Wir sind ja morgen auch noch da
 

Wir sind ja morgen auch noch da

Glosse von Philipp Wilhelmer

Schon seit geraumer Zeit entpuppt sich das Internet im Leben der Menschen als eine relativ raumfüllende Angelegenheit. Man steht auf, geht online, geht ins Büro, geht online, am Weg dorthin ist man online, zu Hause ist man online und vor dem Einschlafen geht man noch mal schnell – ins Internet. Das Netz allein wurde den Menschen aber zu fad, weil sie sich lieber vernetzen, um gemeinsam zu lachen, zu philosophieren oder zu spotten. Und dafür erfanden die digitalen Götter die sozialen Netzwerke, allen voran Facebook und Twitter. Binnen kürzester Zeit hatte dies zur Folge, dass jene, die Themen bei den Menschen da draußen platzieren oder vielleicht sogar selbst Thema sein wollten, tunlichst auf diesen Plattformen eine Rolle spielen mussten. (Sollte der Text bisher sehr banal klingen, warten Sie auf den Schluss.) Für Journalisten, die ihr Ohr am Gleis der Zeit haben, gibt es also einen neuen, wichtigen Marktplatz, wo sie erfahren können, was die Menschen bewegt und vielleicht schaffen, selbst eine Rolle in deren Leben zu spielen.

Kürzlich stellte sich also der künftige Chefredakteur des Spiegel bei seinen neuen Mitarbeitern vor. Wolfgang Büchner, derzeit bei der dpa, gilt als Social-Media-Vorreiter, der sich bei Einstellungsgesprächen angeblich schon mal nach dem Twitter-Account seines Gegenübers erkundigt. An der Stätte seines neuen Wirkens fragte ihn die Mannschaft erwartungsgemäß Wesentliches – man ist ja schließlich beim Spiegel. ­„Müssen wir jetzt twittern?“, wollte die Mannschaft also wissen. Als Büchner die versteckte Kamera nicht fand, antwortete er: Nein, keine Sorge. Wir sind ja morgen auch noch da.

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