Wir können entschlossen vorwärts gehen, …
 

Wir können entschlossen vorwärts gehen, …

Kolumne von Walter Braun

… wenn wir wissen, wer wir sind. Nach der Sonntagswahl in Deutschland wirddas Land sich fragen, ob und wie es die unfreiwillige Führungsrolle in Europaübernehmen will. Wie immer steht die Ökonomie im Vordergrund – aber nur,weil wir zugelassen haben, dass Ökonomen mit ihrer geschrumpften Sichtder Dinge unser Weltbild bestimmen. Auf diese Weise schleppen wir unsvon Wahlkampfzuckerl zur nächsten Steuererhöhung, während rundum die Verdrossenheit zunimmt.

Europa hat irgendwie an Seele verloren. Was kennzeichnet unsere Identität? Christen werden geneigt sein, ins Jahr 380 zurückzugehen, als im altrömischen Reich das Christentum zur Staatsreligion aufstieg. In Deutschland wird man vielleicht an Karl den Großen und das Jahr 800 denken, als er römischer Kaiser und mächtigster Mann Westeuropas wurde.

Ich hätte ein anderes Datum anzubieten: 1410, als Heinrich der Seefahrer (Sohn des portugiesischen Königs) am allerletzten Zipfel seines Landes eineAkademie für Eroberer der Meere einrichtete … und damit das Tor für diegewagten Entdeckungsreisen öffnete, die den alten Kontinent reich undmächtig machen sollten. Zu dieser Zeit waren in Europa Gewürze ungemeingefragt, nicht bloß als Speisewürze, sondern auch für Konservierungszweckeund medizinische Behandlung. Eine Schiffsroute entlang Afrika RichtungIndien zu finden, hatte den Zweck, die Mittelsmänner und Zollforderungenauf der Seidenstraße auszuschalten. Ein langwieriges, teures und gefährliches Unterfangen. Vasco da Gama, Magellan und Kolumbus segelten nicht bloß als Abenteurer ins Unbekannte; sie sammelten unterwegs auch Kenntnisse und förderten indirekt den globalen Handel. Gleichzeitig befeuerten sie die Fantasie, vergleichbar der Eroberung des Weltraumes ein paar Jahrhunderte später.

Eine solche große Erzählung fehlt uns heute; stattdessen sind wir Besitzstandswahrer geworden, ängstlich um unsere Privilegien besorgt und existenzielle Wagnisse meidend. Konformismus allerorten. Stillstand ist allerdings gefährlich. Wer um nichts kämpfen muss, dem kommt der Lebensmut abhanden. Eine solche Sichtweise passt jenen nicht in den Kram, die den westeuropäischen Sozialstaat der Welt als Vorbild andienen wollen.

Bequemlichkeit, Sicherheit und Gleichschaltung sind bis zu einem gewissen Grad wünschenswert; aber unser Geist verlangt nach mehr. Bewohner von Wohlstandsparadiesen sehnen sich plötzlich nach tollkühnen Freizeitaktivitäten, weil ihnen das Leben zu fad wird. Natürlich muss sich nicht jede Kultur als draufgängerisch definieren; aber als alt und müde hat noch keine überlebt.

Was uns fehlt, ist eine neue, aufregende Vision – Europa als Einheitsstaat entflammt keine Herzen. Von den Buchhaltern unserer vergangenen Sünden sind keine zündenden Ideen zu erwarten. Menschen sind immer hungrig; wenn der Geist stumpf wird, amüsieren wir uns einfach zu Tode …

[Walter Braun]
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