von verfilmten ­Uralt-Comics, und in den Werbeagenturen, wo Big Data plötzlich alles bestimmt (laut Martin Sorrell sind Werber nun „math men not Mad Men“). So flau wie der Wunsch, mutig und kreativ zu sein, ist die ökonomische Dynamik.

Eine neue Gründerwelle braucht Entschlossenheit; zurzeit ist eher eine Stimmung der Zaghaftigkeit und Resignation zu registrieren (die politische Extremisten anlockt wie Zuckerwasser die Bienen). Die Arbeitslosigkeit bleibt hoch, die Arbeitsplatzzufriedenheit ist gering. Überall Zeichen der Müdigkeit und Enttäuschung. Selbst in unsicheren Ländern wie Mexiko, Brasilien oder Kolumbien ist der Optimismus größer als in Europa.

(Fortsetzung folgt)
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